SKANDAL IN PRENZLAU

▶In Messie-Wohnung hausen Ratten (mit Video)

Monatelang haben sich Prenzlauer Mieter über schlimmen Gestank beschwert. Doch der Vermieter kam aus einem Grund nicht in die leerstehenden Räume.
Als die Beräumer der Firma Muchow in die Messie-Wohnung kamen, lagen dort mehrere tote Ratten.
Als die Beräumer der Firma Muchow in die Messie-Wohnung kamen, lagen dort mehrere tote Ratten. Claudia Marsal
Hans-Peter Wolf
Hans-Peter Wolf Claudia Marsal
So sah das Wohnzimmer aus.
So sah das Wohnzimmer aus. Claudia Marsal
Blick in den vermüllten Flur
Blick in den vermüllten Flur Claudia Marsal
Die verkeimten Geräte standen bereits draußen.
Die verkeimten Geräte standen bereits draußen. Claudia Marsal
Wochenlang standen im Flur alle Fenster auf.
Wochenlang standen im Flur alle Fenster auf. Claudia Marsal
Die Mieter mussten sich die Nase zuhalten.
Die Mieter mussten sich die Nase zuhalten. Claudia Marsal
Fetter Fund im Bad
Fetter Fund im Bad Claudia Marsal
Patricia Bähn fürchtete um ihr Baby.
Patricia Bähn fürchtete um ihr Baby. Claudia Marsal
Hinter der Wannenverkleidung saßen lebende Ratten.
Hinter der Wannenverkleidung saßen lebende Ratten. Claudia Marsal
Prenzlau.

Der bestialische Gestank im Haus und das Getrappel der kleinen Rattenfüße – nicht nur Mieterin Patricia Bähn ist in den letzten Wochen kaum zur Ruhe gekommen. Auch bei den übrigen Bewohnern ihres Hausaufgangs lagen die Nerven blank. Aber die Mutter eines fünf Monate alten Sohnes gehörte zu denen, die sich zur Wehr setzten. „Ich habe pausenlos den Vermieter genervt“, sagt die junge Frau im Gespräch mit dem Uckermark Kurier.

Bereits im November 2018 sei den älteren Mietern nämlich aufgefallen, dass ein anderer Bewohner nicht mehr zu sehen war. „Wir sind hier 1973 zusammen mit ihm eingezogen“, erzählt ein Ehepaar aus der zweiten Etage: „Da merkt man natürlich, wenn plötzlich einer fehlt.“ Doch alles Nachfragen habe zunächst keinen Erfolg gebracht. Sogar die Polizei hätten sie informiert, woraufhin die Beamten über den Balkon gestiegen seien und einen Blick ins Wohntzimmer geworfen hätten, sagt eine ältere Frau leise. „Aber mehr konnten die Polizisten offenbar nicht machen“, erinnern sich die Beteiligten zurück. Später habe es dann geheißen, dass der Mieter, ein älterer Herr Mitte 80, in ein Heim gekommen sei. „Da waren wir erstmal beruhigt. Doch dann fing der Gestank an.“

 

 

 

Patricia Bähn platzte der Kragen, als ihr beim Nachhausekommen vor ein paar Wochen plötzlich eine fette Ratte durch ein Fenster der besagten Erdgeschosswohnung entgegen guckte.

Protest hat wieder nichts gebracht

„Ich habe meinen Jungen gepackt, bin nach oben gerannt und habe mich ans Telefon geklemmt“, erzählt sie schaudernd. Doch ihr sei es so vorgekommen, als ob sie gegen eine Wand rede, setzt die Prenzlauerin empört hinzu. Selbst das Gesundheitsamt habe sie im Stich gelassen, ist von anderen Anwohnern zu vernehmen: „Wir haben die Mitarbeiter regelrecht angebettelt, etwas wegen des Ungeziefers zu unternehmen. Aber wir wurden abgewimmelt.“ Jeder Gang zur Toilette wurde den Hausbewohnern ein Graus. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Tiere über die Kanalisation nach oben gelangt wären. Die Zahl der Mieter, die der fetten Nager angesichtig wurden, wuchs mit jedem Tag.

Hans-Peter Wolf, Vorstand der Wohnungsgenossenschaft Prenzlau, will die Schilderungen seiner Mieter nicht klein reden. „Sie haben in allen Punkten recht“, räumt er am Donnerstagnachmittag auf Nachfrage der Presse ein. „Aber es ist nicht so, als ob uns das Problem egal gewesen wäre“, setzt er schnell hinzu: „Unserem Unternehmen waren schlichtweg die Hände gebunden.“ Fakt sei, dass in dem Block eine Wohnung seit Monaten ungenutzt war, weil der Mieter dort nicht mehr lebte. „Doch alle Bemühungen unsererseits, den Leerstand zu beenden, scheiterten an der fehlenden Einwilligung, die Räume betreten zu dürfen.“ Über seinen gerichtlichen Betreuer habe er ausrichten lassen, dass er das untersagt, erinnert sich Wolf zurück.

Später gab es dazu sogar ein unmissverständliches Gerichtsurteil. Weil der alte Herr nicht entmündigt war, habe man nichts machen können, wirbt Wolf um Verständnis für ihre missliche Situation.

Einigung nach langem Drängen

Auf ihr Drängen hin habe es Monate später dann endlich eine Einigung gegeben. So lange zog sich die Angelegenheit hin. „Er hat vor ein paar Tagen in die Kündigung eingewilligt, wodurch der Weg frei wurde für alle weiteren Maßnahmen“, so Wolf.

Zu Wochenbeginn machte der Kammerjäger bereits seine Arbeit. Danach kamen das Team einer Firma für Haushaltsauflösungen. Die zwei Männer standen am Donnerstag noch kniehoch im Müll. „Wir haben ja schon viel gesehen, aber das hier toppt das Ganze“, sagten sie dem Uckermark Kurier.

Ein blauer Sack mit toten Ratten lag da bereits im Flur. Beim Abriss der Wannenverkleidung stießen die Mitarbeiter im Beisein des Uckermark Kurier auf zwei weitere lebende Exemplare. Wie viele Tiere bereits durch das Loch in der Küchenwand in die Dämmung vor dem Wohnblock entflüchtet waren, vermochten sie nicht zu sagen. „Davon, dass hier alle tot sind, kann jedenfalls keine Rede sein.“ Stephanie Friedel aus der Wohnung genau gegenüber verfolgte die Entmüllungsaktion mit angewidertem Gesicht. Auch ihre beiden kleinen Kinder hielten sich die Nasen zu. „Ganz schlimm, was wir hier in den letzten Wochen durchmachen mussten“, erklärte die Frau.

Aus hygienischer Sicht eine Katastrophe

Sie hat kein Verständnis dafür, dass so lange nicht gehandelt wurde. „Das hier ist aus hygienischer Sicht doch eine absolute Katastrophe“, setzten andere Bewohner entrüstet hinzu. Hans-Peter Wolf von der Wohnungsgenossenschaft sieht das nicht anders, doch das sei eben deutsches Recht.

Wenn sie sich dennoch Zugang zu den Räumen verschafft hätten, wäre das als Einbruch gewertet worden. „So sind hierzulande die Gesetze. Die Mieter werden in jeder Hinsicht gestärkt. Aber so etwas wie Vermieterschutz gibt es nicht.“ Der Vorstand betont, dass diese Wohnung beileibe kein Einzelfall sei. Immer öfter habe die Genossenschaft mit Messietum zu tun und dann allergrößte Schwierigkeiten, diese Mietverhältnisse zu beenden. „Soweit hätte es nicht kommen dürfen“, da ist Hans-Peter Wolf einer Meinung mit den übrigen Mietern.

Auch er äußert sein Unverständnis darüber, dass das Gesundheitsamt nicht tätig geworden sei. „Die hätten doch vielleicht noch andere Rechtsgrundlagen gehabt.“ Eine diesbezügliche Anfrage beantwortete die Kreisverwaltung Uckermark wiefolgt: „Am 2. Oktober 2019 wurde das Gesundheitsamt durch Bewohner des Hauses telefonisch über die von Ihnen angesprochenen Probleme informiert.“ Die Behörde habe daraufhin Kontakt zum Gebäudeeigentümer aufgenommen, um die weitere Vorgehensweise abzustimmen.

Eigentümer hatte das Amt informiert

Seitens des Eigentümers sei informiert worden, dass bereits eine Schädlingsbekämpfung in Auftrag gegeben wurde und eine Räumung der Wohnung erfolgen wird. „Heute Nachmittag – kurz vor Ihrer telefonischen Anfrage – hat der Eigentümer das Gesundheitsamt darüber informiert, dass Räumung und Schädlingsbekämpfung kurz vor dem Abschluss stehen und im nächsten Schritt auch daran gearbeitet wird, die Geruchsbelästigung zu beseitigen. Insofern hat das Gesundheitsamt im Rahmen seiner Zuständigkeit unterstützend mitgewirkt. Wohnungsräumung, Schädlings- und Geruchsbeseitigung liegen in Verantwortung des Eigentümers, der diese auch wahrgenommen hat“, erklärte Sprecherin Ramona Fischer abschließend.

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