GLOCKEN GEPRÜFT

Konzertkirche Neubrandenburg besteht den Härtetest

Um zu prüfen, ob der Kirchturm der Neubrandenburger Marienkirche den Winter gut überstanden hat, erklangen am Freitag alle fünf Glocken gleichzeitig. Während Studenten den Turm auf Schwingungen überprüften, hangelten sich Kletterer an der Fassade entlang.
Die größte von fünf Glocken der Konzertkirche ist mehr als drei Tonnen schwer.
Die größte von fünf Glocken der Konzertkirche ist mehr als drei Tonnen schwer. Dennis Bacher
Routinier: Industriekletterer Sven Westphal erklimmt die Konzertkirche mehrmals jährlich.
Routinier: Industriekletterer Sven Westphal erklimmt die Konzertkirche mehrmals jährlich. Dennis Bacher
Die Neubrandenburger Vermessungs-Studenten Alexander Jackzentis (links) und Toni Hauptmann beobachten mögliche Schwingungen des Kirchturms vom Boden aus.
Die Neubrandenburger Vermessungs-Studenten Alexander Jackzentis (links) und Toni Hauptmann beobachten mögliche Schwingungen des Kirchturms vom Boden aus. Dennis Bacher
Ungewohnter Arbeitsplatz: Marko Eyraud überprüft, ob die alten Backsteine beim Bimmeln bröckeln.
Ungewohnter Arbeitsplatz: Marko Eyraud überprüft, ob die alten Backsteine beim Bimmeln bröckeln. Dennis Bacher
Neubrandenburg.

„Ganz schön hoch“, erkennt die Potsdamerin Marianne Westphal bei einem skeptischen Blick entlang der Außenfassade des 90 Meter hohen Sakralbaus. Die Rentnerin begleitete ihren Sohn Sven zwar schon des Öfteren bei seinen mitunter aufregenden Arbeitseinsätzen, in der Neubrandenburger Konzertkirche ist die 88-Jährige aber zum ersten Mal dabei. Sven Westphal ist Industriekletterer. Schon seit 27 Jahren kümmert sich sein Unternehmen, die Potsdamer Alpintechnik Westphal GmbH, um die Überprüfung, Reinigung und Instandhaltung von Gebäudekomplexen. Sein Arbeitsplatz am Freitagvormittag: Der Kirchturm in der Viertorestadt – und wie die Seniorin vermutet: „Ein gefährlicher Einsatzort.“

Anlässlich der bevorstehenden Osterfeiertage möchte die Stadt Neubrandenburg alle fünf Glocken der ehemaligen Marienkirche testweise gleichzeitig erklingen lassen. Wie in jedem Jahr soll unter „Vollast“ – bei einer Düsenjet-Lautstärke von 128 Dezibel – untersucht werden, ob der Winter seine Spuren an den zum Teil über 400 Jahre alten Mauersteinen hinterlassen hat. Für Westphal und Kletter-Kollege Marko Eyraud, die auf dem Kirchturmdach nur durch ein dünnes Stahlseil mit dem sicherem Boden verbunden sein werden, Routine. „Ich klettere schon seit über 25 Jahren an Gebäuden entlang, alles halb so wild“, erklärt Westphal. Dennoch seien historische Gebäude wie die Konzertkirche besonders. „Da oben fühlt es sich ähnlich an wie auf einem Segelschiff, die Schwingungen wirken sich subjektiv extrem aus.“ Vor zwei Jahren mussten die Kletterer bereits einige Steine aus dem alten Gemäuer schlagen. „Die wurden von der kalten Jahreszeit zu sehr in Mitleidenschaft gezogen.“ Obwohl der zurückliegende Winter einer der milderen Sorte war, seien Schäden auch diesmal nicht auszuschließen. „Bei regelmäßigem Niederschlag verhalten sich die Backsteine ähnlich wie Schwämme und saugen sich mit Regenwasser voll.“ Setze dann Frost ein, werde das Gestein porös.

Mögliche Schwingungen ausmachen

Als sich Westphal und Eyraud kurz vor 10 Uhr in ihr 15-Kilogramm-schweres Geschirr werfen, um wenig später die schmale Leiter hinauf zum Turmhelm zu erklimmen, bereiten sich im Inneren einige Studenten der Hochschule Neubrandenburg auf ihren Einsatz vor. Während draußen die Fassadenkletterer das Mauerwerk auf Schäden untersuchen, wollen die Studenten mithilfe ihrer Messgeräte bei fünffachem Geläut eine mögliche Schwingung des Kirchturms ausmachen.

Die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Hochschule beim Probeläuten besteht seit fünf Jahren. „Wir erkennen lieber im Voraus, ob es etwas zu tun gibt, als hinterher um Hilfe zu rufen“, erklärt Professor Karl Foppe von der hiesigen Forschungsanstalt. „Die Studenten sind mit Neigungs- und Schwingungssensoren auf drei Ebenen im Turm verteilt. Zudem sind zwei Gruppen am Boden positioniert.“ Durch Prismaspiegel, die oben am Kirchturm angebracht sind, können die Studierenden für Geodäsie und Messtechnik mithilfe eines Empfängers am Boden erkennen, ob sich der Turm bewegt. Tatsächlich: Während ohrenbetäubender Lärm durch das Gemäuer klingt, schlagen unterschiedliche Messsensoren aus. Dabei handle es sich allerdings nur um ein paar Millimeter. „Alles im Rahmen und kein Grund zur Sorge“, beteuern die Zweitsemestler Toni Hauptmann und Alexander Jackzentis, die sich mit ihrer Technik im Innenhof des Blutspendedienst-Instituts positioniert haben.

Nach dem Abklingen des 30-minütigen Gebimmels geben die Industriekletterer Entwarnung: „Nichts zu erkennen, dem Kirchturm geht es gut“, so Westphal. Auch Marianne Westphal ist zufrieden, nachdem der Nachwuchs wieder auf festem Boden steht. Aber: „In zwei Wochen muss er ja schon wieder da hoch!“ Für den 15. und 16. April hat die Stadt eine Bestandsaufnahme des kompletten Kirchenkomplexes geplant. Zwei Tage werden die Profis dann brauchen, um alle Seiten und Türme zu kontrollieren. Wieder mit dabei: Marko Eyraud und Sven Westphal. Und auch wenn es die Mutter anders sieht: „Ich freue mich schon wieder auf den Job“, lächelt der wagemutige Potsdamer Fassadenkletterer.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Neubrandenburg

Kommende Events in Neubrandenburg (Anzeige)

zur Homepage