OSSIS UND PUTIN

BILD-Reporter beschimpft Ostdeutsche für Russland-Liebe

Warum sind Russland und sein Präsident Wladimir Putin im Osten so beliebt, während viele Wessis das Putin-Reich bedrohlich und böse finden? Das fragt sich die BILD-Zeitung – und zieht merkwürdige Schlüsse.
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Die angebliche Putin-Verehrung im Osten nimmt die BILD zum Anlass, über die Ostdeutschen herzuziehen.
Die angebliche Putin-Verehrung im Osten nimmt die BILD zum Anlass, über die Ostdeutschen herzuziehen. Mikhail Metzel/POOL TASS Host Photo Agency/AP
Berlin.

„Am jahrzehntelang eingeübten, 'freundschaftlichen' Umgang mit Russen in der DDR kann es nicht liegen”, dass viele Menschen im Osten ein weniger feindseliges Verhältnis zu Russland und Putin haben. Da ist sich BILD-Autor Ralf Schuler gleich im ersten Satz seines Beitrags (Abo erforderlich) sicher. Um seine Expertise zu belegen, wird in seinem Kommentar ausdrücklich betont, der Autor (Jahrgang 1965) habe selbst „bis zum Mauerfall in der DDR gelebt”.

Wortklaubereien statt Fakten

So weit Schuler sich erinnern kann, habe es in der DDR ohnehin keine „Russen”, sondern nur „Sowjetbürger” gegeben. Zwischen den Zeilen klingt an: Schon deswegen könne die Russen-Sympathie der Ostdeutschen ja wohl nicht echt sein. Schuler schlaumeiert weiter: „Physisch, menschlich, nachbarschaftlich begegnete man Russen/Sowjets im DDR-Alltag viel weniger, als die Allgegenwart von Reste-Soljanka und die massenhafte Mitgliedschaft in der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ (DSF/6,4 Mio. Mitglieder 1988) vermuten lassen.”

Tatsächlicher Kontakt wird im nächsten Absatz sogleich inklusive sarkastischer Kommentierung in Klammern klein geredet: „Im DDR-Alltag sah man 'die Freunde' (zwinker!), wie die Vertreter des 'großen Bruders' gern hintersinnig genannt wurden, selten. Die einfachen Soldaten (1991: 338 000 Mann) kamen aus den Kasernen nicht raus und wurden bewusst abgeschottet. Kontakte ergaben sich allenfalls bei Verkehrsunfällen, Erntehilfe durch Rotarmisten oder gelegentlich verordnete 'Freundschaftstreffen' der DSF.”

Bemalte Holzlöffel und klebriges Konfekt

Auch DDR-Schulausflüge zum Berliner „Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur“ in der Friedrichstraße waren in Schulers Erinnerung eine einzige Farce. Dort habe es sowieso nichts zu sehen gegeben, außer bemalte Holzlöffel, Matrjoschkas und Bilder von Kosmonauten. Die pflichtschuldigen Schüler, so der Autor, „bekamen klebriges Konfekt” und von Kosaken-Ensembles „bei Gelegenheit einen tiefen Blick in die russische Seele auf der Balalaika gezupft”.

Aber den Russisch-Unterricht und die bis heute vorhandenen, teilweise exzellenten Russisch-Kenntnisse vieler Ostbürger: Darf man das wenigstens gut finden oder sich zumindest gern daran erinnern? Nein, meint der BILD-Autor. Die Sprache sei so kompliziert, dass man Russland dafür eigentlich eher noch mehr hassen muss:

„Es ist schwer zu sagen, ob der obligatorische Russisch-Unterricht mehr zur Verständigung zwischen den Völkern beigetragen oder mehr Aversionen geweckt hat”, schreibt Schuler. Er selbst habe das „Bimsen der sechs Fälle” in keiner guten Erinnerung. „Der Zwang führte zur Ablehnung, auch wenn ich heute erstaunlicherweise im entspannten Umgang mit der Sprache mehr Russisch verstehe, als ich dachte.” Na, immerhin.

Russen-Liebe in Wirklichkeit nur Trotz?

Zum Schluss des Textes kommt der BILD-Autor zum geradezu tiefenpsychologischen Fazit: „Vieles spricht dafür, dass nicht die verordnete deutsch-sowjetische Freundschaft aus DDR-Zeiten die Russland-Liebe der Menschen im Osten prägt, sondern ein eher aktueller Trotz gegen die gegenwärtige Politik: Ist man gegen Merkel und die etablierten Parteien, dann ist man automatisch für Putin, für Orban, gegen Klimahysterie und Migration.” Ach so. Na, dann: Druschba, Herr Schuler!

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Kommentare (6)

Die Ostdeutschen haben einfach ein sehr gutes Gespür für Propaganda entwickelt. Wir merken es relativ schnell, wenn uns jemand Lügen auftischt. Das ist bei der Anti-Russland-Propaganda das gleiche wie beim angeblichen Klimaschutz oder dem Anti-AFD-Bashing.

ethn. Charakter und Verständigungsfrage die Menschen ticken gleich - mit Russland zusammengehen hieße für D für die nächsten 100 Jahre volle Auftragsbücher in freundschaftlicher und brüderlicher Verbundenheit - ist innen wie außenpolitisch nicht gewollt ein autarkes unabhängiges selbständiges D mit Führungsqualitäten im Weltmaßstab - nur als ein unterwürfiger Zahlmeister für alle möglichen Ideen um die dt. Wirtschaftskraft an der kurzen Leine zu halten - der Artikel einfach nur grausam, unterstes DDR Basiswissen

Wenn der Nordkurier die Bild tiefenpsychologisch auseinander nehmen will, ist das schon sehr komisch.

ist noch lange nicht die Bild-Zeitung!

Der herablassende Ton des Beitrages ist völlig unangebracht: Wenn hier jemand falsch liegt, dann ganz sicher der Autor des"Nordkuriers". Als Ossi und guter Kenner der Sowjetunion und Russlands kann ich nur sagen, dass der Bild-Reporter bis ins Detail die Verhältnisse korrekt darstellt

Ich bedanke mich, für diesen Bericht, er bringt es auf den Punkt. Und zumindest bei mir, bewirkt er genau das, was er mit Sicherheit bei "Ostdeutschen" bewirken soll. :-):-):-)