BUCH-REZENSION

Wodolaskins „Luftgänger“ mit Tragik und Humor

Während des roten Terrors eingefroren, in der Jelzin-Ära aufgetaut: Ausnahme-Autor Jewgeni Wodolaskin hat eine erstaunliche Gestalt für seinen Roman „Luftgänger“ erfunden.
Roland Gutsch Roland Gutsch
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Neubrandenburg.

„Doktor, sind wir noch in Russland?“ – „Ja, gewissermaßen.“ Innokenti Platonow, Hauptfigur im Roman „Luftgänger“ vom Petersburger Bestseller-Autor Jewgeni Wodolaskin (50), wird schwer warm mit den Verhältnissen, in die hinein er geweckt wird.

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Was Wunder: Der Mann, Jahrgang 1900, wurde nach der Oktoberrevolution auf Order von ganz oben lebendig eingefroren. Willkürlich als Mörder und Sowjet-Gegner abgestempelt, im Straflager dem Tod geweiht, hatte er sich quasi als Laborratte angeboten – Stalin & Co. sorgten sich um ihre Unsterblichkeit.

Als Platonow, biologisch 30, nun unter ärztlichen Augen aufgetaut ist, stellt er fest: Statt Diktatur herrscht Chaos und einer, „der zu viel Alkohol trinkt“. Es ist das Jahr 1999, die Boris-Jelzin-Ära.

Ohne SciFi-Tricks und Zombie-Unfug

Wodolaskin, der sich mit dem Vorgänger-Roman „Laurus“ weltweit Respekt verschaffte („russischer Umberto Eco“), erfindet erneut eine erstaunliche Gestalt und setzt sie – ohne SciFi-Tricks und Zombie-Unfug – in ein besonderes Zeitverhältnis.

Der Clou: Sein Innokenti erlebt noch die letzten Wochen der einstigen Flamme Anastassija – und verliebt sich parallel in deren Enkelin, wunderbarerweise ebenfalls eine Nastja. In der Öffentlichkeit wird er unfreiwillig zur „Eiskammer-Mann“-Berühmtheit, ein Archivale auf zwei Beinen. Die PR-Branche winkt mit Verträgen: Feinfrost-Produkte, Kühlanlagen, „eingefrorene Preise“. Medien, Politik, Business-Bosse – das Interesse ist enorm, Innokenti überfordert von dem, was auf ihn einstürzt.

„In jedem Menschen steckt Scheiße”

Der konzentriert sich lieber auf seine Therapie: Mit Tagebuch-Einträgen dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Glückliche Kindheit, Sommerfrische, Begeisterung fürs Flugwesen, Grillenzirpen, Blätterrascheln, Anastassija, dann die Bolschewiki, Denunziationen, das grausame Lager. Zudem sind die „Leerjahre“ aufzuarbeiten.

Drastisch resümiert er: „In jedem Menschen steckt Scheiße. Wenn deine Scheiße in der Scheiße von anderen auf Resonanz trifft, kommt es zu Revolutionen, Kriegen, Faschismus, Kommunismus …“ Befremdlich findet Innokenti manch altes Übel nach seinem langen Eisschlaf wieder und attestiert Einzelnem wie Gesellschaft: Unbelehrbar! Der Anteil von Bösem sei zu allen Zeiten ungefähr gleich, es nehme nur verschiedene Formen an.

Tschechow und Gogol stehen Pate

Da ist viel Tragik, viel Seele, bitterer Humor. Hoher Unterhaltungswert. Tschechow und Gogol lugen durch die Gardine, Blok und Bunin kommen um die Ecke, Pasternak und (selbstredend) Platonow grüßen – Jewgeni Wodolaskin verhehlt seine großen Erzähl-Traditionen nicht. Und macht doch eine eigene Position geltend.

Raffiniert und artifiziell setzt sein „Eisschläfer“ aus Erinnerungssplittern, einer packenden Leidens- und Liebesstory, aus Reflexionen zu Schuld/Vergebung, zu autoritärer Macht/Anarchie ein außergewöhnliches Porträt von Russlands wechselvollem 20. Jahrhundert zusammen.

Wer viel liest, muss viel vergessen. Diesen Roman zu vergessen ist schier unmöglich.

Jewgeni Wodolaskin: Luftgänger
Aufbau Verlag, Berlin, 2019
429 Seiten
24 Euro
ISBN 978 – 3 – 351 – 03704 – 8

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