Christian Schenk

:

„Ich sehe mich nicht als Opfer des DDR-Sportsystems“

Christian Schenk, hier bei einer Lesung in Rostock, hat ein Buch über sein bewegtes Sportlerleben geschrieben. 
Christian Schenk, hier bei einer Lesung in Rostock, hat ein Buch über sein bewegtes Sportlerleben geschrieben.
Danny Gohlke

30 Jahre nach seinem Zehnkampf-Olympiasieg für die DDR hat Christian Schenk Doping zugegeben. Im Gespräch mit Nordkurier-Reporter Thomas Krause gibt der 53-Jährige Einblick in sein Sportlerleben.

In den sozialen Netzwerken gibt es nach Ihrem offenen Umgang mit Ihren psychischen Problemen ganz viel positive Resonanz. Jemand schrieb, das sei größer als Ihr Olympiasieg 1988. Wie sehen Sie das?

Nein, mit Sicherheit nicht. Dafür ist zu viel für den Olympiasieg geleistet worden. Woher jetzt genau meine Depressionen kommen, ist ja so genau nicht darstellbar. Der Olympiasieg ist in gewisser Weise von meinem vierten Lebensjahr an erarbeitet worden und eine große Leistung. Bei meiner Krankheit ist es von großer Wahrscheinlichkeit, dass sie zum Teil genetisch veranlagt ist und dass bestimmte Situationen wie mein Olympiasieg, der Tod meiner Mutter oder die schwere Verletzung am Ende meiner Karriere mit dem Muskelabriss in meinem Oberschenkel auslösende Momente waren, die dazu beigetragen haben, dass es zum Ausbruch der bipolaren Störung kommt.

Haben Sie die vielen
positiven Rückmeldungen überrascht?

Ich war ja den Sommer über sehr depressiv. Als es im September wieder aufwärts ging und dann die Veröffentlichung meines Buches anstand, war die Anspannung schon groß, wie das Ganze aufgenommen wird. Der Großteil rechnete mir aber vor allem die Ehrlichkeit an, auch wenn sie verspätet kam. Dies war für mich wie ein zusätzlicher Heilungsschub und hat dazu beigetragen, dass ich seit zwei Monaten keine depressive Phase mehr hatte.

Wie geht es Ihnen momentan?

Mir geht es seit September wieder gut. Das mache ich fest am guten Schlaf, an Aufgaben, die ich wieder habe, an der Bewegung. Ich habe wieder Freude an der Zukunft. Das alles sind Dinge, die während der schlechten Phasen der Krankheit nicht stattfinden.

Mit Verlaub, Sie sind immer noch ein Kerl wie ein Baum. Wie schwer fällt es da, künftig immer mit Tabletten leben zu müssen?

Also, das ist auch immer eine große Diskussion, die ich mit Professoren aus Greifswald und Stralsund führe. Sie sagen, dass ich wegen der Depression ein Leben lang mit Tabletten leben müsse, weil diese eine Stabilität garantieren würden. Es gibt wohl Alternativmethoden, aber ich lebe erst einmal mit den Tabletten. Zweimal hatte ich sie aus Unachtsamkeit nicht genommen und bin sofort wieder in die Depression gerutscht.

In den Kommentaren in sozialen Netzwerken ging es vor allem um Ihre Depression, Ihr Dopinggeständnis war nicht so das Thema. Wie nehmen Sie das wahr?

In dem Buch waren von 250 Seiten nur sechs Seiten über Doping. Die Krankheit ist darin ja das viel umfassendere Thema. Mein Krankheitsbild haben etwa eine Million Menschen in Deutschland und Depressive gibt es natürlich viel viel mehr. Ich glaube, dadurch ist das Interesse daran viel höher als an der Thematik Doping.

Wollen sich vielleicht Menschen auch nicht ihr DDR-Sportidol Christian Schenk kaputt machen lassen durch dieses Thema?

Es kann natürlich sein, dass man jetzt in einem System lebt, wo manche sagen, es darf dem Osten nicht alles weggenommen werden. Dabei ist wichtig festzustellen, dass der Deutsche Olympische Sportbund vor einigen Jahren eine Studie in Auftrag gegeben hat, die sich mit den Dopingvergehen in der Bundesrepublik beschäftigt hat. Nur, darüber wurde nicht groß gesprochen, erst recht wurden keine Namen veröffentlicht. Dagegen wurden und werden DDR-Sportler generell immer mit Doping in Verbindung gebracht.

Sie sagen, Doping sei damals normal gewesen.

Ja, und wie es zur Dopingeinnahme gekommen ist, war auch normal. Wenn du als 17- oder 18-Jähriger von deinem Trainer oder Vorgesetzten erfährst, du kannst zur Weltmeisterschaft oder zu Olympischen Spielen fahren, dafür musst du aber vorher diese Tabletten nehmen, sagst du als junger Athlet immer Ja – wie du auch zu allen Trainingsmethoden Ja sagst, und wenn sie noch so hart sind, wie es bei mir war.

Viele haben Ihr Geständnis begrüßt, fragen sich aber, warum erst jetzt. Warum?

Als ich gefragt wurde, ob ich ein Buch machen will, über 30 Jahre Olympiasieg, den Hintergrund Ost-West und über mein Leben überhaupt, war klar, dass es nur geht, wenn ich auch zum Thema Doping die Wahrheit sage. Sicher half auch, dass das IOC sagte, dass mir der Olympiasieg auf jeden Fall bleibt.

Es heißt, Sie hätten schon 1990 über eine Dopingbeichte nachgedacht. Es soll damals aber einen Beschluss des Weltleichtathletikverbandes gegeben haben, wonach sechs Jahre rückwirkend Medaillen aberkannt werden. Sie wären damit ihr Olympiagold losgeworden.

Es gab damals zusammen mit einem Journalisten Überlegungen, was ist, wenn ich etwas sage. Aber ich wäre damals zum Bauernopfer geworden, hätte alles verloren, meine Medaillen, mein Image und Geld. Dann haben wir klar gesagt, dass wir es nicht machen. Die Absicht gelangte damals an die Öffentlichkeit. Ich habe dann die Formulierung gewählt, ich hätte nicht wissentlich Dopingmittel genommen.

Zehnkampf-Europameister Arthur Abele hat Sie scharf kritisiert. Können Sie Ihn verstehen?

Natürlich kann ich das nachvollziehen. Er ist ein Top-Athlet, der bei der EM in Berlin eine Traumleistung gebracht hat. Dass er mich kritisiert, kann ich ihm nicht verübeln. Per se hat er recht, aber er kennt mich nicht und eben auch nicht die Hintergründe.

Räumt Ihr Doping-Geständnis nicht endgültig mit der Mär auf, die meisten DDR-Sportler hätten vom Doping-System nichts gewusst?

Die Sportler haben es untereinander nicht gewusst. Das sage ich immer wieder, jedenfalls war es bei mir so. Es war wie mit einem Arbeitsvertrag, darüber spricht man auch nicht mit den Kollegen. So war es auch unter den Top-Athleten. Da wusste keiner, was der andere für Mittel bekommt. Deshalb kann ich auch nicht über andere sprechen.

Sie sagen, für sie war Doping ein weiterer Schritt, nach ganz oben zu kommen.

Ja, wenn man sich ein Sportlerleben wie meins anschaut. Ich habe mit vier Jahren mit Sport angefangen, bis zu meinem neunten Lebensjahr geturnt. Dann wollte ich Tennisspieler werden. Da sagte mein Vater aber, da kommste nur bis Prag. Wenn du in die große Welt hinaus willst, musst du zur Leichtathletik gehen. Und dann hast du später die Chance, mit einem Olympiatrainer zu trainieren, zur WM oder zu den Spielen zu fahren. In der DDR gab es in der Beziehung zum Trainer eine gewisse Hörigkeit, die war bei mir stark ausgeprägt. Was er verlangte, war Gesetz. Ich wollte es eben unbedingt nach ganz oben schaffen und dafür hart trainieren. Und irgendwann kam dann dieser Trainer und gab dir die Pillen, also hast du die genommen – für dein großes Ziel. Und für den Sozialismus, so haben sie es uns eingebläut.

Haben Sie damals Nebenwirkungen gespürt?

Nein, keine. Ich hatte 1994 nach einer schweren Verletzung, nach der ich von heute auf morgen aufhören musste, erstmals einen schweren Einbruch, eine sogenannte Entlastungsdepression. Ich hatte vorher bis zu 40 Stunden in der Woche trainiert und plötzlich ganz viel Zeit, wusste mit dieser Zeit aber nichts anzufangen. Ein Arzt sagte mir damals, ich sei depressiv, was ich nicht glauben wollte, weil ich mich für etwas Besonderes hielt. Aber in der Krankheit ist niemand besonders. Ich habe das dann viele Jahre verdrängt, bis ich mich 2009 in eine Klinik begeben musste.

Der Dopingopfer-Hilfeverein ist zuletzt in die Kritik geraten wegen möglicher Trittbrettfahrer, Leuten, die nur auf die Opferentschädigung aus sind. Der DOH bestreitet das. Wie denken Sie darüber?

Ich glaube, etwa 1500 Opfer haben diesen Antrag inzwischen gestellt. Und ich weiß, dass es vielen von ihnen wirklich dreckig geht. Ob es Trittbrettfahrer gibt, kann ich nicht einschätzen.

Sehen Sie sich als Opfer des DDR-Sportsystems?

Nein, sehe ich mich nicht. Erstens, weil ich bei meinen Wettkämpfen immer sauber war. Und ich hatte mit 18 die Entscheidung getroffen, dass ich Hochleistungssportler sein will. Dass ich jetzt krank bin, hat mit dem System wenig zu tun.

Ist Ihnen in den vergangenen Monaten in den Sinn gekommen, selbst einen Antrag auf Entschädigung zustellen?

Ja. Ich habe auch vor, den Antrag zu stellen.

Trotz Ihres Doping-Geständnisses?

Ja. Jetzt muss eingeschätzt werden, was der Verein dazu sagt. Und dann werde ich einen Antrag stellen.

Da dürften viele sagen, Christian Schenk hat wissentlich gedopt und ist daher kein Opfer. Diese Diskussion gibt es ja schon.

Ja, aber das müssen andere entscheiden. Das Krankheitsbild habe ich ja. Es ist wahrscheinlich, dass Doping diese Krankheit verstärkt hat. Die genetische Bedingtheit ist auch da, sie kommt wohl von meinen Eltern, aber die Mittel können der Auslöser gewesen sein.

Der Olympiasieg bleibt Ihnen. Ist dieses Gold von 1988 in Seoul das Größte, was Ihnen passiert ist?

Neben der Geburt meiner Kinder ist es das Größte, ja. Weil etwas passiert ist, was es nie mehr geben wird in meinem Leben. Ich hatte eine Sache erlernt und sie mit Perfektion abgeschlossen. Dass ich an diesen zwei Tagen der Beste der Welt gewesen bin, erfüllt mich schon mit Stolz.

Haben Sie noch Kontakt zu Torsten Voß, der damals Zweiter geworden ist?

Wir sehen uns selten. Mit Torsten verbinde ich die größte Sportlerfreundschaft, die man sich vorstellen kann. Das habe ich auch in dem Buch beschrieben. Es gab bei Olympia eine Situation, wo er mir in meiner schwächsten Disziplin, dem Stabhochsprung, im letzten Moment geholfen hat mit einem Tipp. Wenn man weiß, wie hart dieser Wettkampf war und dass er selbst die Chance hatte zu gewinnen, ist das mehr als bemerkenswert, dass er mir damals trotzdem geholfen hat. Und deshalb wird er für mich immer einer der größten Athleten sein, mit denen ich zu tun hatte.

Was war das für ein Tipp?

Ich hatte zwei Fehlversuche und nur noch einen Versuch. Torsten kam dann zu mir und sagte: Christian, gehe beim Anlauf einen Fuß vor. Das habe ich gemacht und die Höhe geschafft. Es waren 60 Punkte mehr. Das war damals großer Sportsgeist.

Was gab es damals für die Goldmedaille?

25 000 DDR-Mark und 1000 D-Mark in Forumschecks. Und dass ich nur ein Jahr auf einen Lada warten musste. Der war dann drei Monate später nichts mehr wert, weil die Wende kam.

Eine hypothetische Frage: Wäre der Olympiasieg 1988 auch ohne Doping möglich gewesen?

Ich habe meine persönliche Bestleistung von 8500 Punkten fünf Jahre nach dem Olympiasieg erreicht. Zu diesem Zeitpunkt war ich besser als 1988, ohne Dopingmittel. Es ist wirklich hypothetisch, ob ich es ohne diese Mittel geschafft hätte. Unser stärkstes Trainingsmittel in der DDR war aber die Zeit. Wir konnten 40 Stunden in der Woche trainieren, diese Möglichkeit hatte uns die Gesellschaft eingeräumt.