Experteninterview
Massentourismus als Kehrseite unserer Reisefreiheit?

Playa de Palma auf Mallorca: Die Lieblingsinsel der Deutschen leidet im Hochsommer an Overtourism - volle Strände, Lärm und Müll sowie steigende Mieten für die Einheimischen sind die Folge.
Playa de Palma auf Mallorca: Die Lieblingsinsel der Deutschen leidet im Hochsommer an Overtourism – volle Strände, Lärm und Müll sowie steigende Mieten für die Einheimischen sind die Folge.
Stephanie Schuster

Viele Einheimische von Amsterdam über Mallorca über Warnemünde bis Venedig haben genug von den Touristenmassen. Was es damit auf sich hat, bespricht Philipp Laage mit Torsten Kirstges, Studiengangsleiter für Tourismuswirtschaft an der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven.

Massentourismus gibt es schon seit Jahrzehnten. Warum ist das Thema gerade jetzt so präsent?

Das Thema steht in der Tat seit mindestens 20 Jahren immer wieder auf der Agenda. Es ist keine neue Entwicklung. Einige Orte haben aber in den vergangenen Jahren besonders geboomt, zum Beispiel Venedig und Dubrovnik. Dort merkt man, dass die Kapazitäten begrenzt sind. In Island kommen aufs Jahr gesehen mittlerweile sieben Urlauber auf einen Einheimischen.

Die Beeinträchtigungen für die Bevölkerung sind da: Menschenschlangen, Enge, Lärm, „Touristifizierung“, Müll, unangemessenes Verhalten, Preissteigerungen. Es kommt zu Protesten gegen die Touristenmassen. Der Begriff Overtourism ist aber letztlich nur alter Wein in neuen Schläuchen.

Hat das Problem mit Airbnb zu tun, also der Vermittlung von Privatunterkünften an Touristen?

Airbnb ist sicher nicht der Grund dafür, dass bestimmte Ort von Touristen überrannt werden. Man kann die Schuld nicht einer bestimmten Übernachtungsform zuschieben. Viele tragen ihren Teil dazu bei. Die lokale Wirtschaft will mit den Touristen Geld verdienen, und diese wollen an einem interessanten Ort ihren Urlaub verbringen.

Es geht also schlicht um die Masse an Touristen?

Der Massentourismus ist ein Effekt der freiheitlichen Gesellschaftsordnung in Europa. Dazu gehört die Reisefreiheit – und das ist grundsätzlich auch gut so. Jeder will dorthin, wo es vermeintlich toll ist. Die Konsequenz ist dann aber eben das massenhafte Reisen.

Was können die Destinationen tun, um die Lage zu entspannen?

Die Besucherzahlen zu begrenzen, geht nur bei bestimmten Sehenswürdigkeiten. Der Zugang mit Kreuzfahrtschiffen zu einer Insel lässt sich beschränken oder der Eintritt in Nationalparks. Aber die meisten Urlaubsziele, vor allem die Städte, haben nur eine natürliche Begrenzung: die Zahl der Unterkünfte und Betten. Dort kann man den Aufenthalt zumindest verteuern oder erschweren.

Welche Maßnahmen gibt es da?

Touristenabgaben und Bettensteuern sind eine Möglichkeit. Man kann Autos aus der Innenstadt verbannen, Anmeldesysteme für die großen Sehenswürdigkeiten einführen. Das reguliert die Nachfrage ein wenig. Man kann außerdem versuchen, die Besucherströme anders zu lenken und die Urlauber besser zu verteilen. Dafür muss man sie informieren, was es sonst noch alles in einer Region zu sehen gibt.

Jeder weiß, dass es im Hochsommer in Rom rappelvoll ist, trotzdem fahren alle hin. Ist der Urlauber selbst Schuld?

Die wenigsten Touristen wollen in einer verlassenen Gegend herumlaufen. Eine gewisse angenehme Masse wirkt also durchaus anziehend. Nur gibt es eben eine kritische Schwelle. Da wird es den meisten zu viel. Die Besucherströme zu entzerren, funktioniert aber nur eingeschränkt. Familien in Europa sind nun einmal an die Ferienmonate im Sommer gebunden. Saisonalität wird es immer geben, in vielen Urlaubsregionen auch wegen des Wetters.

Welche Ratschläge können Sie Reisenden geben?

Wer kann, sollte auf die Nebensaison ausweichen. Und wer unbedingt in der Hochsaison besondere Hotspots besuchen will, muss seine Reise gut planen. Angemeldete Gruppen werden bei vielen Sehenswürdigkeiten zum Beispiel schneller reingelassen. Und wer sich am Massentourismus wirklich stört, der wird immer Destinationen finden, die sich erholsam und nachhaltig bereisen lassen. Meist treten sich die Touristen nur an wenigen Orten wirklich auf die Füße.