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DDR-Dissident

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Wolf Biermann hält Ossis für gelernte Sklaven

Wolf Biermann meint: Der Untertanengeist sitzt vielen Ostdeutschen immer noch in den Knochen und macht sie auch anfällig für den rechten Rand. 
Wolf Biermann meint: Der Untertanengeist sitzt vielen Ostdeutschen immer noch in den Knochen und macht sie auch anfällig für den rechten Rand.
Horst Ossinger

Wolf Biermann hat sich über die Volksseele der Ostdeutschen ausgelassen. Der gemeine Ossi sehne sich nach der Bequemlichkeit der Diktatur. Stimmt das?

Ja, lebt denn der alte Ossi noch? Ja, er lebt noch, findet Wolf Biermann. Es ist der Wolf Biermann, dem gefühlt die eine Hälfte der Ex-DDR-Bürger die Krätze und noch Schlimmeres an den Hals wünscht und dem die anderen Hälfte für seinen Mut, seine Widerborstigkeit Anerkennung zollt. So weit erst Mal zu den Ossis.

Biermann hat seinen Gastbeitrag für die New York Times also den Ostdeutschen, der Asylpolitik und Europa gewidmet. Grob gesagt lautet seine These: Der Untertanengeist sitzt vielen Ostdeutschen immer noch in den Knochen und macht sie auch anfällig für den rechten Rand. Biermann: „Die letzten Jahrzehnte haben uns gelehrt, dass es viel leichter ist, neue Straßen und Häuser und moderne Fabriken zu bauen, als aus geknebelten Untertanen tolerante Demokraten zu machen.“

Und weiter: „Gelernten Sklaven tut Freiheit halt weh.“ Der 1976 ausgebürgerte Biermann konstatiert dann in Ostdeutschland eine „heimliche Sehnsucht nach den Bequemlichkeiten in der Diktatur“. In diese Gemengelage stellt Biermann auch die „Attacken gegen Kanzlerin Merkel“, die sich manchmal hysterisch hochschaukelten: „In diesem trüben Wasser fischen die Populisten.“

Merkel hat laut Biermann einen Fehler gemacht

Merkel, so Biermann, habe bei der Grenzöffnung 2015 einen Fehler gemacht. Wie in der klassischen Tragödie habe sie jedoch nur die Wahl zwischen dem einen oder dem anderen Fehler gehabt. „Aber es war eben der kleinere, der bessere, es war der ‚richtige‘ Fehler. Im Flüchtlings-Tsunami stehe ich ganz auf Seiten unserer Kanzlerin, weil sie sich als eine tatkräftige Humanistin bewährt hat, sich wie eine echte Christin verhält und trotz der innereuropäischen Turbulenzen eine stoische Europäerin geblieben ist“, schreibt Biermann in einer der größten Zeitungen der Welt.

Ehe nun die große Wutmaschine angeworfen wird und das Internet kaputt geht: Auch diejenigen, die möglicherweise Biermann jetzt wieder ausbürgern wollen, verdanken Menschen wie ihm, dass sie heute frei ihre Meinung sagen können. Es waren zuerst alternative, friedens- und umweltbewegte, manchmal langhaarige, oft rauschebärtige, unangepasste Leute, die – als es noch gefährlich war – die Kartoffeln aus dem Feuer geholt haben, ehe es nur noch um die Banane ging. Es waren Leute, die sowohl von der 68er Bewegung im Prager Frühling inspiriert waren als auch von den 68ern in Westeuropa. Die anderen kamen später mit auf die Straße oder haben vorsichtig durch die kleinbürgerliche Spitzengardine geguckt. Der Autor nimmt sich da nicht aus.

Allerdings gibt es zu den Biermannschen Thesen schon so einiges zu sagen. Oder erst mal zu fragen: Ist Merkel keine Ostdeutsche? Steckt das Untertanen-Gen allen Ossis im Blut? Hat nicht auch ein erklecklicher Anteil unserer westdeutschen Brüder und Schwestern die Muffel-AfD gewählt und will es sich im alten Nationalstaat gemütlich machen?

Untertanengeist ist ein deutsches Phänomen

Insofern greifen Biermanns Erklärungen zu kurz. Der Untertanengeist ist zuerst einmal ein deutsches und kein rein ost- oder westdeutsches Phänomen. Heinrich Mann hat es schon vor hundert Jahren in seinem Roman „Der Untertan“ beschrieben. Sicherlich gibt es Gebiete in Deutschland, in denen dieser Untertanengeist besonders ausgeprägt ist. Das sind in Ost wie in West Regionen, in denen sich nie eine selbstbewusste Stadtbürgergesellschaft und ebensowenig ein selbstbewusstes Proletariat entwickelt haben und damit auch keine selbstbewusste Zivilgesellschaft.

Verschärft wird das in Ostdeutschland womöglich tatsächlich durch die Erfahrung von zwei Diktaturen hintereinander. Und die zweite war ja auch eine kuschelige Diktatur: Man konnte Olsenbandenfilme und einen Kessel Buntes ansehen, und wer sich an die Gesetze der Diktatur des Proletariats gehalten hat, hatte im – ‘tschuldigung – Unrechtsstaat auch nichts zu befürchten. Es waren allerdings komische Gesetze.

Es geht weniger um Ost und West

Zum Schluss waren es immer mehr, die das erkannt haben. Es geht also weniger um Ost und West. Es geht um Menschlichkeit, Toleranz, Freiheit, Mitgefühl und Mut auf der einen Seite, und es geht um das Gegenteil davon auf der anderen Seite. Schon möglich, dass sich der eine oder andere Ostdeutsche zurücksehnt in seine überschaubare Diktatur und deshalb ebenso überschaubare Konzepte wählt. Aber eben nicht die Ossis. Eigentlich sogar nur 20 Prozent derjenigen, die wählen gingen, und auch von denen taten es der eine oder andere mit einem unguten Gefühl.

Und was ist mit dem Mut? Haben die Ossis nicht gerade eben den bewiesen, weil sie anders wählten, als es die vorherrschende Meinung ihnen eindringlich nahegelegt hatte? So jedenfalls lautete die Frage meines geschätzten westdeutschen Chefs heute Morgen, und da lautet die Antwort: Bei einer Gott sei Dank geheimen Wahl in einer von der Demokratie zur Verfügung gestellten Wahlkabine ein Kreuzchen zu machen, erfordert wenig Mut. Mut ist das, was Biermann einst hatte, auch wenn er heute vielen Leuten auf die Nerven geht, weil er sich nicht genug selbst loben kann. Mal ganz abgesehen von der literarischen Qualität seiner Songtexte. Aber das mögen andere beurteilen.

Recht hat der Mann mit seiner Einschätzung zur europäischen Zukunft. Man stehe mal wieder an einem Scheideweg: „Mutig vorwärts in ein liberales, weltoffenes Europa oder feige zurück ins 19. Jahrhundert der Nationalstaaterei.“ Und Recht hat Biermann vor allem mit einem Satz: „Selbst die unvollkommenste Demokratie ist immer noch besser ist als die beste Diktatur.“
 

Kommentare (3)

welche mit dem Politbüro kopolierte und sich für unantastbar hielt. Egal welche hirnlose Blasen er absondert. Absondern hätte er ja auch im Palast der Republik. Da fehlten ihm dann aber warscheinlich doch die Eier. Es ist leicht nachträglich den belehrenden Märtyrer zu geben Mehr fällt mir zu Biermann nicht ein.

Äh, „kopolieren“ was ist das? Ich bin kein Intellektueller, ich kenne kopulieren ( macht Spaß), koalieren (macht zur Zeit vermutlich nur Seehofer Spaß) und kooperieren (macht häufig Sinn) - aber kopolieren?

Das Wort Sklaven - anstelle von Idioten welche eine Merkel und diese nichts leistenden Regierungsparteien waehlen ist ihm schon Recht zu geben - eure Steuern sind nur eine Verwaltungsumlage des Staates und damit sollte viel verantwortungsvoller umgegangen werden - von dieser Deite gehoert die ganze Riege nach Den Hag - - deshalb lieber eine faire freie nationale Gemeinschaft