FILM ÜBER „JÜDISCHEN SCHINDLER”

Herr Nir, wie haben Sie das geschafft?

Yonatan Nir stellt derzeit seine Dokumentation über den Retter von über 10.000 jüdischen Kindern zur NS-Zeit in Schulen und Kinos in MV vor. Warener Schüler beeindruckte vor allem seine Arbeit mit den Zeitzeugen.
Regisseur Yonatan Nir antwortete gerne auf die Fragen der Schüler.
Regisseur Yonatan Nir antwortete gerne auf die Fragen der Schüler. Christine Gerhard
Die Schüler waren tief bewegt von dem Film und hatten Redebedarf.
Die Schüler waren tief bewegt von dem Film und hatten Redebedarf. Christine Gerhard
Waren.

„Wie haben Sie es geschafft, diese Menschen zu ihrer Vergangenheit zu befragen?“, will eine Zehntklässlerin des Warener Wossidlo-Gymnasiums wissen, „ich musste ja schon beim Zuschauen fast weinen.“ Die Frage richtet sich an den israelischen Regisseur Yonatan Nir, der seine Dokumentation „The Essential Link“ derzeit in Schulen und Kinos des Landes vorstellt.

Mittelpunkt des Films ist Wilfrid Israel, der „jüdische Schindler“, der in der Nazizeit mehr als10.000 jüdischen Kindern das Leben rettete. Mit manchen von ihnen hat Nir gesprochen. „Auch wenn sie schon neunzig Jahre alt waren“, antwortet der Regisseur, „in ihren Augen sah ich, dass sie emotional noch immer dort waren, wenn sie darüber sprachen“ – über die Kindertransporte, darüber, wie sie sich von ihren Eltern verabschiedeten, die sie nie wieder sahen. So schwer die Gespräche auch waren, Nir sieht es als Privileg, die Zeitzeugen getroffen zu haben und die Geschichte ihres Retters in der Welt zu verbreiten.

Retter musste Geschäfte mit den Nazis machen

Fast wäre sie in Vergessenheit geraten. Als Nir mit der Recherche begann, hatte er keine weiteren Anhaltspunkte als Wilfrid Israels Kunstsammlung und ein einziges Buch. Über den Juden, der Juden gerettet hatte, sprach man nicht. Denn um zu helfen, musste der Geschäftsmann auch mit Nazis Geschäfte machen. Hinzu kam, was Nir „die Schuld der Geretteten und die Schuld des Retters“ nennt: Wilfrid Israel konnte nicht jedem ein Visum verschaffen. Die auserwählten Kinder überlebten, während andere starben.

Jahrzehnte später brach Nir das Schweigen um Israels Taten. Er begab sich auf die Spuren des Juden, der in Berlin ein Kaufhaus führte und der sein Geld, seinen Einfluss und seinen britischen Pass dafür einsetzte, vor Kriegsausbruch Tausende Verfolgte ins Ausland zu schleusen. Die Recherche dieser Geschichte führte den Regisseur auf die Spuren seiner eigenen Vorfahren – auch sein Großvater hatte manches verschwiegen. Etwa, dass er nur einen Tag vor Kriegsbeginn aus Berlin geflohen war. „Sie sprachen nie über die Vergangenheit“, erinnert sich Nir. „Erst als mein Großvater älter wurde, begann er, mehr Geschichten aus seinem Leben in Deutschland zu erzählen. Er fing auch wieder an, deutsch zu sprechen, ganz leise.“

Lange nicht mit Familiengeschichte auseinandergesetzt

Für die Dreharbeiten reiste Nir 2012 zum ersten Mal in das Land seiner Vorfahren. „Ich komme von hier, und doch hatte ich mich nie mit meiner deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt“, sagt er. Eine negative Haltung zu Deutschland habe er nie gehabt. „Ich kenne Leute, deren Großeltern Nazis waren, aber ich verurteile niemanden dafür, was seine Großeltern getan haben.“

Ob er selbst Antisemitismus erlebt habe, fragt ein Schüler. Nir verneint. Doch auch er beobachte, dass der Rassismus stärker werde. „Wir müssen im Dialog bleiben, um zu begreifen, dass uns nicht so viel unterscheidet wie uns verbindet.“ Auch deshalb hat Robert Kreibig vom Kulturverein „Engelscher Hof“ ihn einfliegen lassen, finanziert mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung. Auch deshalb ist der Antisemitismus-Beauftragte des Landes Hansjörg Schmutzler gekommen.

Auch in schlimmsten Zeiten menschlich bleiben

„Was ist die zentrale Botschaft, die Sie vermitteln wollen?“, fragt eine Zehntklässlerin Nir. Der überlegt: „Wilfrid Israel lehrt uns, dass es auch in den schlimmsten Zeiten möglich ist, ein Mensch zu bleiben.“

Yonatan Nir zeigt seinen Film am 1. Februar um 17 Uhr im Latücht Neubrandenburg und am 2. Februar um 16 Uhr in der Alten Kachelofenfabrik Neustrelitz.

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