Rangnick: „In bestimmten Bereichen ist Erfolg planbar”

Ralf Rangnick
Hat noch viel vor mit RB Leipzig: Ralf Rangnick. Foto: Jan Woitas

Wie wird aus einem Oberligisten binnen zehn Jahren ein Titelanwärter im deutschen Profi-Fußball? Geld ist eine Voraussetzung und bei RB Leipzig durch Besitzer Red Bull vorhanden. Das allein reicht aber nicht, wie viele Beispiele belegen.

Ralf Rangnick hat nicht zum ersten Mal einen Verein entwickelt und auf ein neues Niveau gehoben. «Es ist beispielsweise schwer, eine Meisterschaft oder einen Turniersieg zu planen. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von Spielern, Trainern und das Schaffen einer erfolgversprechenden Struktur sehr wohl planbar», erklärt er in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur.

Frage: Welches (sportliche) Ereignis hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?

Antwort: Wenn ich darüber nachdenke, dann hat mich für meine Rolle als Trainer/Sportdirektor die Begegnung mit Helmut Groß (Mentor) Mitte der 80er Jahre persönlich am meisten geprägt - insbesondere meine Denkweise in Bezug auf die taktische und fachliche Ausrichtung sowie den Umgang mit Spielern.

Frage: Was treibt Sie an: der Weg oder das Ziel?

Antwort: Der Satz «der Weg ist das Ziel» trifft es sehr genau. Es ist doch so, dass Menschen, die bestimmte Ziele erreicht haben, von genau diesem Zeitpunkt an direkt auf der Suche nach dem nächsten Ziel sind. Ob das die kleinen oder die großen, weiter entfernten Ziele sind. Die Erfüllung und die Befriedigung im Alltag liegen im Weg und den täglichen Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen: Es sind die Dinge, die am Wegesrand liegen, die das Leben spannend und interessant machen.

Frage: Es wirkt ein bisschen bei RB, als sei Erfolg planbar. Inwiefern ist er das?

Antwort: In bestimmten Bereichen ist Erfolg planbar, in anderen nur bedingt. Es ist beispielsweise schwer, eine Meisterschaft oder einen Turniersieg zu planen. Auf der anderen Seite ist die Entwicklung von Spielern, Trainern und das Schaffen einer erfolgversprechenden Struktur sehr wohl planbar. Diese Faktoren führen dazu, dass die Wahrscheinlichkeit für Erfolg erhöht wird. Das ist meine Philosophie. Verbesserungen in allen Bereichen, und seien sie auf den ersten Blick noch so klein, führen in ihrer Summe zu großen Veränderungen. Die Grundlage für ständigen Fortschritt ist die Kombination aus Offenheit für Neues und einer gesunden Skepsis.

Frage: Was waren die drei wichtigsten Entscheidungen, die Sie in Ihrer Zeit bei RB Leipzig bislang getroffen haben?

Antwort: Das ist eine schwierige Frage. Denn wir mussten hier natürlich in den vergangenen Jahren sehr viele Entscheidungen treffen. Wenn ich das jetzt einmal auf die personellen Positionen beschränke, dann hatten wir bei der Auswahl unserer Trainer bislang ein gutes Händchen.

Frage: Was wäre der Moment, in dem Sie sagen, Sie haben mit RB Leipzig alles erreicht?

Antwort: Ehrlich gesagt stellt sich diese Frage nicht, denn schließlich gibt es immer wieder neue Ziele, die man sich steckt und erreichen möchte. Gerade das Thema Weiterentwicklung des Vereins ist und bleibt spannend.

Frage: Sie haben bei Ihrem Amtsantritt am 4. Juli 2012 gesagt: «Heute beginnt eine neue Zeitrechnung.» Wo steht der Zeiger jetzt?

Antwort: Wir wollten mit RB Leipzig in die Bundesliga und uns dort etablieren - das haben wir geschafft. Aber wenn wir uns jetzt dauerhaft unter den Top-Vier bewegen und international auch mit den großen Clubs in Europa messen wollen, müssen wir uns stetig weiterentwickeln. Und im besten Fall schneller als es die anderen tun. Das bedeutet allzeit erhöhte Aufmerksamkeit. Was wir von unseren Spielern auf dem Platz verlangen, muss im Trainerstab und in der Führungsriege vorgelebt werden. Ich kann allerdings nicht in die Zukunft blicken und Ihnen sagen, wie der Fußball und das Geschäft insgesamt in zwanzig Jahren aussehen wird. Daher ist es immer schwer, den Status Quo auf einer Timeline anzusiedeln. Wir sind nach wie vor auf einem guten Weg und ich verspreche Ihnen, dass unsere Entwicklung noch nicht zu Ende ist.

Frage: Sie haben einst die Mannschaft als Trainer in die Bundesliga geführt und nach dem vorzeitigen Abschied von Ralph Hasenhüttl auch wieder die Verantwortung übernommen, durchaus ein Wagnis, bei dem Sie viel hätten verlieren können. Vertrauen Sie sich selbst am allermeisten?

Antwort: Angst vor der Aufgabe hatte ich nicht, wenn Sie das meinen. Die wäre auch ein schlechter Ratgeber gewesen. Respekt hingegen schon, denn ich weiß, was es bedeutet, eine Bundesligamannschaft zu führen. Und die Erwartungen, die wir vor dieser Saison hatten, habe ich ja mit vorgegeben. Nämlich das Ziel, international zu spielen und nach Möglichkeit wieder die Champions League zu erreichen. Aber ich kenne die Spieler wie kein anderer, und auch der Stab ist von mir zusammengestellt. Also war mir klar, worauf ich mich einlasse und damit auch, dass wir unsere Ziele erreichen können, wenn wir akribisch arbeiten und uns auf das Wesentliche fokussieren. Das haben wir gemacht.

Vertrauen ist ein gutes Stichwort. Ohne gegenseitiges Vertrauen stehst du keine Bundesligasaison durch. Es ist eine, wenn nicht sogar die Grundvoraussetzung, für erfolgreiches, gemeinschaftliches Arbeiten.

Frage: Der Weg von RB Leipzig war und ist aber noch immer auch ein Kampf um Akzeptanz und gegen Anfeindungen. Können Sie verstehen oder nachvollziehen, warum manch anderer höherklassige ostdeutsche Verein sich lieber erst gar nicht äußern will zum zehnjährigen Jubiläum von RB?

Antwort: Dieses Bild hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Was RB Leipzig für die Stadt und die Region bedeutet, sehen und spüren wir nicht nur an jedem Spieltag im Stadion. Ich glaube, dass wir mit unserer Art Fußball insgesamt eine Bereicherung sind und weiter sein werden. Und ich bin davon überzeugt, dass von unserer positiven Entwicklung auch der Fußball im Osten noch weiter profitieren könnte. Aber letztendlich muss hier jeder Club seinen für sich eigenen und richtigen Weg gehen. Wir spüren in und um Leipzig jedenfalls große Akzeptanz und Zuneigung - und je näher das Pokalfinale rückt auch eine immer stärker werdende Vorfreude und Euphorie.

Frage: Was gönnen Sie sich als Erstes, wenn diese Saison vorbei ist?

Antwort: Die Frage stellen Sie mir am besten ein paar Tage nach dem Pokalfinale noch einmal.

Zur Person: Ralf Rangnick trainiert in dieser Saison RB Leipzig. Seit 2012 ist der 60-Jährige bei dem sächsischen Fußball-Bundesligisten bereits als Sportdirektor für die Entwicklung des Clubs maßgeblich verantwortlich. Rangnick ist ein Verfechter einer aggressiven, schnellen Spielweise, bei der der Gegner früh unter Druck gesetzt wird.