EINMARSCH DER TÜRKEI

Warum Syrien gerade zum Pulverfass wird

In Syrien brodelt es und der bevorstehende Einmarsch der Türkei könnte das Fass zum Überlaufen bringen. Eines der zentralen Probleme: fast 100.000 IS-Gefangene könnten in Freiheit gelangen.
Carsten Korfmacher Carsten Korfmacher
Türkische Militärfahrzeuge patrouillieren in der sogenannten Sicherheitszone auf der syrischen Seite der Grenze zur
Türkische Militärfahrzeuge patrouillieren in der sogenannten Sicherheitszone auf der syrischen Seite der Grenze zur Türkei. Baderkhan Ahmad
Anstehen nach Essen: Laut kurdischen Militärs und Geheimdienstlern radikalisieren sich IS-Angehörige vor allem im La
Anstehen nach Essen: Laut kurdischen Militärs und Geheimdienstlern radikalisieren sich IS-Angehörige vor allem im Lager al-Hol. Dazu tragen auch prekäre Lebensumstände bei. Maya Alleruzzo
Damaskus.

Was geschieht gerade in Nordsyrien?

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan kündigte am Freitag eine Militäroffensive in Nordsyrien an. Die Region wird derzeit von den Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF) mit US-amerikanischer Unterstützung beherrscht. In der Nacht auf Sonntag gab es erste Bewegungen der türkischen Armee an der Grenze zu Syrien. Nach einem Telefonat zwischen Erdogan und US-Präsident Donald Trump zogen die Amerikaner am Montagmorgen ihre Truppen aus der Region ab, wie SDF-Sprecher Mustafa Bali bestätigte. Damit gewährten sie den Türken freie Bahn für eine Offensive.

Was soll diese Militäroffensive bezwecken?

Die Türken wollen südlich der syrischen Grenze einen Landstrich errichten, der vollständig unter ihrer Kontrolle liegt. Dieser von den Türken wahlweise als „Sicherheitszone“ oder „Friedenszone“ bezeichnete Korridor soll 480 Kilometer lang und 30 Kilometer tief sein und sich ab dem Euphrat nach Osten bis an die irakische Grenze erstrecken. In dieses Gebiet könnten nach Erdogans Aussagen zwei Millionen syrische Flüchtlinge umsiedeln, die sich derzeit noch in der Türkei befinden. Zurzeit leben rund 3,7 Millionen syrische Flüchtlinge in der Türkei.

Das ist die offizielle Version. Was steckt wirklich hinter dieser Sicherheitszone?

Erdogan will die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien bekämpfen, die er für Terroristen hält. Mit ihren rund 50 000 Kämpfern dominiert die YPG nämlich die von den USA unterstützten SDF, weit über 80 Prozent aller SDF-Kämpfer entstammen den sogenannten „kurdischen Volksverteidigungseinheiten”. Die YPG ist der bewaffnete Arm der kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD), die wiederum aus der kurdischen Arbeiterpartei PKK hervorgegangen ist. Die PKK wird in der Türkei, der EU, den USA und vielen anderen Ländern als Terrororganisation eingestuft.

Warum hat Erdogan ein Interesse am Kampf gegen die YPG?

Letzten Endes haben die Türken Angst, dass sich in Nordsyrien eine autonome Kurdenregion nach irakischem Vorbild bildet, die wiederum die Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden in der Türkei forcieren könnten. Die Kurden sind ein Volksstamm mit einer eigenen Sprache und Kultur, der in den Grenzregionen Syriens, Iraks, Irans und der Türkei lebt. In der Türkei machen Kurden knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und stellen im Südosten der Türkei großflächig die Mehrzahl der Einwohner.

Bekämpft Erdogan damit auch die Zivilbevölkerung?

Zumindest setzt Erdogan damit sein Ziel um, das kurdische Nordsyrien ethnisch zu verändern. Die Türkei drang bereits in zwei großangelegten Militäroperationen im Sommer 2016 und Anfang 2018 in die Gebiete Nordwestsyriens ein und beendete dort die kurdische Selbstverwaltung. In den verbliebenen kurdischen Siedlungsgebieten in Nordostsyrien leben vier Millionen Menschen. Dort will die Türkei nun also zwei Millionen arabische Flüchtlinge aus Syrien unterbringen. Ob das alles ohne Vertreibung der dort ansässigen Kurden möglich sein wird, ist offen. In jedem Fall aber würde die Türkei die Machtbasis der PYD untergraben und jede Ambition einer kurdischen Autonomie in Nordsyrien im Keim ersticken. Eine ähnliche Operation unternahm Saddam Hussein im Irak. Während seiner Regierungszeit wurden 250  000 Kurden aus der nordirakischen Ölstadt Kirkuk vertrieben und stattdessen arabische Iraker angesiedelt.

Ist es überraschend, dass die USA die Türkei in Nordsyrien gewähren lässt?

Ja, das ist es. Die SDF, und damit die YPG, kämpft in Syrien Seite an Seite mit den US-Truppen gegen die Terrormiliz Islamischer Staat, nun überlassen die Amerikaner die SDF einem Angriff der Türkei. Im Januar, als US-Präsident Donald Trump den vollständigen Abzug amerikanischer Truppen aus Syrien ankündigte, sprach Erdogan schon einmal von einem Vorstoß türkischer Truppen in die von Kurdenmilizen beherrschten Gebiete Syriens. Damals drohte Trump ihm noch mit der „wirtschaftlichen Vernichtung”. Allerdings ist derzeit noch völlig unklar, wie genau der Abzug der Amerikaner aussieht. Die „New York Times” berichtete unter Berufung auf Regierungsbeamte, dass 100 bis 150 Soldaten aus dem Gebiet abgezogen werden sollen, in dem die Türkei die Offensive plant.

Wie haben die Kurden bisher reagiert?

Zum einen sind sie enttäuscht über den Abzug der Amerikaner. „Die US-Kräfte vor Ort haben uns gezeigt, dass sie Freundschaft und Allianz nicht wertschätzen”, schrieb SDF-Sprecher Mustafa Bali auf Twitter. Die USA schuldeten den Menschen in Nordsyrien eine Erklärung für ihr „Versagen, ihre Verpflichtungen nicht einzuhalten”. Zum anderen wolle die SDF der Türkei mit „maximaler Gegenwehr” begegnen. Am Samstag kündigte Bali an, „jeden Angriff von türkischer Seite in einen umfassenden Krieg entlang der ganzen Grenze zu verwandeln, um uns und unser Volk zu verteidigen”.

Welche Auswirkungen hat eine türkische Militäroffensive auf die Lager für IS-Gefangene in Nordsyrien?

Das ist völlig offen. Einige Lager befinden sicher innerhalb der von der Türkei anvisierten Sicherheitszone, etwa in Ain Issa, Kobane, Kamischli und Malihija. Um die Gefangenen dort soll sich die Türkei kümmern, hieß es aus dem Weißen Haus. Erdogan jedoch schien für dieses Problem keinen Plan zu haben. Man überlege derzeit, wie mit den Inhaftierten umzugehen sei, sagte der türkische Präsident am Montag. Selbst wenn eine Lösung für diese Gefangenen gefunden werden kann, löst das noch lange nicht das Problem. Denn das größte Lager al-Hol liegt deutlich außerhalb der Zone, nämlich rund 90 Kilometer südlich der syrischen Grenzstadt Kamischli. In al-Hol leben 70 000 IS-Angehörige, nach Schätzungen des US-Militärs befinden sich weitere 10 000 IS-Kämpfer in teils improvisierten Gefängnissen der SDF in anderen Teilen Nordsyriens. Es darf bezweifelt werden, dass die rund 60 000 SDF-Soldaten die Gefängnisse bei einer Militäroffensive der Türkei halten können.

Und dann kommen die IS-Terroristen wieder frei?

Das ist bei einer türkischen Offensive nicht unwahrscheinlich. Selbst wenn es der SDF gelingen sollte, Truppen zur Bewachung der Lager abzustellen, könnte es sein, dass diese nicht ausreichen. Es gibt bereits jetzt Bestrebungen innerhalb der Lager, aus den Gefängnissen auszubrechen. Nach Angaben kurdischer Geheimdienstler stehen die Insassen über Mobiltelefone in Kontakt mit untergetauchten IS-Kämpfern, die sie mit Propagandamaterial und Informationen über den Bau von improvisierten Bomben oder anderer Waffen versorgten. Nach einem Bericht des US-Kongresses haben sich in Syrien und dem Irak zwischen 14 000 und 18 000 IS-Kämpfer unter die Bevölkerung gemischt. IS-Chef Abu Bakr al Baghdadi rief diese vor Kurzem in einer Videobotschaft auf, ihre Gefolgsleute in den kurdischen Gefängnissen zu befreien. Vor Kurzem kam es zu einer Schießerei zwischen IS-Anhängerinnen und kurdischen Wärterinnen, zwei Insassinnen wurden getötet.

Wie ist die Lage in den Gefängnissen?

Laut kurdischen Militärs und Geheimdienstlern radikalisieren sich die IS-Angehörigen vor allem im Lager al-Hol weiter. Dazu tragen auch die prekären Lebensumstände bei. Es fehlt an Wasser, Lebensmitteln, Duschen, Toiletten, Ärzten, Medizin. Mehrere hundert Kinder sollen bereits verhungert oder durch Krankheiten gestorben sein. Den Angaben zufolge sollen sich unter den Insassen Geheimgerichte gebildet haben, es würden auch Todesstrafen verhängt. Weil sich eine Frau nicht ordnungsgemäß verschleiert habe, sei sie von anderen Frauen hingerichtet worden. Sie erlag ihren Stichverletzungen. Dissidenten würden zudem die Zelte angezündet, berichtete eine deutsche Insassin. Die Gewalt in al-Hol ginge in erster Linie von Frauen aus.

Wie viele deutsche Staatsangehörige sind unter den IS-Terroristen und ihrer Angehörigen?

Laut Bundesregierung befinden sich derzeit noch 40 Kämpfer, 70 Frauen und 120 Kinder aus Deutschland in den IS-Gefängnissen.

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