JOHANN SEBASTIAN BACH

Johannes-Passion aus Leipzig trotzt Corona

Normalerweise erklingen Passionsmusiken in der Karwoche in vielen Kirchen. Doch wegen der Corona-Krise fallen sie dieses Jahr aus. Ein Experiment hat es am Karfreitag aber in der Leipziger Thomaskirche gegeben.
dpa
Thomaskirche
Thomaskirche in Leipzig: Die Johannes-Passion im Livestream hat die Zuhörer weltweit begeistert. Foto: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa
Leipzig.

Ein einziger Blick in die Leipziger Thomaskirche am Karfreitag genügt, um zu wissen: Dieses Jahr ist alles anders. Wo sonst eine Passionsmusik von Johann Sebastian Bach von Dutzenden Mitwirkenden und vor Hunderten Zuhörern aufgeführt wird, haben sich ganze zehn Musiker um den isländischen Tenor Benedikt Kristjansson luftig versammelt.

In gebührendem Abstand voneinander stehen sie in der leeren Kirche und führen eine Corona-taugliche Johannes-Passion auf. Es ist eine komplett geschlossene Veranstaltung. Aber die Welt ist per Livestream dabei – und den Kommentaren zufolge begeistert.

Die Idee für die einzige Passionsmusik „weit und breit” in dieser Karwoche stammt vom Intendanten des abgesagten Leipziger Bachfestes, Michael Maul. Eigentlich hätte die kammermusikalische Fassung für Tenor, Cembalo und Schlagwerk ein Programmpunkt des Festivals im Juni sein sollen – allerdings live und mit 5000 Mitsingenden auf dem Leipziger Marktplatz. Als sich die Absage des Bachfestes wegen der Corona-Pandemie abzeichnete, sei die Überlegung entstanden, die Aufführung ans Grab von Bach in die Thomaskirche zu verlegen.

Und um die Bach-Community wenigstens virtuell zusammenzubringen, wurden in den vom MDR produzierten Livestream Bachchöre aus aller Welt eingeblendet. Sie hatten die Choräle ein paar Tage zuvor zu einem Playback eingesungen. „Wir wollten das globale Mitsingen forcieren”, sagte Maul. Ideen, die Sänger per Skype live zuzuschalten, seien schnell verworfen worden. „In der Musik geht es um Zehntel, um Hundertstel. Das kriegt man nicht synchron hin”, sagte Maul. Stattdessen wurden die Aufnahmen des Ottawa Bach Choir oder der Malaysia Bach Festival Singers eingespielt – und es funktionierte gut.

Allein auf der Facebook-Seite des Bach-Archivs Leipzig verfolgten mehr als 6000 Zuhörer den Livestream, dreimal so viele wie in die Thomaskirche gepasst hätten. Im Sekundentakt kommentierten sie die Aufführung als wundervoll, sehr bewegend oder großartig. „Das ist magisch. Bach hätte es geliebt”, schrieb ein Zuhörer. Ein anderer meldete sich aus Brasilien und schrieb: „Bach macht unsere Quarantäne erträglich.” Während des Streams wurden Spenden gesammelt für freischaffende Musiker, die von der Corona-Krise hart getroffen worden sind.

Normalerweise werden in der Karwoche in den Kirchen zahlreiche Passionen und Konzerte aufgeführt. Auch Bachfest-Leiter Maul sagte: „Meine Bachpassion gehört für mich zu Ostern wie das Salz in der Suppe.” Er schätzte, dass in Deutschland wegen der Corona-Krise Hunderte Passionen abgesagt worden seien. Dass in Leipzig nun die einzige Aufführung einer Bachpassion möglich wurde, habe nur unter strengen Auflagen des Ordnungsamtes funktioniert. Maximal 20 Menschen durften sich in der Kirche aufhalten.

Der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, bestätigte, dass die Leipziger Aufführung einzigartig sei. Wie viele Choräle, Kantaten und Oratorien es sonst um Ostern in den Kirchen gebe, lasse sich nicht seriös aufrechnen. Bei größeren Landeskirchen dürften es an die tausend Konzerte sein, erklärte Claussen. „Wichtig ist, dass es sehr viele und sehr unterschiedliche Veranstaltungen sind – ein wichtiger Beitrag zum Kulturleben in Deutschland. Das kann man auch ohne Statistik sagen.”

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