Hund wartet auf neues Zuhause

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Odins Schicksal rührt viele Herzen

Nachdem sein Herrchen verstarb, harrte der Golden Retriever erst wochenlang im Garten aus. Die Nachbarn kümmerten sich liebevoll um das Tier, viele in der Gemeinde nahmen Anteil an seinem Schicksal.

Sobald Besucher näher an den Zaun kommen, springt er hoch. Jede Gesellschaft scheint ihm willkommen. Odin ist ein noch nicht ausgewachsener Golden Retriever. Das Schild an der Hausecke warnt vor dem „bissigen Hund“. „Der beißt nicht“, sagt Dagmar Selig. „Der ist ganz lieb.“

Sie hatte sich wochenlang um den Rüden gekümmert. Der Besitzer war vor mehreren Wochen krank geworden und verstarb schließlich. Haus, Hof und Hund blieben zunächst unberührt. Dagmar Selig, ihr Mann und später dann auch die Nachbarin Monika Krasemann kümmerten sich um Odin. Einmal am Tag wurde er gefüttert, außerdem gingen sie mit ihm Gassi. Ansonsten blieb er auf dem verlassenen Grundstück, wo auch sein Zwinger steht, mehr oder weniger sich selbst überlassen.

Glücklicherweise stand Dagmar Selig in gutem Austausch zu dem Sohn des Verstorbenen, der in Woggersin zu Hause ist. Der konnte Odin selbst nicht zu sich nehmen. „Er war uns aber sehr dankbar, dass er erst mal hier bleiben konnte und wir uns kümmern“, sagt Selig. Doch sie und Monika Krasemann wussten beide: Ein Dauerzustand ist das für den Hund nicht. Zwar war der Sohn am Wochenende immer da, doch unter der Woche, so beschreiben es die Nachbarinnen, war der junge Hund doch recht einsam. „Der braucht und sucht auch viel mehr Gesellschaft“, sagt Krasemann.

Ein erster Versuch des Sohnes, ihn in andere Hände zu geben, scheiterte. Als der Vierbeiner bereits in seinem neuen Heim angekommen schien, merkte das neue Herrchen, dass er seine Zäune für den Hund hätte höher ziehen müssen. Dazu sei er aber nicht bereit gewesen, beschreibt Krasemann die Gründe dafür, dass Odin nach zwei langen Autofahrten wieder in seinem alten Zuhause ankam.

Bürgermeister ist stolz und dankbar

In der Gemeinde rührte Odins Situation mehrere Herzen. „Er tut mir sehr leid. Man hört regelrecht, dass er sein Herrchen vermisst“, sagt eine Letzinerin und meinte damit das abendliche Jaulen des jungen Rüden. Der eine oder andere Bürger machte sich schon seine Gedanken, wie und wo er Odin bei sich unterbringen könnte.

Als Gnevkows Bürgermeister Karl Heller im Zuge der Gemeindevertretung am Mittwochabend von Odins Umständen erfuhr, war dessen Herrchen bereits seit vier Wochen verschieden. Heller – im Unwissen über den Kontakt zwischen den Nachbarinnen und dem Sohn des Verstorbenen – handelte umgehend, informierte das Ordnungsamt, suchte auf eigene Faust nach dem Erbfolger und wollte ihn mangels Telefonnummer schon persönlich besuchen. „Ich dachte, der weiß vielleicht nichts von dem Hund“, sagt Heller. „Und es ging um das Wohl des Tieres, da war Eile geboten.“ Auch erkundigten er und andere Gemeindevertreter sich bei Freunden und Nachbarn, ob nicht dort noch Platz für den Golden Retriever im besten Alter sei. Ohne Erfolg. Gründe, wie niedrige Zäune, andere Haustiere oder zu wenig Platz ließen viele Anwohner schweren Herzens ablehnen.

Umso erleichterter war Heller dann kurz darauf, als ihn Dagmar Selig und Monika Krasemann über die Situation aufklärten. Juristisch wäre es für die Gemeinde durchaus kompliziert geworden, wenn es keinen Erbfolger gegeben hätte oder das Erbe, zu dem der Hund gehört, ausgeschlagen worden wäre. Unter anderem hätte Gnevkow die Kosten für die Unterbringung im Tierheim tragen müssen. „Das wäre dann halt so gewesen. Die Hauptsache ist doch, dass es dem Hund gut geht“, winkt Heller ab.

Der Bürgermeister dankte den beiden Letzinerinnen ausführlich im Namen der Gemeinde für ihr Engagement. „Es macht wirklich stolz, dass die Nachbarn in Gnevkow so aufmerksam und hilfsbereit sind“, sagt er auf Nordkurier-Nachfrage.

Für Krasemann war das eine Selbstverständlichkeit: „Warum sollte man nicht helfen?“ Umsonst war die Hilfe jedenfalls nicht. Dieses Wochenende wird Odin sein altes Zuhause wohl endgültig verlassen. In Gnevkow hat sich jemand gefunden, der ihn aufnehmen möchte.

Mit einem lachendem und einem weinendem Auge

Für Dagmar Selig und Monika Krasemann bedeutet das, Abschied zu nehmen. „Er war ein toller Wachhund, wir wussten immer, wenn Besuch kommt“, sagt Selig mit Blick auf Odin, der diesen treuherzig erwidert.

Ein wenig Trauer schwingt in ihrer Stimme mit. „Aber es ist deutlich besser so“, sagt sie dann entschieden. Auch Krasemann freut sich für den Hund, dass er zukünftig wieder ein richtiges Heim hat. „Das war ja kein Zustand“, wiederholt sie kopfschüttelnd. Dann geht sie durch das kleine Gartentor. Gassigehen ist angesagt. Sofort entfernt sich Odin vom Zaun, springt herum und freut sich so ausgelassen, wie es Hunde nun mal tun. Der neue Besitzer kann sich über ein quietschfideles, verspieltes neues Haustier freuen. Die Nachbarinnen Dagmar Selig und Monika Krasemann haben daran einen großen Anteil.