GEHEIMFACH IM SCHRANK

Amerikaner auf den Spuren eines Neustrelitzer Kriegs-Dramas

In einem Geheimfach hat Tim Mallad einen Brief über Familie Weiss aus Neustrelitz gefunden. Das erschütternde Familienschicksal, das darin erzählt wird, ließ ihn nicht mehr los.
Familie Weiß in offenbar friedlicheren Zeiten. Die deutsche Handschrift bereitete dem Amerikaner Tim Mallad zunächst große Probleme, den Brief überhaupt zu übersetzen.
Familie Weiß in offenbar friedlicheren Zeiten. Die deutsche Handschrift bereitete dem Amerikaner Tim Mallad zunächst große Probleme, den Brief überhaupt zu übersetzen. NK-Bildmontage mit Fotos: Privat, Tim Mallad
Neustrelitz.

Ohne den Amerikaner Tim Mallad wäre das tragische Schicksal einer Familie in Neustrelitz wohl für immer in Vergessenheit geraten. Doch ausgerechnet in einem Geheimfach in einem alten Schrank fand der US-Bürger einen Brief, in dem eine Olga Holzapfel von dem schwierigsten Tag ihres Lebens am Ende des Zweiten Weltkrieges erzählt – und das erschütternde Familienschicksal zu Tage fördert.

Denn sie zeichnet die letzten Lebtage von Willy, Dora und ihrer Tochter Ulla Weiß nach. Olga Holzapfel selbst war im Frühjahr 1945 aus Ostpreußen geflohen und wurde von der Familie in Neustrelitz aufgenommen. „Wir lebten vier Wochen nett miteinander“, schreibt Holzapfel. Allerdings bemerkte sie schon zu dieser Zeit die nervliche Anspannung von Willy Weiß, der sich offenbar als Arzt in der Residenzstadt niederließ, und seiner Frau, die in der Praxis half und Mühe hatte, Nahrungsmittel heranzuschaffen.

„Alles vergeblich”

Doch seit der Nacht zum 29. April 1945 war an ein normales Leben nicht mehr zu denken: Plötzlich standen russische Soldaten vor der Tür. „Was wir da in den Kellern von den Russen an Rohheiten, Vergewaltigungen und Plünderungen über uns ergehen lassen mussten, ist nicht zu beschreiben“, schreibt Olga Holzapfel. Abgesehen hatten sie es auf die 13-jährige Tochter der Familie Weiß. „Auf Ulla waren sie wild.“

Als drei russische Soldaten die Tochter mit ihrem Auto entführen wollten, beschlossen die drei Familienmitglieder schließlich, sich selbst umzubringen. „Ich habe fast kniefällig gebetet, von ihrem Vorhaben zu lassen – alles vergeblich.“ Dennoch schluckten das Familienoberhaupt, seine Frau und die junge Tochter Zyankali. „Der Tod war blitzartg“, schreibt Holzapfel. Sie bat Willy Weiß sogar darum, ihm in den Tod folgen zu können. „Er hätte es auch getan – aber es reichte nur für drei und so musste ich dem Menschen, der mir nur Gutes getan hatte, die Augen zudrücken.“ Drei Tage blieb die Brief-Autorin noch mit den Leichen in der Wohnung – bis die über 500 Opfer in Neustrelitz in Massengräber überführt wurden.

Berühmte Schauspielerin half bei Nachforschungen

Dem Amerikaner Tim Mallad ging das Schicksal der vier Menschen aus dem Brief so nahe, dass er der Herkunft des Briefes nachging. Dabei hatte er den Schrank ursprünglich für wenig Geld für seine damalige Freundin gekauft. Festgehalten hat Tim Mallad seine Suche in Texten, Bildern und Tonaufnahmen, die in einem Internet-Podcast mitverfolgt werden können.

Zunächst suchte er deutschsprachige Helfer in den USA – und bat sogar die deutsche Frau seines Stamm-Metzgers um Unterstützung. Dieser bereitete der Brief allerdings Albträume. Selbst die Schauspielerin Jane Seymour – die er zufällig im Flugzeug traf – half dem Amerikaner mittlerweile bei seinen Nachforschungen.

So hat Mallad über die Jahre unzählige Einzelheiten erfahren. Sogar die Wohnung, in dem sich die schrecklichen Ereignisse abspielten, konnte er mittlerweile in der Twachtmannstraße im für ihn Tausende Kilometer entfernten Neustrelitz ausfindig machen. Geholfen hat ihm unter anderem Mathias Schulz aus dem Kulturquartier. „Ich fand die ganze Geschichte interessant“, so Schulz. In den USA wisse kaum jemand von den Leiden der deutschen Bevölkerung, deshalb habe den Amerikaner die Erzählung so schockiert.

Diese Woche geht es nach Neustrelitz

Der wohl größte Schritt auf der Recherche-Reise von Tim Mallad steht aber noch bevor. Denn in dieser Woche will der Amerikaner nach Neustrelitz reisen und im Stadtarchiv seine Suche fortsetzen. Denn zu klären gibt es noch genug. So blieb ihm der Hintergrund der Briefautorin Olga Holzapfel bisher weitgehend im Verborgenen. Auch ein Besuch in der Twachtmannstraße 4 hat der Amerikaner unbedingt vor.

 

Tim Mallads Recherche-Reise lässt sich auf www.clickondetroit.com/s/mismatch/episodes/13-hidden-letters.html auf Englisch nachverfolgen.

 

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