TWITTER-GEWITTER

Schwesigs Frisur, Lindners Muskeln, Amthors Brille und ein Meerschweinchen

Die Haare von Donald Trump darf man hässlich finden, übers Aussehen von FDP-Chef Lindner twittern – aber wehe, wenn man sich mit der Frisur der Ministerpräsidentin auseinandersetzt. Warum eigentlich, fragt unser Chefredakteur.
Jürgen Mladek Jürgen Mladek
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Wir finden: Mit dieser Frisur – präsentiert im ARD-Sommerinterview – sieht Manuela Schwesig aus wie eine künftige Bundeskanzlerin. Paul Zinken
Neubrandenburg.

Die Frisur von Donald Trump darf man voller Inbrunst so richtig ekelhaft finden, der Spiegel machte aus dem Präsidentenskalp auf Titelbildern schon  Supernovas und Stinkefinger. Merkwürdige Assoziationen, mag sein, aber vielleicht doch naheliegend, wenn man das oft bemühte „Sturmgeschütz der Demokratie” in seinen publizistischen Genen wähnt.

Christian Lindners Hose beim jüngsten Fernsehauftritt bei Anne Will darf man zu eng finden, wenn man Jan Böhmermann heißt, man darf sogar darüber spekulieren, ob der FDP-Chef neuerdings Kraftsport betreibt, wenn man im gebührenfinanzierten Spartenfernsehen politkaspert und das dann auch noch auf die sozialen Kanäle ausdehnt.

 

 

Wäre ja auch noch schöner, wenn man in einem so wunderbar meinungsfreien Land nicht jedes Mittel nutzen würde, politisch missliebige Akteure auf jede nur denkbare Weise zu beschädigen! Böhmermann hat das bekanntlich schon öfter gemacht, und jetzt geht es natürlich nicht um Recep Tayip Erdogan, sondern um Philipp Amthor, der von Böhmermann bekanntlich mit billigen Brillenwitzchen niedergemacht wurde.

Wer über Schwesigs Haare schreibt, geht zu weit

Wobei, es gibt natürlich Grenzen. Wenn man, nur zum Beispiel, als regionales Medienhaus wie es der Nordkurier nun einmal ist, auch einmal einen freundlichen Beitrag darüber postet, dass es den Tagesschau-Zuschauern schon auffiel (und zwar nicht negativ!), dass Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) beim Sommerinterview ihre Haare so trug, wie man es bis dahin nicht gesehen hatte, dann alarmiert das die Antidiskriminierungscamarilla, dass es nur so seine Art hat.

Denn wenn jemand ins Fernsehen geht und sich überlegt, wie er sich für diesen Anlass die Haare schön macht und dann einfach jemand hinschaut und das auch noch bemerkt und sogar darüber spricht (wie wohl viele Fernsehzuschauer auch), dann ist das, Achtung, „sexistische Kackscheiße”. Meinte zumindest der stellvertretende Juso-Landesvorsitzende in MV, Felix Willer. Und mutmaßte, dass unsere Redaktion wohl kollektiv Lack gesoffen haben müsse.

 

 

Unterstützt wurde er in dieser Einschätzung von zahlreichen weiteren Jusos im ganzen Land, auch die SPD-Influencerin Lilly Blaudszun aus Mecklenburg-Vorpommern meinte, ihre Ministerpräsidentin beschützen zu müssen, als ob die ein hilf- und wehrloser Emotionspudding wäre.

 

 

Was Manuela Schwesig natürlich nicht ist. Sie ist ganz im Gegenteil eine starke Persönlichkeit, die nicht nur ziemlich gut weiß, wie das Geschäft läuft, sondern auch viel dafür tut, den Menschen im Land nahe zu sein. Und dazu gehört natürlich auch, dass man sich Gedanken darüber macht, wie man in welcher Runde auftritt. Es zeugt von Respekt vor Wählern und Bürgern, wenn sich die Regierungsspitze Mühe gibt, Menschen und Anlässen gerecht zu werden. Umgekehrt darf man es bei wohlwollender Betrachtung vielleicht auch ein Zeichen von Achtsamkeit nennen, dieses respektvolle Bemühen auch zu registrieren.

Die Jusos waren völlig aus dem Häuschen

Die jungen Juso-Menschen waren aber kaum zu beruhigen und ereiferten sich darüber, dass der Nordkurier bei Männern doch auch nicht über ein neues Jacket und neue Haare schreiben würde und konnten es dann überhaupt nicht fassen, dass er das sehr wohl schon tat. Patrick Dahlemann, einst Shootingstar der SPD und inzwischen als Staatssekretär fest etabliert, wurde schon mit einer für die Verhältnisse in Vorpommern schon sehr gelben Hose unsere mediale Aufmerksamkeit zuteil, allerdings in dem Verhältnis, wie wir es sonst auch halten: 95 Prozent Politik, fünf Prozent Unterhaltung, wenn's hochkommt auch mal 90:10. Bürger, Leser, Wähler und eben auch Politiker und Journalisten sind nämlich keine Inhalte-Roboter, sondern tatsächlich Menschen mit vielen Interessen.

Jedenfalls, wenn die Juso-Seele kocht, dann wird es meistens auch den Grünen warm ums Herz, und so schaltete sich dann auch noch Niklas Nienaß in die haarige Debatte ein, und der ist immerhin Europa-Abgeordneter, der einzige aus Mecklenburg-Vorpommern, und damit den Bürgern dieses Bundeslandes eigentlich in besonderer Weise verpflichtet. Irgendwo zwischen Häme und Hochmut siedelte er seine ironisierte Anfrage an die Netzwelt ein, ob denn jetzt auch sein jüngst erfolgter Bartverlust eine Meldung sei.

 

 

Wir finden: Ja! Bei einer Frau würden wir das zwar nie tun, so richtig auf Äußerlichkeiten zu gehen, aber wer so fragt, verdient dann schon eine Antwort: Der alte Niklas mit dem Finsterlings-Bart und dem Schlechte-Laune-Blick eines Anton Hofreiters fällt deutlich ab gegen den neuen Niklas, der einen doch gleich ein wenig an den von vielen Medien umschmeichelten grünen Obersympathen Robert Habeck erinnert. Niklas, dieser Profi, wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

Nachgefragt: Ein Nordkurier-Kollege hat tatsächlich schon mal Lack gesoffen

Was bleibt noch zu sagen? Ach ja: In der Redaktionskonferenz meldete sich auf Nachfrage nur ein Teammitglied, das angab, zumindest schon einmal so etwas Ähnliches wie Lack inhaliert zu haben. Ist aber lange her, und dieses Redaktionsmitglied schreibt auch niemals über Haare. Besprochen wurde in der Konferenz auch die Einlassung eines entnervten Kollegen im Laufe der Twitter-Debatte.

 

 

Ergebnis der Redaktionskonferenz: Der offensichtliche Versuch, sich dem Sprachniveau einiger Diskutanten anzunähern, wurde als auf ganzer Linie gescheitert bewertet. Mit einer Ein-Wort-Replik reicht man einfach nicht an die lackbesoffene sexistische Kackscheiße heran. Der Kollege will sich bessern.

Sehr viele Nordkurier-Leser klickten auf den Frisur-Artikel

Übrigens wurde der Artikel über Manuela Schwesigs Frisuren-Rochade nicht nur sehr oft von unseren Lesern angeklickt, sondern viele User folgten auch unserem Link zum ARD-Interview. Und schließlich: In einem Feldversuch beschied der Autor dieser Zeilen, der am Montag mit neuer Frisur in die Welt hinaustrat, jeden, der ihn darauf ansprach damit, ihn doch bitte nicht mit dieser sexistischen Kackscheiße zu behelligen und lieber mit ihm über Inhalte zu reden. Kam irgendwie nicht so gut an. Vielleicht lebt dort im Internet ja doch eine andere Spezies als im wahren Leben. Lustig war's dort trotzdem wieder.

Und ganz zum Schluss noch ein versöhnliches Angebot: Wer wirklich bis hierher gelesen hat, der kann ein frisch frisiertes Meerschweinchen gewinnen. Einfach mailen an mladek@nordkurier.de

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