NEUBRANDENBURGER FOOTBALLER

Vom Tollensesee über den großen Teich

„Ich hätte ihn umbringen können“, war Katrin Dohns erster Gedanke, als sie von einer Whatsapp-Nachricht des Football-Trainers Mario Baierl an ihren Sohn erfuhr. Doch sie hat sich beruhigt und ihr Sohn Luca ist mittlerweile auf dem Sprung in die USA.
Zwei Footballer – ein Traum: Luca Dohn (links) und Ben Baierl sind heiß auf Amerika.
Zwei Footballer – ein Traum: Luca Dohn (links) und Ben Baierl sind heiß auf Amerika. Peter Krüger
Neubrandenburg.

Das erste Wochenende im August, so Luca Dohn, habe sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Und der August des kommenden Jahres soll es dann bestenfalls noch mal tun. Dann nämlich würde der heute 17-Jährige liebend gern in den Flieger steigen, über den großen Teich fliegen und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten aufschlagen.

Amerika ist das große Ziel von Luca Dohn. Dort will er hin, dort will er Football spielen. Noch vor wenigen Monaten hätte Dohn davon noch gar nicht mal zu träumen gewagt. Doch dann kam urplötzlich diese Whatsapp-Nachricht von Mario Baierl, seinem Coach bei den Tollense Junior Sharks.

Mit dem Hinweis, dass am ersten Augustwochenende wieder dieses Camp von Björn Werner stattfindet. Es ist eines dieser Camps, die jungen Footballern den Sprung nach Amerika, dem Mutterland des Sports, ermöglichen soll. Björn Werner, mittlerweile 29 Jahre alt, ist eine Football-Legende.

Vierjahresvertrag als Profi in der NFL

Er kommt aus einfachen Verhältnissen, war schon als Jugendlicher sehr athletisch und talentiert, über 1,90 Meter groß. Er bekam ein High-School-Stipendium in Connecticut, wechselte dann an die Uni von Tallahassee in Florida. Dann wurde er, als erster Deutscher überhaupt, in der ersten Draft-Runde, einem komplizierten Verfahren im US-Profisport, in dem es darum geht, welcher Nachwuchsspieler zu welchem Klub geht, von den Indianapolis Colts verpflichtet.

Der Junge aus Berlin-Wedding unterschrieb 2013 einen Vierjahresvertrag bei dem berühmten NFL-Klub. Ungefähr zehn Millionen Dollar war diese Unterschrift wert. Ein Traum ging in Erfüllung. Björn Werner spielt inzwischen nicht mehr. Zu viele Verletzungen und Operationen.

Sein Körper macht die enormen Strapazen nicht mehr mit. Aber finanziell hat er ausgesorgt. Und kann sich daher dem deutschen Nachwuchs widmen, der ähnliche Träume hat wie eben er damals. Vor drei Jahren hat der ehemalige NFL-Spieler „Gridiron Imports“ gegründet. Unter diesem Namen veranstaltet Werner seitdem in verschiedenen europäischen Städten diese zweitägigen Sichtungslehrgänge.

 

In der „Athletenschmiede“ wurden Grundlagen gelegt

Und Anfang August fand sich eben auch Luca Dohn aus Neubrandenburg in der Teilnehmerliste dieser Lehrgänge wieder. Zwei Tage Berlin, zwei Tage Björn-Werner-Camp. Zwei Tage voller Schweiß und Hoffnung. Obwohl, so erinnert sich Dohn, „viel Erwartungen hatte ich nicht wirklich“.

Investiert hat er dafür knapp 60 Euro – und jede Menge Trainingsfleiß. Dohn fing an, Sonderschichten im Training zu schieben, sich intensiv auf dieses Camp vorzubereiten. Viel Zeit hat er dabei in einem Fitnesscenter, der sogenannten „Athletenschmiede“, wie sein Trainer Mario Baierl lachend sagt, verbracht.

Seit 2015 ist Luca Dohn bei den Tollense Sharks, erst bei den sogenannten Flags (dort wird noch ohne Körperkontakt gespielt), vor knapp zwei Jahren ging es dann hoch zu den Junior Sharks. Und nun eben zum Werner-Camp, wo es auch gar nicht mal so übel lief.

Kurz vor dem Herzstillstand

Schon am ersten Tag wusste Dohn zu überzeugen und machte auf sich aufmerksam. Doch das hatte ordentlich Körner gekostet. „Wir mussten ihn dann am Abend quasi mit Reis füttern, damit er wieder zu Kräften kommt und auch den zweiten Tag im Camp übersteht“, so Mutter Kathrin Dohn.

Noch Wochen zuvor war sie dem Herzstillstand nahe, als sie von den Whatsapp-Nachrichten mit den Camp-Terminen des Trainers Mario Baierl an ihren Sohn erfuhr. „Ich hätte Mario umbringen können“, so Kathrin Dohn lachend. Denn sie wusste genau, was eine erfolgreiche Camp-Teilnahme für Folgen haben könnte.

Eine dieser Folgen wäre, dass Sohn Luca das heimische Kinderzimmer für eine amerikanische College-Bude eintauschen könnte. Und damit auf den Spuren seines Kumpels und ehemaligen Mitspielers Ben Baierl wandeln würde. Ben, der Sohn vom Trainer, hat das alles schon durch.

Vater bekam Visitenkarten zugesteckt

Damals, im August 2017, nahm auch er auf Anraten seines Vaters an einem Werner-Camp teil. Nicht in Berlin, sondern in Hamburg. Knapp 150 Teilnehmer im Alter von 14 bis 19 Jahren waren damals im Camp dabei, fünf oder sechs haben den Sprung in die USA geschafft. Einer von ihnen: Ben Baierl.

Und das ging alles ganz schnell.Schon im Camp hatte sein Vater auf der Tribüne ein paar Visitenkarten von amerikanischen Coaches zugesteckt bekommen, wusste „damit aber nichts anzufangen“. Dann kam urplötzlich die Frage von Björn Werner: „Wie schnell kannst du nach Amerika rüber?“

Baierl schluckte und war ziemlich baff. Danach ging es mit der Familie in den Ostseeurlaub nach Freest. Doch so richtig erholen konnte sich der damals 17-Jährige Baierl dort nicht, denn zu diesem Zeitpunkt wurde sein komplettes Leben von rechts auf links gedreht.

Ein Anzug musste gekauft werden

Zwei amerikanische Schulen zeigten gesteigertes Interesse, wollten Baierl am liebsten sofort in die Staaten lotsen. Und Baierl selbst wollte auch. „Das war purer Stress“, erinnert sich Vater Mario. Es wurde stundenlang mit den Amerikanern geskypt, nebenbei ein Reisepass und ein Visum besorgt.

Ein Anzug musste gekauft werden, da am College, für das sich Ben Baierl letztendlich entschieden hatte, Anzugspflicht besteht. Und plötzlich saß er im Flieger und war weg. „Das war schon komisch“, spricht Vater Mario von einem Gefühl aus Wehmut und Stolz. Doch er wusste selbst, dass dem jungen Mann, der gerade im Flieger von Frankfurt am Main nach Amerika saß, eine große Chance im Leben geboten wird.

 

Ein College in der Nähe von Pittsburgh

Und das will er gar nicht aufs Sportliche reduzieren, sondern vielmehr allgemein gelten lassen. „Das ist doch eine Riesenchance für den Jungen. Er kann dort so viel Neues kennenlernen.“ Angefangen von der Sprache, einem anderen Land mit seiner Kultur und Gewohnheiten.

Seit Ende August 2018 besucht Ben Baierl nun schon das Kiski-College in der Nähe von Pittsburgh. Landschaft und Klima dort seien mit dem „hier in Mecklenburg, Thüringen oder im Harz“ vergleichbar. Insgesamt 200 Schüler im Alter von 14 bis 19 Jahren (reine Jungenschule) sind dort im College, leben zusammen mit den Lehrern auf dem Campus.

Der einzige Ossi

Vormittags wird unterrichtet, nachmittags trainiert und abends dann nach einer Stunde Freizeit steht noch gemeinsames Hausaufgaben machen auf dem Plan. Der Tagesablauf ist genau durchstrukturiert. Am Wochenende steht dann zumeist ein Spiel auf dem Programm.

„Mein erstes Spiel war gleich unter Flutlicht, ein Nachtspiel – wir haben gewonnen“, erinnert sich Baierl an eine seiner ersten neuen Erfahrungen. Insgesamt gab es fünf Siege und drei Niederlagen mit seinem Team, in dem neben ihm noch drei weitere Deutsche mitspielen. „Ich bin aber der einzige Ossi“, so Baierl.

 

Kosten für Schulbücher können schnell explodieren

Bald aber wird der „einzige Ossi“ das Kiski-College verlassen – die High-School wartet. Welche genau, weiß der mittlerweile 19-Jährige jedoch noch nicht. Bis es soweit ist, wird er nebenbei auch den Weg seines Kumpels Luca Dohn verfolgen.

Der hinterließ auch am zweiten Camp-Tag einen hervorragenden Eindruck und hat nun zehn Interessenten „an den Hacken“. Interessenten bedeuten jedoch nicht gleich Angebote, weiß Dohn. Nun kommt die Zeit, wo man einander „abklopft“ und im Idealfall zueinander findet.

„Aus sportlicher Sicht sehe ich gar kein Problem, dass Luca den Sprung dorthin schafft. Entscheidend ist vielmehr der finanzielle Faktor“, so Coach Baierl. Und der ist von College zu College unterschiedlich. Das meiste kann im Idealfall ein Stipedium abdecken, doch hier und da lauern laut Baierl ein paar versteckte Kosten.

Zum sechsten Mal auf Heimaturlaub

„Da können die Schulbücher oder auch der Taschenrechner schnell mal ein paar Hundert US-Dollar kosten.“ Und dieses Geld kommt dann natürlich vom elterlichen Konto. „Ohne unsere Eltern könnten wir das alles gar nicht machen, dafür sind wir auch extrem dankbar“, so Luca Dohn abschließend.

Kumpel Ben Baierl, der mittlerweile zum sechsten Mal auf Heimaturlaub und nun über Weihnachten bis Neujahr zu Hause ist, nickt zustimmend. Auch als Dohn schnell noch ein Lob hinterherschiebt: „Ohne unseren Coach Mario Baierl hätten wir das Ganze vergessen können.

Er hat uns erst geformt und gefördert, unser Potenzial gesehen und uns zum Camp gebracht.“ Auch Mutter Kathrin ist inzwischen froh darüber – und umbringen will sie den Trainer ihres Sohnes mittlerweile auch nicht mehr.

Wer jetzt Lust auf American Football bekommen hat, kann gern Kontakt zu den Tollense Sharks aufnehmen. Flag Sharks (10-15 Jahre), Junior Sharks (bis 19 Jahre), Herrenteam (ab 19 Jahre)

www.tollensesharks.de oder Telefon 0176 43242551

 

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