CORONA-HOTSPOT

Wahl-Uckermärker gesteht: Ja, ich bin infiziert

Über Nacht sind Menschen wie Jörg Schramm zu gefürchteten Zeitgenossen geworden. Der 58-Jährige dürfte in der Uckermark aktuell nicht mal ins Hotel.
Jörg Schramm kommt seit 30 Jahren aus dem Kreis Gütersloh in die Uckermark. Jetzt trat er die Reise erstmals mit Bauchschmerzen an, obwohl er ein Negativ-Attest hat.
Jörg Schramm kommt seit 30 Jahren aus dem Kreis Gütersloh in die Uckermark. Jetzt trat er die Reise erstmals mit Bauchschmerzen an, obwohl er ein Negativ-Attest hat. privat
Die Bewohner im Hotspot-Landkreis können sich kostenlos testen lassen. Auch Jörg Schramm hat das getan. Sein Ergebni
Die Bewohner im Hotspot-Landkreis können sich kostenlos testen lassen. Auch Jörg Schramm hat das getan. Sein Ergebnis war wie erwartet negativ, versichert der 58-Jährige. Guido Kirchner
Prenzlau.

Seit 30 Jahren hat Jörg Schramm seinen Zweitwohnsitz in der Uckermark. Der 58-Jährige besitzt ein Anwesen im Boitzenburger Land und ist aktuell dabei, seine Umsiedlung in den Nordosten vorzubereiten. Sobald ab August seine Altersteilzeit greift, möchte sich der Angestellte eines großen Energieversorgers noch intensiver um seine Baupläne in Warthe kümmern. Perspektivisch sieht er seinen Hauptwohnsitz nämlich hier. Doch zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten trat Jörg Schramm am vergangenen Wochenende die Reise in die Uckermark mit gemischten Gefühlen an.

Der Grund: Er stammt aus Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh, lebt acht Kilometer vom Tönnies-Stammwerk entfernt. Und weil es in besagter Mega-Fleischfabrik kürzlich mehrere tausend Corona-Fälle gab, schlägt Menschen wie ihm jetzt eine Menge Hass entgegen, bilanziert Schramm. Dass die Einwohner über Nacht stigmatisiert und unter Generalverdacht gestellt wurden, macht ihn betroffen. Der IT-Experte erzählt von einer Bekannten, die ihre Tochter zum Studienort bringen wollte und dort von aufgebrachten Anwohnern attackiert wurde, weil ihr Auto das seit Kurzem gefürchtete GT-Kennzeichen hat.

Zum Glück anderes Kennzeichen

Jörg Schramm gibt zu, diesmal froh gewesen zu sein, dass er mit dem in einem anderen Bundesland zugelassenen Dienstwagen seiner Lebensgefährtin gen Warthe rollen konnte. Ihm macht die Hetzkampagne gegen die Bevölkerung seiner Heimat große Angst. Auch von dem in der vergangenen Woche ausgesprochenen Beherbergungsverbot in Brandenburg war der Nordrhein-Westfale enttäuscht, wie er betont: „Obwohl ich bis dato überzeugt war, dass der Herr Woidke in Sachen Corona einen guten Job macht und den Tourismus pflegt.“ Aber der SPD-Mann sei vermutlich einem wahnsinnigen Druck ausgesetzt gewesen, setzt Jörg Schramm, selbst in der CDU organisiert, fast entschuldigend hinzu. Er möchte die Ängste der Menschen in seiner Zweitheimat auch gar nicht kleinreden, wie Schramm versichert: „Ich wünsche mir nur, dass die Dinge differenziert betrachtet werden, ich möchte sensibilisieren.“

Was die Infektionen bei Tönnies anbelangt, bedeute „Ausbruch“ beispielsweise, dass die meisten Infizierten gar keine Symptome hätten, nur 20 lägen im Krankenhaus, lediglich drei würden beatmet. Auch diese Fälle möchte er selbstverständlich nicht herunterspielen. „Jeder einzelne ist schlimm. Aber über 1600 Menschen sind auch wieder genesen“, stellt er heraus.

Hoffentlich viele Touristen

Jörg Schramm ist so gut im Bilde, weil er seit über 21 Jahren als Stadtverordneter tätig ist und auch in dieser Funktion mit diesem Problem zu tun hat. Seine Partnerin und er haben den kostenlosen Corona-Massentest in Anspruch genommen, der beiden bescheinigt hat, nicht infiziert zu sein, um ruhigen Gewissens zum Zweitwohnsitz fahren zu können: „Mehrere tausend Tests wurden hier bereits durchgeführt, und die Infektion der Bevölkerung außerhalb des Tönnies-Bereichs ist marginal. Ich gehe fest davon aus, dass der Lockdown schnell aufgehoben wird. Damit wäre das Einreiseverbot wieder hinfällig. Ab Ende dieser Woche werden dann hoffentlich ganz viele Touristen aus den Kreisen Gütersloh und Warendorf nach Brandenburg stürmen und dort ihr Geld ausgeben. Ich mache jedenfalls Werbung dafür. Vor allem lobe ich immer wieder die Gastfreundlichkeit der Brandenburger.“ In Warthe selbst sei er gut aufgenommen worden. Sein erster Gang führte zum Bäcker, wo ihn die Verkäuferin herzlich begrüßte. Die Nachbarn brachten einen Rosenstrauß vorbei. Das wünscht er all seinen Landsleuten. Abschließend gibt Schramm zu: „Ja, ich bin infiziert. Mit dem Uckermark-Virus. Doch dagegen unternehme ich nichts.”

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Prenzlau

Kommende Events in Prenzlau (Anzeige)

zur Homepage