STRIPPENZIEHER

Machtpoker in der CDU: An ihnen kommt keiner vorbei

Zwei Kandidaten haben die Karten auf den Tisch gelegt. Amthor und Hoffmeister wollen die MV-CDU führen. Doch ohne die Regional-Fürsten läuft in dieser Partei nichts. Der Machtpoker hat begonnen.
Zwei Kandidaten haben die Karten auf den Tisch gelegt. Amthor und Hoffmeister wollen die MV-CDU führen. Doch ohne die Reg
Zwei Kandidaten haben die Karten auf den Tisch gelegt. Amthor und Hoffmeister wollen die MV-CDU führen. Doch ohne die Regional-Fürsten läuft in dieser Partei nichts. NK-Collage; FOTOS: ARCHIV, DPA, © MMPHOTOS - STOCK.ADOBE.COM
Tilo Lorenz, Wolf-Dieter Ringguth und Thomas Diener
Tilo Lorenz, Wolf-Dieter Ringguth und Thomas Diener NK-Collage; FOTOS: ARCHIV, DPA, © MMPHOTOS - STOCK.ADOBE.COM
Sascha Ott, Michael Sack und Franz-Robert Liskow
Sascha Ott, Michael Sack und Franz-Robert Liskow NK-Collage; FOTOS: ARCHIV, DPA, © MMPHOTOS - STOCK.ADOBE.COM
Frank Benischke, Vincent Kokert und Marc Reinhardt
Frank Benischke, Vincent Kokert und Marc Reinhardt NK-Collage; FOTOS: ARCHIV, DPA, © MMPHOTOS - STOCK.ADOBE.COM
Heiko Kärger, Sybille Kempf und Lars Schwarz
Heiko Kärger, Sybille Kempf und Lars Schwarz NK-Collage; FOTOS: ARCHIV, DPA, © MMPHOTOS - STOCK.ADOBE.COM
Dietger Wille, Jörg Hasselmann und Jeannette von Busse
Dietger Wille, Jörg Hasselmann und Jeannette von Busse NK-Collage; FOTOS: ARCHIV, DPA, © MMPHOTOS - STOCK.ADOBE.COM
Neubrandenburg.

Es sieht nach einem Stechen aus. Und beide Kandidaten gehen mit ganz unterschiedlichen Trümpfen in das Rennen um den Chefposten der CDU. Der vorpommersche Bundestagsabgeordnete Philipp Amthor (27) hat sich als erstes ins Spiel gebracht. Wenige Tage später stieg auch Landes-Justizministerin Katy Hoffmeister (46) ins Spiel ein.

Für die CDU geht es bei der Entscheidung um einen hohen Einsatz. Denn erstmals seit vielen Jahren liegt die CDU in Umfragen vorn. Parteivorsitz, Spitzenkandidat, Wahlkampf – wenn sich die Partei gut aufstellt, wenn alles passt, könnten die Christdemokraten im kommenden Jahr die Staatskanzlei zurückerobern.

Regional-Fürsten, Strippenzieher, Netzwerker

Dabei kommt es aber längst nicht nur auf Hoffmeister und Amthor an. Als einzige Partei im Land kann die CDU auf flächendeckend respektable Mitgliederzahlen und Strukturen zurückgreifen. Was auch heißt: Schon um den Parteithron zu erobern, müssen die Bewerber jede Menge Regional-Fürsten, Strippenzieher, Netzwerker von sich überzeugen. Und das gilt erst recht für den anstehenden Landtagswahlkampf.

Dazu zählen Landräte und Bürgermeister, Kreistagsmitglieder und Stadtpräsidenten – entscheidend ist aber häufig nicht das Amt, sondern das Netzwerk, dass diese Parteimitglieder erreichen. Wie viele Mitglieder oder Delegierte können sie vor Ort überzeugen? Mit wie vielen Stimmen kann ein Kandidat rechnen, der diesen oder jene auf seine Seite zieht? Und wen muss er später einbeziehen, wen mit einem Posten im Vorstand oder mit einem aussichtsreichen Listenplatz versorgen, weil ohne ihn oder sie kein Staat zu machen ist?

Amthors Trumpf

Schwer zu sagen, wer in diesem Macht-Poker die besseren Karten hat. Amthors Trumpf: Als direkt gewählter Abgeordneter betreut er einen riesigen Wahlkreis, der große Teile Vorpommerns und der Seenplatte umfasst – Regionen, die viele Delegierte für die Wahl stellen. Mit ihm verbindet mancher auch den Reiz, sich mit einem inzwischen bundesweit prominenten Politiker an der Spitze zu schmücken.

Doch Landespolitik war in den vergangenen Jahren nicht unbedingt Amthors Steckenpferd. Er ließ auch völlig offen, ob er selbst als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2021 zur Verfügung stünde.

Hoffmeister dagegen ist außerhalb der Justiz-Kreise kaum bekannt. Ihre Ernennung 2016 war eine echte Überraschung. Aus einer verlorenen Kandidatur als Landrätin hatte sie wenig politische Erfahrung auf großer Bühne vorzuweisen. Das oft spröde Justiz-Ressort bot ihr zudem wenig Gelegenheit, öffentlich zu glänzen. In CDU-Kreisen wird sie als sachliche und bescheidene Politikerin geschätzt, doch mit Bescheidenheit gewinnt man selten Wahlen.

In den kommenden Wochen müssen die beiden Bewerber um den CDU-Thron ihr Blatt zusammenstellen, die Asse aus den Regionen einsammeln und den anderen möglichst ausstechen. Oder taucht womöglich noch ein weiterer Joker auf?

Heiko Kärger (*1960) – Landrat

In die Niederungen der Parteipolitik begibt sich Heiko Kärger selten. Bei der Wahl des Parteivorsitzenden dürfte der Landrat der Mecklenburgischen Seenplatte dann aber doch ein gewichtiges Wort haben. Ob nun Hoffmeister oder Amthor – beide werden sich mit Kärger arrangieren müssen, wenn sie die Landes-CDU führen sollen.

Der gebürtige Wolgaster ist seit 2011 Verwaltungschef des größten deutschen Landkreises und bestens vernetzt unter den anderen Landräten und Bürgermeistern des Landes. Kärger hat mehrfach bewiesen, dass er Wahlen in der Fläche gewinnen kann – davon gibt es derzeit nur noch wenige in der CDU. Selbst politische Konkurrenten schätzen seine unaufgeregte, reflektierte Art. Ein Mann, auf den man auch in der CDU hört.

Sybille Kempf (*1945) – Kreistagsmitglied

Wer dieser Frau noch nie begegnet ist, der könnte meinen, Sybille Kempf genieße den politischen Ruhestand noch mit einem Mandat im Kreistag der Seenplatte. 20 Jahre lang regierte sie die Stadt Altentreptow – bis 2012. Doch von Ruhestand kann bei der umtriebigen Politikerin keine Rede sein.

Im Kreistag gehört sie zur Fraktionsführung und hat schon manches Mal bewiesen, dass sie nun wirklich nicht zum alten Eisen der Partei gehört. Demokratie lebe vom Streit, das hat sie immer wieder unterstrichen. Doch mit Sybille Kempf legt sich in der CDU niemand gerne an.

Lars Schwarz (*1977) – Bürgermeister von Gnoien

Die Schmach aus dem Jahr 2013 haben die Christdemokraten im Landkreis Rostock noch nicht vergessen. Damals verlor Katy Hoffmeister die Landrats-Wahl knapp gegen den SPD-Kandidaten Sebastian Constien. Nun soll sie bei der Wahl zum CDU-Landesvorsitzenden erfolgreicher sein. Dafür setzt sich ganz besonders Gnoiens Bürgermeister Lars Schwarz ein.

Er ist Mitglied im Kreisvorstand der CDU im Landkreis Rostock, der sich geschlossen für Hoffmeister aussprach. Schwarz wird zusammen mit seinen Vorstandskollegen alles daran setzen, dass die Kandidatin aus dem eigenen Kreisverband an die CDU-Landesspitze gelangt.

Tilo Lorenz (*1981) – Bürgermeister Burg Stargard

Innerhalb seiner Partei dürfte er theoretisch immer noch das Prädikat „Nachwuchshoffnung“ verliehen bekommen, praktisch hat Tilo Lorenz schon viele Jahre Führungserfahrung sammeln dürfen. Gerade einmal 27 Jahre war er alt, als er in Burg Stargard das Bürgermeisteramt übernahm. 2015 wurde er wiedergewählt, im gleichen Jahr übernahm er den Vorsitz der Kreis-Fraktion an der Seenplatte.

Aus beiden Positionen heraus kämpft er für eine bessere Ausstattung der Kommunen, hat für die Teile der SPD-geführten Landesregierung auch mal deutliche Worte übrig.

Wolf-Dieter Ringguth (*1958) – Bürgermeister von Rechlin

Das Bürgermeisteramt von Rechlin, das Wolf-Dieter Ringguth seit vielen Jahren ausübt, mag noch nicht erklären, warum es auf diesen Mann ankommen kann. Doch Ringguth kann mit ganz anderen Trümpfen aufwarten. 2016 zog er sich aus der Landespolitik offiziell zurück, was nicht heißt, dass er an den Schaltstellen des Landes nicht mehr mitmischt.

Nicht zuletzt als Vorsitzender des einflussreichen Tourismusverbandes Mecklenburgische Seenplatte. Im Kreis führt er den Wirtschaftsausschuss und als ehemaliges Synodenmitglied ist er auch in der Kirche vernetzt. Eine Eigenschaft, die trotz des „C“ im Parteinamen ja längst nicht mehr bei jedem Parteimitglied gegeben ist.

Thomas Diener (*1963) – Kreistagspräsident

Der Möllenhagener Thomas Diener ist erst in den vergangenen Jahren in die erste Reihe der Politik getreten, als er Kreistagspräsident an der Seenplatte wurde. Doch Diener ist im Hintergrund schon lange in Partei und Verbänden so aktiv, dass sich mancher fragt, wie er das alles neben seinem Landwirtschaftsbetrieb noch stemmt. Bürgermeister seiner Heimatgemeinde, lange Jahre Chef im örtlichen Bauernverband, Kreistag, etc.

Diener gilt als bodenständiger CDU-Politiker, der sich aber nicht scheut, auch mal von Parteilinien abzuweichen, wenn er es für richtig hält. 2016 unterlag er im Kampf um ein Landtagsmandat an der Müritz, aber nächstes Jahr könnte ja die nächste Chance bevorstehen.

Frank Benischke (*1964) – CDU-Vorsitzender Neubrandenburg

Dessen Meinung hat Gewicht – und dabei hat sich Frank Benischke noch gar nicht entschieden, welchen der beiden Kandidaten er favorisiert. Doch ist der Neubrandenburger CDU-Ortsvorsitzende eigentlich gewohnt, Entscheidungen schnell zu treffen – Benischke agiert als Geschäftsführer eines der größten Wohnungsunternehmen im Land, die Neuwoges verwaltet rund 12 000 Wohnungen.

Benischke gilt als intensiv vernetzt, ist unter anderem Vizepräsident des SC Neubrandenburg. Wie er sich entscheiden will? Benischke wartet aber noch ab – am 16. März wollen sich beide Kandidaten wahrscheinlich in Neubrandenburg vorstellen.

Vincent Kokert (*1978) – Noch Landesvorsitzender

Dass Vincent Kokert so Knall auf Fall alle Ämter und Mandate abgeben will, damit hat er nicht nur seine Parteifreunde überrascht. Der Neustrelitzer will sich angeblich ganz in ein neues, privateres Leben zurückziehen. Ob das so ganz gelingt, darf man zumindest für die nächsten Monate bezweifeln. Das überraschende Rücktrittsmanöver scheinen ihm nur wenige Parteifreunde wirklich übel zu nehmen.

Ihm attestieren viele, er habe die CDU im Land auf einen konstruktiven und modernen Weg geführt. Sollte Kokert sich öffentlich oder auch nur im kleinen Kreis auf die Seite eines Kandidaten schlagen, es könnte das Zünglein an der Waage sein.

Marc Reinhardt (*1978) – Mitglied des Landtages

Marc Reinhardt kommt zwar aus einer der kleinsten Städte in Mecklenburg-Vorpommern, aus Neukalen. Der Landtagsabgeordnete führt aber als Vorsitzender den CDU-Verband im größten Landkreis Deutschlands. Da hat esGewicht, dass er den Schock des Kokert-Rückzuges schnell überwunden hatte und Philipp Amthor als neuen Vorsitzenden mit ins Gespräch gebracht hat.

Reinhardt dürfte damit viele Mitstreiter aus seiner Zeit in der Jungen Union an der Seite haben, in der er sich bereits mit Amthor gemeinsam engagierte. Ob der Neukalener einen ähnlich großen Einfluss aber auch in den westlichen Kreisverbänden hat, bleibt abzuwarten.

Dr. Sascha Ott (* 1965) – Vize-Chef Landes-CDU

Der Chef des konservativen Kreises wurde im Windschatten von Philipp Amthor landesweit bekannt – nachdem seine kurze Polit-Karriere beinahe schon beendet war. 2016 sollte er Justizminister werden, im letzten Moment gab die CDU-Führung überraschend Katy Hoffmeister den Vorzug. Da könnte noch eine Rechnung offen sein. Unabhängig davon ist Sascha Ott ein Schlüsselspieler in der CDU.

Er polarisiert nach außen und verbindet in der CDU – mit oft eiserner Parteidisziplin. Er äußerte sich politisch gegen die Gerichtsreform und wickelte trotzdem selbst das Amtsgericht Anklam ab. Er initiierte den konservativen Kreis, nahm aber die Kanzlerin stets in Schutz. Trotz oder wegen solcher Spagate genießt er bei vielen hohes Ansehen.

Michael Sack (*1973) – Landrat Vorpommern-Greifswald

Michael Sack gilt der CDU in Vorpommern als Lichtgestalt – und als zentrale Figur, auf die man in den nächsten Jahren setzt. Erst regierte er die Kleinstadt Loitz, dann zog er 2018 mit fliegenden Fahnen ins Landratsamt ein, ließ dabei auch ambitionierten Gegenkandidaten (unter anderem von der AfD) keine echte Chance.

So mancher in der CDU würde auch ihm die Führung der Partei zutrauen, doch Sack scheint (noch?) nicht interessiert. Als Kreistagspräsident (2011-2018) und nun als Landrat ist er in- und außerhalb der Partei geschätzt. Fast immer freundlich und charmant nach außen, hat er aber auch bewiesen, dass er anders kann. Und auch das schätzen seine Parteifreunde.

Franz-Robert Liskow (*1987) – Mitglied des Landtages

Liskow junior – der Beiname kommt nicht von ungefähr. Franz-Robert Liskow ist innerhalb weniger Jahre zu einem führenden Strippenzieher in der CDU aufgestiegen und tritt damit in die Fußstapfen seines Vaters Egbert. Der bestimmte als CDU-Leitwolf lange die Geschicke im Kreis Vorpommern-Greifswald und gilt noch heute als Finanzexperte der Landtagsfraktion.

Franz-Robert wiederum stieg innerhalb weniger Jahre rasant auf: Schon zu Studienzeiten Greifswalder Stadtvertreter, Kreistag, inzwischen für den Demminer Wahlkreis im Landtag und chef der Partei im Kreis Vorpommern-Greifswald. Auch die JU führte er im Land und gehört zu einer Generation von jüngeren CDU-Leuten, die nun ihre Chance sehen, nach der Macht zu greifen.

Dietger Wille (* 1971) – Vize-Landrat

Der Landkreis Vorpommern-Greifswald wird von drei Herren aus der CDU geführt. Einer davon ist der Pensiner Dietger Wille. Doch Wille werden schon lange Ambitionen auf höhere Weihen nachgesagt. Den Ruf dafür hat er sich aufgebaut – gilt als finanzpolitisches Wunderkind, dass selbst den Haushalt des Schuldenkreises Vorpommern-Greifswald innerhalb weniger Jahre auf solide Füße gestellt hat und als Experte auch in der Landeshauptstadt gefragt ist. Gleichzeitig hat er sich in Verhandlungen mit dem Land auf der einen und den Gemeinden auf der anderen Seite als zäher Hund erwiesen.

Jörg Hasselmann (* 1961) – Vize-Landrat

Dass man eine CDU in Vorpommern ohne Jörg Hasselmann führen könnte, haben schon einige geglaubt. Und schnell gelernt, dass sie den Mann unterschätzt haben. Das ging insbesondere denjenigen so, die seine manchmal ruppige, direkte Art als einen Mangel an politischem Instinkt fehlgedeutet haben. Hasselmann ist ein Urgestein der CDU mit jahrzehntelanger Erfahrung in Politik und Verwaltung und vielen Kontakten als Vize-Landrat, Sportfunktionär und Parteipolitiker.

Jeannette von Busse (*1978) – Chefin der CDU-Kreistagsfraktion

Auch Jeannette von Busse zählt zu den Hoffnungsträgern der Partei, die auf fast jeder Position glänzen könnte. Kandidatur für den Landtag? Bürgermeisterin von Greifswald? Künftige Landrätin für Vorpommern-Greifswald? Alles denkbar. Derzeit ist sie ehrenamtliche Bürgermeisterin auf Usedom, Vorsitzende der Kreistagsfraktion und wurde von der Partei in einem beachtenswerten Coup als Vize-Chefin im Greifswalder Rathaus installiert.

Dass von Busse inzwischen auch Vize-Chefin im Kreisvorstand ist, hat nichts mit der Frauenquote bei der CDU zu tun. Sie ist Netzwerkerin mit Sachkompetenz. An ihr führt politisch in Vorpommern-Greifswald schon jetzt kein Weg vorbei – auch nicht für den oder die künftige Parteivorsitzende.

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