„SCHLAFEN SIE AUF DER STRAßE?”

Berlin zählt erstmals Obdachlose

An Kreuzungen, unter Brücken, in Gebüschen: Gefühlt hat die Obdachlosigkeit in Berlin in den vergangenen Jahren zugenommen. Jetzt werden die Menschen auf der Straße zum ersten Mal wirklich gezählt. Ein Vorbild für andere Städte?
dpa
Obdachlos
Obdachlose Menschen liegen unter einer Brücke am Bahnhof Zoo. Foto: Paul Zinken/dpa
Berlin.

Es ist eine Premiere bundesweit: In Berlin werden zum ersten Mal systematisch Obdachlose auf den Straßen gezählt. „Ich hoffe sehr, dass wir hier auch einen Stein ins Rollen bringen für Deutschland”, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke).

Sie hoffe auf Nachahmer in anderen Städten. Ziel ist es, bessere und passgenauere Hilfsangebote zu schaffen. An der Zählung in Berlin unter dem Titel „Nacht der Solidarität” wollten sich zwischen 22.00 und 1.00 Uhr insgesamt mehr als 3700 Freiwillige beteiligen. Geplant war, dass sie in mehr als 600 Teams auf festgelegten Routen durch die zwölf Bezirke laufen: in der Innenstadt durch jede Straße, in weitläufigen Außenbezirken vor allem zu Hotspots.

Obdachlose sollten nicht nur gezählt, sondern nach Möglichkeit auch zu ihrer Situation und Herkunft befragt werden. Die standardisierten Worte zur Gesprächseinleitung auf einem Infoblatt für Helfer lauten etwa: „Schlafen Sie auf der Straße?” und „Sind Sie einverstanden, dass wir Ihnen jetzt unsere Fragen stellen?” Wer nicht gefunden werden wolle, den werde man auch nicht suchen – niemand solle von der Straße vertrieben werden, betonte die Sozialverwaltung.

Ergebnisse sollen am 7. Februar vorliegen. Berlin folgt mit dem Pilotprojekt dem Vorbild von Städten wie Paris und New York. Bisher gibt es zur Lage in der deutschen Hauptstadt lediglich grobe Schätzungen: Angenommen werden 6000 bis 10.000 Obdachlose, bei vermutlich steigender Tendenz in den vergangenen Jahren. Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leben bundesweit 41.000 Menschen im Laufe eines Jahres ohne jede Unterkunft auf der Straße.

Sie gehe zwar nicht davon aus, dass tatsächlich sämtliche Obdachlose in der Stadt gezählt werden könnten, schränkte Breitenbach ein. Am Ende sei man dennoch einen Schritt weiter. Ziel sei eine langfristige Statistik. „Das wird nicht die letzte Zählung sein.” Alle anderthalb bis zwei Jahre circa sei eine Wiederholung denkbar.

„Ich merke, dass es jedes Jahr mehr Obdachlose gibt, auch hier im reichen Charlottenburg. Ihnen soll geholfen werden”, sagt ein 50-Jähriger, der sich als Freiwilliger gemeldet hat. Für die Teams gelten Regeln für den Umgang mit den Menschen auf der Straße: nicht aufwecken, nicht duzen, nicht drängen. Keine Fotos, keine Posts. Beim Kontakt mit aggressiven Menschen: sofort weggehen.

Es gibt aber auch Kritiker: Die Zählung stelle keine direkte Hilfe dar, auch mehr Wohnungen würden damit nicht geschaffen. „Wohnungen statt Zählungen”, ist der Titel einer Protestkundgebung. Unter Obdachlosen scheinen die Meinungen auseinanderzugehen – während manche die Zuwendung schätzen, bangen andere um ihre Verstecke.

Wie belastbar die Daten ausfallen, ist offen. Er warne vor zu hohen Erwartungen, erklärte Oliver Bürgel von der Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. So gut und wichtig die Zählung sei, bleibe sie doch erst einmal „eine unvollständige Momentaufnahme”.

Zwar wird die Zählung wissenschaftlich begleitet, die Umsetzung aber liegt letztlich in großen Teilen in Hand von Laien. Eine Begleitung der Zählteams durch Journalisten in der Nacht war nicht erwünscht – zum Schutz der Persönlichkeitsrechte der Obdachlosen, wie es hieß.

Misstrauisch, dass Zahlen um der guten Sache Wille nach oben korrigiert werden, zeigte sich die Verwaltung vorab nicht. „Wir gehen davon aus, dass Obdachlose eher übersehen werden als dass Helfer sie dazuzählen”, sagte Sprecherin Karin Rietz.

Überraschungen sind nicht ausgeschlossen: Der „taz” sagte ein Mitarbeiter der Pariser Sozialverwaltung, dass man dort bei bisherigen Zählungen einen Frauenanteil von 12 beziehungsweise 14 Prozent festgestellt habe. Vorher sei die staatliche Statistik von zwei bis vier Prozent weiblichen Obdachlosen ausgegangen.

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