OHNE PERSPEKTIVE

Brüssower Ehepaar ist am Ende seiner Kräfte

Der Rücken von Roland Gombert ist kaputt. Zudem bekam er Depressionen. Nun kämpfen seine Frau und er seit Jahren um eine Rente – bisher vergeblich.
Beate und Roland Gombert in ihrem Garten in Brüssow
Beate und Roland Gombert in ihrem Garten in Brüssow Christin Gombert
Brüssow.

Manche Geschichten lassen auch den abgebrühtesten Menschen nicht kalt. Nur schwer kann man sich vorstellen, dass so etwas in einem reichen Land wie der Bundesrepublik möglich ist. Doch es gibt sie. Das Ehepaar Gombert aus Brüssow erlebt schon seit einigen Jahren einen Schicksalsschlag nach dem anderen. Inzwischen geht es an die Substanz, denn die Ersparnisse sind weitgehend aufgebraucht. In ihrer Verzweiflung wandte sich Beate Gombert an den Uckermark Kurier.

Angefangen habe das Drama am 17. April 2017, als ihr Mann Roland krankgeschrieben wurde, erzählt Beate Gombert. Die Diagnose damals, Rückenschmerzen. Bandscheiben und Wirbelsäule seien in Mitleidenschaft gezogen. Bis dahin war Roland Gombert ein lebenslustiger Mann. Zu DDR-Zeiten hatte er als Landmaschinenschlosser gearbeitet. Als kurz nach der Wende viele LPG-Mitarbeiter entlassen wurden, ging er nicht etwa zum Arbeitsamt. Im Gegenteil, Roland Gombert erfüllte sich einen Kindheitstraum und wurde Lkw-Fahrer. In den folgenden Jahren fuhr er mit seinem Schwerlastzug kreuz und quer durch Europa. „Eine schöne Zeit ist das für ihn gewesen“, erzählt seine Frau. Am Schluss, kurz vor der Krankschreibung, habe er große Holztransporte gefahren. „Mein Mann ist bis dahin nie beim Arbeitsamt oder Job-Center gewesen“, sagt Beate Gombert.

Kündigung ein weiterer Schlag

Doch mit der Krankheit kamen die Schmerzen. Mit den Schmerzen die Depressionen. Die Kündigung war nur ein weiterer Schlag. Roland Gombert veränderte sich. Zog sich zurück. Im Frühsommer 2018 erlitt der damals 56-Jährige dann einen Schlaganfall. Es folgte ein längerer Krankenhausaufenthalt mit anschließender Rehabilitation. „Aber er hat die falsche Reha bekommen. Die sind dort überhaupt nicht auf seine Schmerzen und seine Depressionen eingegangen“, beklagt die Brüssowerin. Psychosomatische Angebote habe es keine gegeben. Somit sei es kein Wunder, dass die Rehabilitationsmaßnahme nichts gebracht habe.

Etwas Gutes hatte die Maßnahme dennoch. Während der Reha lernte er Menschen mit ähnlichen Symptomen kennen. Menschen, die ihn und seine Situation verstanden. In der Folge fuhr er öfter nach Berlin, um die neuen Freunde zu besuchen und bei der Tafel zu helfen. „Das hat ihm gut getan“, weiß seine Frau. Aber irgendwann ging auch das nicht mehr. Körperlich und auch finanziell. Nachdem das Krankengeld endete, bekam Roland Gombert Arbeitslosengeld und stellte einen ersten Rentenantrag, der umgehend abgelehnt wurde.

Zwei Operationen erforderlich

Im Januar 2019 dann die erste Operation in Neubrandenburg. Aber die sei schief gegangen, erinnert sich Beate Gombert zurück. „Es gab auf einer Körperseite Lähmungserscheinungen und die Drainage lief nicht ab.“ Deshalb wurde zwei Tage später, an einem Sonntag, erneut operiert. Diesmal vom Chefarzt persönlich. Diese Operation gelang. Nach knapp zehn Tagen durfte Roland Gombert zurück nach Hause. Die ganze Zeit über sei ihr Mann in psychologischer Betreuung bei einem Psychologen in Prenzlau gewesen. Aber was soll man tun, wenn einem die Perspektive fehlt? Trotzdem er inzwischen zu 60 Prozent schwerbehindert ist, wird 2019 auch der zweite Rentenantrag abgelehnt. Ein erneuter Rückschlag.

Dass die ganzen Probleme auch an Beate Gombert nicht spurlos vorüber gegangen sind, ist nicht verwunderlich. Der Stress mit den Behörden, die Sorgen um ihren Mann und die Zukunft haben die Brüssowerin krankgemacht. Nach einem mehrtägigen Krankenhausaufenthalt in Rostock kehrte sie im Februar 2020 etwas früher als erwartet nach Brüssow zurück. Ihr Mann sei zu Hause gewesen und habe sie begrüßt, sagt sie. Dann habe er sich zurückgezogen. „Plötzlich habe ich Taschenlampen auf dem Hof gesehen und kurz danach standen sechs Männer in meinem Wohnzimmer. Von der Polizei und vom Rettungsdienst“, erinnert sich die 58-Jährige an diesen dramatischen Augenblick.

Suizid angekündigt

Erst später wird sie darüber aufgeklärt, wie es dazu kam. Ihr Mann hatte mit Freunden aus Berlin telefoniert und einen Suizid angekündigt. Er wollte nicht mehr, konnte nicht mehr. Die Berliner Freunde hatten die Behörden informiert und diese waren sofort losgefahren. Für Beate Gombert war es ein Schock. „Mein Mann hatte früher immer einen Scherz auf den Lippen. Er hat das Leben geliebt. Und dann so etwas!“ Dennoch sei Roland an diesem Abend auf eigenen Wunsch nicht mit dem Rettungsdienst mitgefahren.

Seit diesem Tag lässt Beate Gombert die Angst nicht mehr los. „Ich weiß nicht, was wäre passiert, wenn ich nicht früher aus Rostock zurückgekommen wäre?“ Bei ihrem Mann habe das Erlebnis bewirkt, dass er sich selbst Hilfe suchte. Im Februar dieses Jahres ging er in eine Tagesklinik nach Neubrandenburg. Hier werden Menschen mit ähnlichen Problemen behandelt. Sechs Wochen Aufenthalt. Das zeigte Wirkung. Eine Besserung trat ein. Doch trotz der 18 Tabletten, die er am Tag schlucken muss, sind Spaziergänge kaum möglich. Es geht immer nur ein kleines Stück, dann werden die Schmerzen einfach zu groß. Im März wird dann die Behandlung abgebrochen – wegen der Corona-Krise.

Kampf mit den Behörden

Seitdem ist es ein Kampf mit den Behörden. Denn auch das Arbeitslosengeld II wurde nicht bewilligt. Beate Gombert, die immer noch krankgeschrieben ist, bekommt – nach Meinung des Amtes –zu viel Geld. Sie haben ihren Fall an einen Rechtsanwalt in Prenzlau übergeben, der noch einmal ein Schreiben mit Dringlichkeit an die Rentenkasse geschickt hat. Bislang gab es darauf keine Antwort. „Wir haben uns einen bescheidenen Wohlstand erarbeitet. Den wollen wir nicht verlieren“, sagt die 58-Jährige. „Was zählt in diesem Staat ein Menschenleben?“

In dieser Woche hat sie selbst in Neubrandenburg eine Untersuchung. Sie hat Atemnot und Herzprobleme. Dennoch will, muss sie sich gesundschreiben lassen. „Wir sind ganz normale Leute, die ihr Leben lang gearbeitet haben.“ Dazu die Angst, dass sich das Erlebte noch einmal wiederholt. Beate Gombert kann nicht verstehen, warum ihr Mann keine Rente bekommt. „Er hat sein ganzes Leben gearbeitet. Wenigstens für zwei Jahre, dass er sich wieder richtig erholen kann. Damit wir vielleicht wieder so leben können wie vorher.“

Vorerst Tabletten schlucken

Das Gerichtsverfahren, welches das Ehepaar mit seinem Rechtsanwalt in Neuruppin gegen die Rentenversicherung angestrengt hat, lässt noch auf sich warten. Ein Mitpatient in der Tagesklinik habe ihm erzählt, dass sein Kampf um die Rente fünf Jahre gedauert habe, sagt Roland Gombert. Die beiden hoffen inständig, dass es in Rolands Fall nicht so lange dauert. Ein Nahziel hat der Brüssower aber vor Augen. „Wenn das mit Corona irgendwann vorbei ist, gehe ich wieder zurück in die Klinik nach Neubrandenburg.“ Das sei schon fest mit der dortigen Stationsleitung abgesprochen. Bis dahin heißt es warten und Tabletten schlucken, auch wenn die nur kurzzeitig Erleichterung bringen.

Auf Nachfrage des Uckermark Kurier haben das Jobcenter und das Sozialamt den Sachverhalt geprüft. „Das Ehepaar hat aufgrund der Höhe des Krankengeldes der Ehefrau keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Der Ablehnungsbescheid ist am 12. Mai 2020 erstellt worden“, heißt es aus dem Jobcenter. Aufgrund der Ablehnung des Jobcenters bestehe aber die Möglichkeit, dass die Wohngeldstelle des Landkreises Uckermark (Sozialamt) einen Anspruch auf Lastenzuschuss für das selbstgenutzte Eigenheim prüft. „Dafür müsste sich das Ehepaar an die Wohngeldstelle wenden und einen eventuellen Anspruch prüfen lassen“, teilte Ramona Fischer, die Pressesprecherin des Landkreises, mit.

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Kommentare (9)

Es ist schon unglaublich wie in diesem Staat mit Menschen umgegangen wird ich kenne selber ähnliche Fälle wo sich die Rentenversicherung sowie das Jobcenter gegenseitig den schwarzen Peter zuschieben.
Warum für solche wie hier geschilderten fälle kein Geld da ist aber für Ausländer die Kohle nur so raus geschleudert wird ist absolut unverständlich.

Sie haben vollkommen recht, aber jetzt kommt gleich wieder die Nazikeule.

Die Ausländer bekommen kein ALG-II oder eine Rente überwiesen. Ausländer beziehen das SGB-XII. Das ungerechte daran ist, sie haben hier vorher nie eingezahlt, haben aber vollen Anspruch auf alle Leistungen und das hinzu alles Sanktionsfrei. Im Falle des Brüssower Ehepaars kann ich nur sagen, der Fehler war die OP. Ein Fitnessstudio und ein längeres Wochenende wären damals für den Rücken besser gewesen. Doch in unserem kommerziellen Gesundheitssystem sind schnelle OP's und einseitige Gewinne wichtiger als die Gesundheit eines Menschen. Aus diesem Grund leben die Deutschen in einem völlig falschen System. Wir müssen lernen alles in Frage zu stellen! Ich kann dem Ehepaar nur wünschen einen echten Arzt zu finden, der die Fehlerhafte OP nochmal korrigiert, dann könnte zumindest er wieder zurück zum normalen Alltag finden.

sind sicherlich auch der Grund, warum die Renten in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. 2015 und 2016 - auf dem Höhepunkt der Zuwanderung - 2,5 bzw. 5,95%. Einfach übelste rassistische Hetze, die hier verbreitet wird!

Die Renten werden auch weiterhin steigen, weil die Inflation und die Nebenkosten wie Miete alles auffressen werden. Mit Hetze und Rassismus hat das nichts zu tun, ich kritisiere nur ein Sozialsystem das man einfach so eingeführt hat!

Erwartet man, durch einen Zeitungsartikel Ämter zu bewegen, gegen geltende Vorschriften zu verstoßen?

Gegen welche Vorschrift genau wird denn verstossen?

Ein Ehepaar mit Eigenheim. Eine Ehefrau die scheinbar so viel Krankengeld erhält, dass kein ALG II gezahlt werden darf. Und die Prüfung nach Wohngeld steht aus.
Es wäre immer besser auch mal Geldbeträge in solch einem Artikel zu nennen. Dann hört das Spekulieren auf.

Dem Mann aber erstmal Gute Besserung und eine erfolgreiche Behandlung in Neubrandenburg, wo wie anderswo ausländische Ärzte und Pfleger arbeiten und eine Stütze darstellen, die einfach mehr Aufmerksamkeit braucht!

Wer in meinem beitrag etwas Rassistisches findet hat eben nichts verstanden, jucken tut mich das aber auch nicht. Mir ging es darum das der Mann einfach seine Rente bekommen sollte und gut.

Mir persönlich sind die Ausländer Wurst solange wie sich benehmen, wer sich nicht benehmen kann müsste sofort abgeschoben werden.

Für die 60 prozentige Behinderung interessiert sich sowieso kein Mensch,ist für Gutachter und Gerichte unrelevant,gibt einige mit weniger und sind besser drauf aber in Rente gekommen und es gibt Fälle mit 90 Prozent die kaum noch krauchen können und die Gerichte sagen,daß man ja noch Zuhause Kugelschreiber zusammenbauen kann.
Bin etwas jünger und was ich alles habe schreibe ich jetzt nicht,geht ja hier um ein Ehepaar das verdamnt nochmal Hilfe brauch und bestimmt nicht aus Spaß an die Öffentlichkeit geht. Versuche auch schon viele Jahre in Rente zu kommen,aber mein Orthopäde sagt immer das ich blos nicht Klagen soll weil es Jahre dauern kann trotz Anwalt,dann lieber jedes halbe Jahr ein neuen Antrag stellen und weiter hoffen bis mal einer der wenigen menschlichen Gutachter ein Herz zeigt.
Aber der Bericht zieht mir ja alles aus,soll das Ehepaar auf der Straße landen oder was,kann echt nicht wahr sein.Ich hoffe das es doch bald noch hier an dieser Stelle gute Nachrichten gibt und wünsche dem Ehepaar alles erdenklich Gute.