NACH SENSATIONSFUND

„Kannibale von Rügen“ kommt unters Messer

Wer war der „Kannibale von Rügen“, dessen Überreste bei Baggerarbeiten für den Rügendamm gefunden worden waren, tatsächlich? Forscher gehen auf Spurensuche.
Ralph Sommer Ralph Sommer
Archäologin Claudia Hoffmann (links) assistiert dem DNA-Spezialisten Dr. Cosimo Posth bei der DNA-Probeentnahme des Schädelfragmentes.
Archäologin Claudia Hoffmann (links) assistiert dem DNA-Spezialisten Dr. Cosimo Posth bei der DNA-Probeentnahme des Schädelfragmentes. Ralph Sommer
In einer Ausgrabungsstätte bei Groß Fredenwalde (Uckermark) waren Überreste von sieben Menschen entdeckt worden, die zur gleichen Zeit wie der Rügener gelebt haben. Auch sie sollen zu Vergleichszwecken untersucht werden
In einer Ausgrabungsstätte bei Groß Fredenwalde (Uckermark) waren Überreste von sieben Menschen entdeckt worden, die zur gleichen Zeit wie der Rügener gelebt haben. Auch sie sollen zu Vergleichszwecken untersucht werden Thomas Kersting
Mit einem Spezialbohrer wird eine DNA-Probe von dem steinzeitlichen Schädel entnommen.
Mit einem Spezialbohrer wird eine DNA-Probe von dem steinzeitlichen Schädel entnommen. Ralph Sommer
Der Schädel war 1933 in einer Torfschicht entdeckt worden.
Der Schädel war 1933 in einer Torfschicht entdeckt worden. Ralph Sommer
Stralsund.

Mehr als acht Jahrzehnte lang lagerte dieser Sensationsfund im Depot des Stralsunder Museums. Jetzt legt Museumsarchäologin Claudia Hoffmann den etwa 8000 Jahre alten menschlichen Schädel vorsichtig auf den Untersuchungstisch. Vor ihr liegt eine bleichgraue, archaisch wirkende Schädelkalotte mit ausgeprägten Augenwülsten. Gesichtsschädel und Unterkiefer fehlen. Eindeutige Spuren deuten darauf hin, dass sie einst abgeschlagen wurden. Nur der schalenähnliche Hinterkopf blieb erhalten.

Bei Baggerarbeiten für den Rügendamm war der Fund 1933 in der Wamper Wieck in einer Torfschicht, fünf Meter unter dem heutigen Seegrund entdeckt worden. Auch drei durchbohrte Hirschhornäxte, 44 Geweihstücke, fünf Tierschädel und ein Wirbel eines großen Säugetieres waren damals ans Tageslicht gekommen.

An Verletzungen gestorben

Der Stralsunder Prähistoriker Hansdieter Berlekamp hatte in den 1960er Jahren die menschlichen Schädelfragmente genauer untersucht und dabei Spuren massiver Gewalteinwirkungen entdeckt. Auf dem Scheitel- und Stirnbein machte er tiefe, parallel verlaufende Einritzungen ausfindig.

Es waren Schnittspuren, die unter der Wucht steinzeitlicher Feuersteinklingen entstanden sein müssen und die er als Anzeichen von Kannibalismus deutete. Berlekamps Expertise vom „Kannibalen von Rügen“ rückte damals in die Schlagzeilen.

„Wir haben hier den Schädel eines maximal 40 Jahre alten Mannes, der vermutlich skalpiert wurde“, sagt Prof. Thomas Terberger, der 30 Jahre später noch einmal den Schädel untersucht und die Einschnitte mit Zerlegungsspuren an Jagdbeuteresten verglichen hatte.

Nachweis von Kannibalismus?

Der Prähistoriker der Universität Göttingen, der einst in Greifswald gelehrt und damals auch die sensationellen Ausgrabungen eines bronzezeitlichen Schlachtfeldes im Tollensetal geleitet hatte, geht davon aus, dass das Opfer seinerzeit an den Folgen dieser Verletzungen sofort gestorben sei, sagt Terberger.

Ob es sich hier tatsächlich um den Nachweis von Kannibalismus handelt, darüber sind sich die Experten heutzutage nicht mehr so einig. Die Forscher schließen nicht aus, dass der Schädel seinerzeit enthäutet wurde, um möglicherweise eine Kriegstrophäe zu gewinnen. Für möglich halten sie aber auch, dass die Skalpierung Teil eines Bestattungsrituals war. Allerdings sind derartige Bestattungsformen für die Mittelsteinzeit im Norden bislang nicht bekannt.

Nun wollen Experten den Schädelfund von 1933 noch einmal genauer unter die Lupe nehmen. Mit modernen Untersuchungsverfahren hoffen sie, dem „Kannibalen von Rügen“ seine Geheimnisse zu entlocken. Terberger hat sich dafür Verstärkung durch die Berliner Anthropologin Dr. Bettina Jungklaus und Dr. Cosimo Posth vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte geholt.

Um eine Knochenprobe zu gewinnen, setzt der Spezialist für DNA-Untersuchungen mit einem kleinen Spezialbohrer am sogenannten Felsenbein an, dort, wo sich einst das Mittelohr befand. Später soll die steinzeitliche Schädelsubstanz in einem Speziallabor analysiert werden.

Porträt des Rügener Ureinwohners

„Noch vor zehn Jahren konnten wir auf diese Weise nur einen kleinen Teil der Erbinformationen entschlüsseln“, sagt Terberger. Heute sei man da schon wesentlich weiter. „Inzwischen kann man die gesamte Kern-DNA bestimmen und zum Beispiel Informationen über Geschlecht und sogar die Farbe von Haar, Haut und Augen gewinnen. Wir denken, dass wir in etwa einem Jahr am Computer ein reales Porträt des Rügener Ureinwohners erstellen können.“ Eine Isotopen-Analyse könnte zudem Hinweise darauf liefern, wie sich der betreffende Mensch seinerzeit hauptsächlich ernährt habe.

Sicher ist man sich, dass es sich hier um einen Mann der späten Jäger-und-Sammler-Epoche handelt. Gut möglich, dass der Steinzeitmann aus der Wamper Wieck einmal mit einem Einbaum zum Fischen unterwegs gewesen sei, sagt Terberger.

Der Schädel von Rügen ist für die Wissenschaftler nicht nur wegen seines selten guten Erhaltungszustandes so interessant, sondern auch, weil er aus einer Zeit stammt, als sich die ersten Ackerbauern und Viehzüchter etablierten.

Das Team will deshalb auch Vergleiche mit Funden eines Begräbnisplatzes aus derselben Zeit anstellen, auf den man in der Uckermark gestoßen war. Bei Groß Fredenwalde waren die Überreste von drei Erwachsenen und vier Kindern freigelegt worden. Sie könnten Vertreter der ältesten bäuerlichen Kultur der Jungsteinzeit gewesen sein. Terberger hält es für möglich, dass diese frühen Bauern vor über 8000 Jahren auch Kontakt zu Rügens späten Jägern, Sammlern und Fischern hatten.

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