NACH DRAMA AUF USEDOM

Ostseeküste stellt sich auf Robben-Babyboom ein

2018 feierten Tierschützer in MV die erste Kegelrobbengeburt seit über 100 Jahren. Aber auch die Totfunde nahmen drastisch zu – neue Herausforderungen für die Küstenorte.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Forscher erwarten für dieses Frühjahr viele neue Robbengeburten. (Archivbild)
Forscher erwarten für dieses Frühjahr viele neue Robbengeburten. (Archivbild) Jordsand-
Der Robbennachwuchs ist niedlich - dennoch sollte man Abstand halten.
Der Robbennachwuchs ist niedlich – dennoch sollte man Abstand halten. Daniel Reinhardt
Mit der Zahl der Robben ist auch die Zahl der Totfunde gestiegen.
Mit der Zahl der Robben ist auch die Zahl der Totfunde gestiegen. Stefan Sauer
Stralsund.

Dieses Drama soll sich nicht wiederholen: Als am 15. April 2018 Spaziergänger am Usedomer Strand bei Heringsdorf ein Robbenbaby im weißen Lanugofell entdeckten, war die Aufregung groß. Dutzende Schaulustige umringten das von der Mutter allein gelassene Jungtier, ehe einer der Passanten die Polizei informierte. Die herbeigeeilten Ordnungshüter meinten es gut, aber sie waren nicht vorbereitet auf Robbennachwuchs. Die Polizei sprach von einem „gestrandeten Jungtier“. Tatsächlich soll die Mutter des Jungen draußen im Wasser gesichtet worden sein. Ein Feuerwehrmann trug das Jungtier ins Wasser. Es war das Todesurteil für die Robbe.

Denn das Fell junger Kegelrobben sei nicht ausreichend wärmeisoliert, sagt die Stralsunder Meeresbiologin Linda Westphal. Erst im Alter ab drei Wochen bekommen sie ein dickes Fell, das sie vor Kälte schützt. Solange bleiben sie für gewöhnlich an Land. Vorher können die Tiere im eiskalten Wasser nicht überleben. „Das Tier vom Heringsdorfer Strand haben wir nie wieder gesehen.“

Der Verlust war für Naturschützer umso schmerzlicher, weil seit der schonungslosen Robbenjagd Anfang des 20. Jahrhunderts an der deutschen Ostseeküste keine Lebendgeburt mehr registriert worden war. Erst am 8. März 2018 konnte an Rügens Kap Arkona die erste Robbengeburt nachweisen werden. Doch auch diese kleine Robbe hatte nicht überlebt. Sie lag noch mit der Nabelschnur am breiten Sandstrand. „Entweder war er verhungert oder ein Fuchs oder Dachs hatte ihn getötet“, sagt Westphal.

20.000 Kegelrobben in der Ostsee

Gleich vier Jungtiere hatten im vergangenen Jahr an Mecklenburg-Vorpommerns Küste das Licht der Welt erblickt, neben den beiden Pechvögeln von Hiddensee und Stubbenkammer auch noch zwei Jungtiere, die am 19. April auf der Greifswalder Oie und am 6. Juni in Gager gesichtet wurden. Forscher vermuten, dass es 2018 sogar noch mehr Nachwuchs gegeben haben könnte. „Wir wissen zum Beispiel nicht, was sich auf der abgelegenen Halbinsel Struck bei Lubmin und am Peenemünder Haken abgespielt hat“, sagt Westphal.

Auf mehr als 20.000 Tiere wird der einst 100.000 Kegelrobben zählende Bestand in der Ostsee gegenwärtig geschätzt. Mindestens 20 von ihnen gelten als Dauergäste. Doch zur Wurfzeit ab Februar, wenn der Hering zum Laichen an die ostdeutsche Küste zieht, folgen ihm deutlich mehr Robben. „Wir rechnen deshalb für dieses Frühjahr mit vielen neuen Geburten“, sagt Dr. Michael Dähne, Kurator für Meeressäuger am Meeresmuseum Stralsund.

Doch anders als die an Heuler gewöhnten Nordseeanwohner wissen die meisten Menschen in MV noch wenig über das Verhalten im Fall eines Robbenfundes richtig reagieren sollte. Wenn man ein weißes Jungtier sehe, sollte man es nicht anfassen, den Strand als 100-Meter-Ruhezone absperren und das Meeresmuseum informieren, rät Westphal. Denn oft würden die Jungtiere nur für einige Stunden von ihren säugenden Müttern verlassen, die dann auf Fischjagd ins Meer gingen.

Robbenseminare für Feuerwehren

In Robbenseminaren werden derzeit die Mitarbeiter von Kurverwaltungen, Ordnungsämtern, aber auch Einsatzkräfte von Feuerwehren geschult, wie im Falle einer Robbensichtung der Strand abgesperrt und Passanten aufgeklärt werden sollten. Wichtig sei der Aufbau funktionierender Meldeketten, so Ingmar Piroch vom Biosphärenreservat Südost-Rügen.

Für den Aufbau einer Datenbank bitten die Forscher auch um Fotos, mit denen sie die einzelnen Tiere anhand charakteristischer Fellzeichungen identifizieren können. Interessierte Tierfans könnten sich sogar vom BUND zu ehrenamtlichen Robbenbetreuern ausbilden lassen, die sich dann um den Schutz der Jungtiere am Strand, aber auch um den Schutz der Menschen kümmern.

App für Robbenfunde

Mit der Rückkehr der Ostseerobben hat sich aber auch die Zahl der Totfunde enorm erhöht. Im Jahr 2013 wurden an den Stränden 13 Kadaver entdeckt, im vergangenen Jahr waren es 65 Robben – verendet in Stellnetzen und Reusen, an Schiffsschraubenverletzungen, Tumoren oder bakteriellen Erkrankungen. Weil die Tiere allesamt untersucht werden müssen, wurde in der Sektionshalle auf dem Stralsunder Dänholm inzwischen sogar ein zweiter Seziertisch aufgebaut.

Wer eine tote Robbe findet, kann zum Beispiel über die neue App „OstSeeTiere“ oder über die Rufnummer 03831-26503333 das Meeresmuseum informieren.

Richtiges Verhalten beim Auffinden einer Robbe

Die Chance, dass man am Strand auf eine lebende Kegelrobbe trifft, wächst – vor allem von Februar bis April, wenn die Weibchen ihre Jungen werfen. Wichtigster Grundsatz ist es, die Tiere in Ruhe zu lassen, auch einzeln am Strand liegende Jungtiere im typischen Lanugofell. In der Regel haben die Mütter ihren Nachwuchs nur für einige Stunden verlassen, um im Meer zu fressen. Das Meeresmuseum Stralsund empfiehlt deshalb:

1. Versperren Sie den Tieren niemals den Fluchtweg ins Wasser!

2. Halten Sie einen Mindestabstand von 100 Metern!

3. Auf keinen Fall die Tiere berühren, füttern oder bewerfen!

4. Hunde sind an der Leine zu führen!

5. Stellen Sie sich niemals zwischen Mutter und Jungtier!

6. Informieren Sie die zuständigen Institutionen wie Kurverwaltung, Ordnungsamt, Naturschutzbehörden oder Meeresmuseum!

Robben sind gefährlich. Wer es riskiert, von den relativ schnellen Meeressäugern gebissen zu werden, muss mit schweren Komplikationen rechnen. So kann der Biss in den Finger zum sogenannten „seal finger“ führen, einer vermutlich bakteriellen Entzündung, die zur Bewegungsunfähigkeit und schließlich zur Amputation führen kann. Weitere Risiken sind Influenza- und Pockenerkrankungen sowie Fieber und Muskelschmerzen.

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