„ÜBERALL WEINEN LEUTE“

Ex-Neubrandenburgerin über das Leid in Halle

Eine ehemalige Neubrandenburgerin, die in Halle an der Saale lebt, hat die schrecklichen Ereignisse am Mittwoch hautnah miterlebt. Die Stadt war am Tag danach eine andere.
Thomas Beigang Thomas Beigang
Die ehemalige Neubrandenburgerin Ute Schulz lebt jetzt in Halle. In dem Dönerladen, einer der Tatorte, war sie schon oft zu Gast.
Die ehemalige Neubrandenburgerin Ute Schulz lebt jetzt in Halle. In dem Dönerladen, einer der Tatorte, war sie schon oft zu Gast. Ute Schulz / privat
Neubrandenburg.

Ute Schulz saß gerade mit einer Freundin beim Mittagessen – als am Mittwoch fast zeitgleich überall im Restaurant die Telefone klingelten. Auch bei der ehemaligen Neubrandenburgerin, die inzwischen seit langer Zeit in Halle an der Saale lebt.

„Meine Tochter war dran und erzählte mir, was sie gerade hören und lesen musste: Ein Mann hat auf offener Straße zwei Menschen erschossen, der war auf der Flucht und alles war noch unklar“. Der Wirt, der sein Lokal sofort geschlossen hat, bot allen an, bleiben zu können. „Ich musste aber los“, erzählt Ute Schulz am Donnerstag dem Nordkurier am Telefon, „auf mich haben Patienten gewartet.“

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Eine Geisterstadt

Die 56-Jährige, die in Neubrandenburg einst zur Schule ging, ist Psychologin und betreibt eine Praxis in Halle. Viele Patienten sind am Mittwochnachmittag aber nicht zu ihr gekommen. Die Polizei hatte angesichts der zunächst noch unsicheren Lage allen Einwohnern der Stadt empfohlen, die Wohnungen und Arbeitsstellen nicht zu verlassen, die Straßen zu meiden.

Als die Psychologin vom Mittagstisch mit dem Rad in ihre Praxis strampelte, vermochte sie kaum, ihre Stadt wiederzuerkennen. Alles sei gespenstisch leise gewesen, sagt sie auch einen Tag später noch mit Gänsehaut, keine Straßenbahn fuhr mehr, die Rollläden an den Geschäften hingen alle unten, nur wenige Menschen waren auf der Straße.

„Die Menschen sind verstört und viel leiser“

Erst am Abend, als sich viele Hundert zu einer Mahnwache versammelten, belebte sich Halle wieder – aber auf andere Weise als sonst. „Viele Menschen haben geweint, überall in der Stadt.“ Auch einen Tag später, am Donnerstag noch. „Halle hat sich verändert“, sagt sie jetzt.

Viel gedämpfter kommt ihr alles vor, die Menschen seien verstört und viel leiser als früher. Auch in ihrer Praxis. Die Patienten, die am Donnerstag vormittags in ihre Praxis kamen, hätten allesamt mit den Tränen gekämpft. „Sie wollten mit mir über nichts anderes reden, als darüber, was da gerade in ihrer und mit ihrer Stadt geschehen war.“

Dabei hat auch Ute Schulz damit Probleme. Einen der Plätze, an denen am Mittwoch ein Mensch sterben musste, kennt die Ex-Neubrandenburgerin sogar sehr gut. Bis vor einem Jahr hat sie mit den Kindern keine 100 Meter weit von dem Döner-Lokal entfernt gewohnt, in dem ein Bauarbeiter regelrecht hingerichtet wurde.

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Sie müsse jetzt umdenken. Was für sie ein Platz war, an dem man einen leckeren Döner essen konnte, ist auf einmal ein Tatort. „Fürchterlich, wir waren da regelmäßig zu Gast, das ist einfach alles unvorstellbar“, sagt sie. Selbst die studierte Psychologin macht sich Sorgen, die entsetzlichen Geschehnisse zu verarbeiten. Und muss doch dabei ihre Patienten unterstützen. „Verstehen kann man das alles ja nicht“, sagt sie. Nie und nimmer, aber mit der Ansicht steht die ehemalige Neubrandenburgerin nicht allein da.

Hätte irgendjemand so etwas in ihrer Heimatstadt erwartet? „Doch nicht hier in Halle.“ Anschläge, die Menschen bis ins Mark erschütterten, fanden woanders statt. Und jetzt plötzlich hier in der Nachbarschaft. „Die Stadt wird nie wieder so sein wie vorher.“

+++ Hier finden Sie alle Nordkurier-Artikel zu der Attacke in Halle (Saale) +++

Die Angst, es könnte wieder geschehen

Ein Phänomen, das auch schon Bewohner anderer Städte registrieren mussten, in denen Anschläge mit Todesopfern verübt wurden. Bei jedem Blaulicht und Martinshorn erschrecken sich die Menschen dort viel mehr als in friedlichen Gegenden – und denken an das Schlimmste.

Das Gefühl der Bedrohung sei eine völlig normale Reaktion auf „ein für uns alle extremes Erleben“, sagen Extremismusforscher. In West- und Mitteleuropa sei man es glücklicherweise gewohnt, im Alltag mit relativ wenig Gewalt rechnen zu müssen – und schon gar nicht mit plötzlichen Attacken oder Überfällen, in denen jemand seine Mitbürger umbringen will, wie jetzt in Halle geschehen.

Ute Schulz ist selbst gespannt, wie es weiter geht. Trotzdem – die ehemalige Neubrandenburgerin grüßt ihre Heimatstadt aus dem angespannten Halle. Schließlich habe sie am Tollensesee noch viele gute Bekannte.

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Kommentare (3)

Liebe Bekannte, liebe Freunde, mit großem Schmerz blicke ich auf die kürzlich eingetretenen Ereignisse.
Zwei unserer Brüder und Schwester wurden hinterhältig ermordet. Völlig grundlos.

Ich bin fassungslos!
Das ist alles so unglaublich traurig…
Ihr wisst nicht, wie viel Schmerz und Trauer wir in diesen Stunden im Herzen tragen.
Was ist nur aus diesem Land geworden?

Shalom Aleijem. S’hma Yisrael Elohai.

[Editiert und Pauschalisierungen und Beleidigungen entfernt. D. Red.]

Sollte dieser Brief echt sein,sind es wahre Worte. Der Leitartikel heute im Nordkurier ist aus meiner Sicht nur noch peinlich . Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Ich kann den Podcast von NDR Info "Geschichten gegen denn Hass" empfehlen, daraus nimmt man einiges mehr mit...., ja, auch zum Thema Medienkritik und journalistische Arbeit sowie deren Fehler und Wirkungen auf die Konsumenten...