GREIFSWALDER FORSCHER

Sind Darmbakterien entscheidend fürs Zu- und Abnehmen?

Mediziner aus Greifswald haben bei einer Gruppe von Diabetikern den Wandel der Darmflora während einer mehrwöchigen Diät erforscht. Und sind zu einem interessanten Ergebnis gekommen.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Eine Frau steht in Berlin in einem acht Meter langen und fast drei Meter hohen begehbaren Modell des menschlichen Darms. Billi
Eine Frau steht in Berlin in einem acht Meter langen und fast drei Meter hohen begehbaren Modell des menschlichen Darms. Billionen Bakterien besiedeln den Darm des Menschen. Durch neue Methoden lassen sich Rückschlüsse auf ihre Rolle bei Übergewicht oder Stoffwechselerkrankungen ziehen. Maurizio Gambarini
Greifswald.

Mehr als drei Monate lang haben Wissenschaftler aus Greifswald unter Gewichtsproblemen leidende Patienten mit Diabetes im Rahmen eines Abnehmprogrammes begleitet und dabei auch die veränderte Darmflora im Stuhlgang erfasst. „Wir konnten zeigen, dass sich die anfängliche Mahlzeitenersatz-Therapie positiv auf die Zusammensetzung der Darmbakterien auswirkt und wahrscheinlich auch darüber hinaus zu der guten Gewichtsreduktion beiträgt“, so Prof. Markus Lerch, Direktor der Klinik für Innere Medizin an der Universitätsmedizin Greifswald.

In den ersten sechs Wochen hatten die Teilnehmer im Alter von 18 bis 70 Jahren ausschließlich flüssige Ersatzmahlzeiten in Form von Tütennahrung mit maximal 800 Kilokalorien pro Tag bekommen. In den darauffolgenden vier Wochen waren diese teilweise durch gesunde Lebensmittel ergänzt und die abschließenden fünf Wochen durch eine kalorienreduzierte Kost abgelöst worden. Die Frauen und Männer hatten in dem Zeitraum zwischen 11,4 und 30,1 kg abgenommen, wobei sich die entscheidenden Werte für Diabetiker wie Blutzucker, Insulinspiegel und Harnsäure stark verbessert hatten.

„Mit modernen Sequenziermethoden haben wir die Bakterienzusammensetzung im Stuhlgang der Patienten vor der Ernährungsumstellung, am Ende der sechswöchigen Fastenphase und am Ende des Programmes analysiert“, sagt Dr. Fabian Frost, der die Ergebnisse der Studie in einer internationalen Online- Fachzeitschrift veröffentlichte.

Zusammenhang zwischen Darmflora und Erkrankungen

Demnach hatte sich die Zusammensetzung der Darmbakterien nach der Fastenperiode bei allen Probanden deutlich verändert. „Wir konnten eine Zunahme der Vielfältigkeit der Bakterien und insbesondere die Abnahme der Bakterienart Collinsella feststellen.“ Ein erhöhter Besatz mit Collinsella-Bakterien werde mit einer Verschlechterung des Stoffwechsels, einem Anstieg des Gesamtcholesterins und des schlechten LDL-Cholesterins sowie einer verstärkten Gefäßverkalkung in Zusammenhang gebracht.

Interessanterweise pendelten sich die meisten Veränderungen der Darmbakterien gegen Ende des Programmes unter der selbst zubereiteten Nahrung fast wieder auf dem Ausgangsniveau ein. Allerdings blieb die Menge der Collinsella-Bakterien 8,4-fach unter dem Ausgangsniveau. „Dies kann für uns ein Marker für die durch das Abnehmen verbesserte Gesundheit sein“, konstatierte der Gastroenterologe.

In den vergangenen Jahren hatte sich der Fokus der Forschung bei vielen Krankheitsbildern auf die Zusammensetzung der Bakterien im Darm gelegt. So konnte ein Zusammenhang zwischen der Darmflora und verschiedenen Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Fettleibigkeit, aber auch Depression und Alzheimer-Demenz nachgewiesen werden.

38 Billionen Bakterien im Darm

Menschen, die unter Fettleibigkeit leiden, haben nachweislich weniger unterschiedliche Bakterien im Darm als schlankere Zeitgenossen. Auch konnte inzwischen bei Patienten mit einer geringeren Vielfalt an Bakterienarten über einen bestimmten Zeitraum eine höhere Gewichtszunahme beobachtet werden.

Die Forscher gehen inzwischen davon aus, dass bestimmte Bakterien dafür sorgen, dass aus der gleichen zugeführten Nahrung mehr Energie bereit gestellt und in den Körper aufgenommen wird als durch andere Bakterien. Die Zusammensetzung der Bakterien scheine eine Ursache dafür zu sein, warum Menschen Nahrung so unterschiedlich verdauten, warum einige schnell, andere langsam zu- und abnehmen könnten, sagte Oberärztin Dr. Antje Steveling, die Leiterin des Greifswalder Adipositaszentrums.

Im Darm leben rund 38 Billionen Bakterien. Sie sind maßgebend dafür, ob wir gesund bleiben oder krank werden. Ein besonders artenreiches Darmmikrobiom – so nennt man die Gesamtheit der Mikroorganismen – hat gesundheitsfördernde Wirkungen, und viele Erkrankungen gehen mit einer Abnahme der Artenvielfalt der Bakterien im Darm einher.

Weil Bakterien sehr viel kleiner sind als menschliche Körperzellen, kommen die im menschlichen Organismus lebenden Bakterien zusammen auf ein Gewicht von etwa zwei Kilogramm.

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