STAATSSICHERHEIT

Wie die Stasi Jugendliche für den Geheimdienst anwarb

Dass das Ministerium für Staatssicherheit nicht davor zurückscheute, auch junge Leute für Spitzeldienste auszunutzen, ist bekannt. Ein neuer Film zeigt, dass hinter jedem Fall ein bewegendes Schicksal steht, das teils bis heute fortwirkt.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Christian Ansehl war 15 Jahre alt, als er von der Stasi in Rostock angeworben wurde.
Christian Ansehl war 15 Jahre alt, als er von der Stasi in Rostock angeworben wurde. Populärfilm Media GmbH Rostock
Christian Ansehl lebt nach wie vor in Rostock. Er hat sich seiner Vergangenheit gestellt.
Christian Ansehl lebt nach wie vor in Rostock. Er hat sich seiner Vergangenheit gestellt. Populärfilm Media GmbH Rostock
Sascha Kriese stammt aus Neustrelitz und lebt heute im englischen Brighton.
Sascha Kriese stammt aus Neustrelitz und lebt heute im englischen Brighton. Populärfilm Media GmbH Rostock
Sascha Kriese zusammen mit seiner ehemaligen Mitschülerin Angelika Groh bei den Dreharbeiten in Neustrelitz.
Sascha Kriese zusammen mit seiner ehemaligen Mitschülerin Angelika Groh bei den Dreharbeiten in Neustrelitz. Populärfilm Media GmbH Rostock
Kathrin Matern hat sich bereits in mehreren Filmen kritisch mit der DDR-Vergangenheit auseinandergesetzt.
Kathrin Matern hat sich bereits in mehreren Filmen kritisch mit der DDR-Vergangenheit auseinandergesetzt.
Neubrandenburg.

Sascha Kriese hat Glück gehabt. Er hat vor allem starke Eltern gehabt. Eltern, die ihn davor bewahrt haben, Mitte der 80er Jahre als 16-Jähriger eine Verpflichtungserklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu unterschreiben. Sascha war beobachtet worden, als er nachts zusammen mit einem Kumpel an eine Giebelwand ein Wandbild, inspiriert vom amerikanischen Jugendfilm „Beat Street", malen wollte. Im März 1986 lädt MfS-Leutnant Kaschube Sascha zu einem ersten Kontaktgespräch in die Schule ein, mit dem Ziel, den 16-Jährigen als Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) für das MfS zu werben. Dabei, so Kaschube zu Sascha, handle es sich um eine „Männersache”, von der er seinen Eltern nichts erzählen sollte.

Mutter schreibt Eingabe an den Staatsrat der DDR

Es ging um viel für den jungen Mann. Er wollte nach der 10. Klasse auf die Erweiterte Oberschule (EOS) wechseln. Mit den zwei „Vorfällen” hat das MfS Erpressungspotential gegen ihn in der Hand. Sascha hält sich nicht an das Schweigegebot. Am Abend erzählt er seinen Eltern von dem Gespräch mit der Stasi. Die Mutter Gabriele arbeitet als Lehrerin und ist empört über das Vorgehen des MfS. Sie schreibt eine Eingabe an den Staatsrat der DDR: Sie habe ihren Sohn dazu erzogen, „seine Meinung offen und ehrlich zu vertreten“. Die „Organe der Staatssicherheit” hätten „ihre Befugnisse bei Weitem überschritten“, schreibt sie. Fortan lässt die Stasi die Finger von Sascha.

Filmemacherin mit ostdeutscher Herkunft

Seine Geschichte wird in dem neuen Film Kathrin Matern erzählt: „Unsere Geschichte. Die Stasi im Kinderzimmer ... und wie der Verrat bis heute nachwirkt”, der heute beim Filmkunstfest in Schwerin seine Premiere feiert. Einer der Auslöser, dieses schwierige Filmprojekt in Angriff zu nehmen, sei ihre eigene ostdeutsche Herkunft gewesen, sagt Kathrin Matern. „Ich bin Jahrgang 1975. Es hätte mich genauso treffen können.” Die jüngsten IM, die das MfS angeworben hatte, sollen gerade mal zwölf Jahre alt gewesen sein. Wenn sie ihren Protagonisten zugehört hat, habe sie sich oft gefragt: „Wie hätte ich an ihrer Stelle gehandelt?” Hätte man sich beispielsweise wie Christian Ansehl verhalten? Er wurde 1970 in Greifswald geboren und wuchs in Rostock auf. Zu dem Zeitpunkt verstärkte das MfS in der Hansestadt seine Aktivitäten in Richtung Kirche und Junge Gemeinde. Da kommt dem Geheimdienst der erst 14-jährige Christian gerade recht. Er spielt Geige und Gitarre, komponiert erste Songs, macht in der Rostocker Petrikirche regelmäßig Musik.

Als 15-Jährigen zur Stasi-Mitarbeit erpresst

Die Stasi legt den IM-Vorlauf „Artur Cramer“ an. Ein dreiviertel Jahr später, morgens gegen 6.30 Uhr, schmiert Christian eine Losung an die Wand seiner Schule: ”Wacht auf, steht auf, befreit euch, ich will leben” Es ist eine Verzweiflungstat, wird er rückblickend sagen. Das MfS kommt ihm auf die Schliche, kurze Zeit später unterschreibt er eine Verpflichtungserklärung unter dem Decknamen „Andreas Beckmann”. Er ist 15 Jahre alt. Fortan berichtet er für das MfS unter anderem über Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten, einer protestantischen Freikirche. Irgendwann bricht Christian die Zusammenarbeit mit der Stasi ab.

„Unsere Geschichte. Die Stasi im Kinderzimmer ... und wie der Verrat bis heute nachwirkt” wurde gefördert von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Dikatur, der kulturellen Filmförderung des Landes MV und dem NDR. Premiere am Donnerstag um 19.30 Uhr im Schweriner Kino Capitol. Im Herbst strahlt der NDR den Film im Fernsehen aus.

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Kommentare (2)

Purer Unsinn

Die Stasi es nur gut gemeint hat?