Todesfalle Schulbus?
Oma bangt um Enkel aus der Seenplatte

Während das Anschnallen in Reisebussen Pflicht ist, gilt das für die Linienbusse und den Schülerverkehr in Deutschland nicht.
Während das Anschnallen in Reisebussen Pflicht ist, gilt das für die Linienbusse und den Schülerverkehr in Deutschland nicht.
Bernd Wüstneck

Die Gefahr fährt auch im Schulbus mit, dessen ist sich eine Großmutter aus Potsdam sicher. Täglich fährt ihr Enkel von Neukalen nach Demmin – unangeschnallt.

So richtig geschnallt hat Renate Hamel aus Potsdam es noch immer nicht. Was, bitteschön, ist da bei ihrem Enkel in der Mecklenburgischen Schweiz an der Tagesordnung? Schulbus-Fahren ohne angeschnallt zu sein? Täglich insgesamt rund zwei Stunden sei der Achtjährige dafür von Montag bis Freitag auf der Straße unterwegs. Und dabei vielen Gefahren ausgesetzt. „Ich konnte nicht glauben, als er mich auf meine Frage, ob er sich auch immer ordentlich anschnalle wie im Auto, fragte: Womit? Ich mache mir wirklich Sorgen und habe Angst um den Jungen. Man hört doch so oft von Busunfällen und verletzten Kindern“, klagt Renate Hamel. Himmel und Hölle habe sie in Bewegung gesetzt, um zu erfahren, warum es tatsächlich in ganz Deutschland keine generelle Gurtpflicht bei der Schülerbeförderung gebe.

Und Renate Hamel ist auf dem Boden der Tatsachen gelandet: An der „Merkel-Info-Hotline“, einem Bürgertelefon in Berlin, habe man sie vertröstet und wolle sich „bald mal bei ihr melden“. Das Bildungsministerium in Schwerin habe die Hände gehoben: Man sei nicht zuständig für Schülerbeförderung. Diese sei Sache der Schulträger.

Dort kennt Dirk Rautmann das Problem. „Jedes Schuljahr aufs Neue mahnen Eltern das an. Sie haben Bilder aus verunglückten Reisebussen im Kopf. Und malen sich aus, was das erst bei einem Crash für ihre Kinder bedeuten könnte”, berichtet der Chef des Schulverwaltungsamtes im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Aber auch wenn das unbefriedigend für alle Beteiligten sei, diesen Missstand abzuschaffen, das liege nicht in den Händen des Schulträgers. In der Mecklenburgischen Seenplatte gebe es keinen Schülverkehr im eigenen Sinne, sondern er ist Teil des Linienverkehrs. Und da gebe es eben deutschlandweit keine Anschnallpflicht. Schlimmer noch – die Busse seien auch nicht entsprechend ausgerüstet.

Selbst für Busfahrer keine Anschnallpflicht

Ein Phänomen, dass auch Roland Techow immer wieder beunruhigt. Denn aus der Flotte Mecklenburg-Vorpommerschen Verkehrsgesellschaft mbH (MVVG) Demmin sind Schüler in MV und auch der kleine Enkel von Renate Hamel unterwegs. Der Verkehrsleiter möchte aber die Sorgen der Verwandten etwas bremsen. „Bei uns ist noch nichts Schlimmes passiert, es gab keine schweren Unfälle mit verletzten Kindern. Dennoch könne er die Sorgen gut nachvollziehen. Kritisch sei es mitunter, wenn die Passagiere schon weit vor der Haltestelle aufstünden und es dann zum Bremsen kommt. „Wer sich da nicht genug Halt verschafft, der kann wirklich in Gefahr geraten.”

In den Linienbussen, für die Steh- und Sitzplätze in der Zulassung ausgewiesen sind, herrsche keine Anschnallpflicht. Selbst für die Busfahrer nicht. Ergo: Sie haben auch keine Gurte. Dass mit den gurtfreien Fahrern irritiert nach dem Bericht eines Busfahrers nicht selten auch die Polizei. Da werde man angehalten, gemahnt... „Später werden diese Anzeigen regelmäßig zurückgezogen, weil wir uns ja nicht anschnallen können”, so der Fahrer. Besagte Linienbusse mit Steh- und Sitzplätzen seien bis höchstens 60 km/h unterwegs. Reine Sitzplatz-Bussen seien mit maximal 80 km/h erlaubt. In Reisebussen – auch etwa bei Klassenfahrten – gelte Anschnallpflicht. Ziemlich chaotisch? „Das will das Gesetz. Da müsste was geändert werden. Da muss aber dann der Bund ran”, meint Betriebsleiter Techow.

ADAC bat um generelle Gurtpflicht

Bei dem hat nach eigenem Bekunden auch der ADAC schon um die generelle Gurtpflicht gebeten. Bekanntermaßen ohne Erfolg. „Wir können ja viel fordern, es auch zu realisieren, ist die andere Sache”, sagte Jörg Kirst, Technischer Leiter beim Automobilclub. Freiwillig nachrüsten, das könnten bis dato nur die Busgesellschaften. Doch bei Linienbussen, wie sie eben auch der Enkel der besorgten Potsdamer Großmutter nutzen muss, sei es per se schwer, bundesweit Anschnallpflicht zu fordern. „Man stelle sich den fliegenden Wechsel beim Ein- und Aussteigen dort vor. Zudem gibt es viele Stehplätze. Das alles müsste dann neu überdacht werden. Es würden Kapazitäten verschwinden.”

Renate Hamel reicht das alles nicht. „Mein Enkel ist pro Tour für die rund 23 Kilometer von Neukalen nach Demmin etwa eine Stunde in dem Bus. Er ist auf diese Fahrten angewiesen. Was aber ist, wenn wirklich etwas passiert und sich Kinder verletzten? Davon hört man ja immer wieder.“ Sie wolle nicht den Teufel an die Wand malen, aber passieren könne immer mal was. Auch beim Busfahren. Jörg Kirst verweist auf die vorgeschriebenen Versicherungen der Busgesellschaften und die Berufsgenossenschaften für den Fall der Fälle. „Ich verstehe die Welt nicht mehr. Da gibt es rigorose Anschnallpflicht in Autos, und die Polizei kassiert sonst kräftig, es wird über Helmpflicht für Radfahrer debattiert. Aber so etwas Selbstverständliches für die Sicherheit unserer Kinder wird von der Politik ignoriert. Das kann und darf nicht sein.”