Literatur

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Vier Heldensagen voller Straftaten

Deutsche Heldensagen. Insel Verlag, Berlin, 2018.
Deutsche Heldensagen. Insel Verlag, Berlin, 2018.
Insel Verlag

Was an Action-, Crime-, Comic- und Lovestorys denken lässt, zählt zur Ursuppe der Weltliteratur. Dieses Bändchen weckt Neugier auf „Deutsche Heldensagen”, wozu die expressiven Illustrationen von Burkhard Neie beitragen.

Mord, Tötung auf Verlangen, schwere Körperverletzung, Hochverrat, Geiselnahme, Bestechlichkeit, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, Hausfriedensbruch, Volksverhetzung, fahrlässiger Falscheid, sexuelle Nötigung, üble Nachrede, Datenhehlerei, erpresserischer Menschenraub, Kapitalverbrechen, Sachbeschädigung, Brandstiftung. – Die Protagonisten dieser „Deutschen Heldensagen“ erfüllen Straftatbestände jeglicher Sorte auf nur 200 Buchseiten. Dabei ist hier noch nicht einmal der unbefugte Gebrauch von Zauberschwertern aufgeführt.

Man zieht gern blank in den Epen „Dietrich von Bern“ oder „Wieland der Schmied“ oder „Walther und Hildegunde“ oder „Hilde und Kudrun“. Da findet ein humorloses Kopfab statt. Wobei die skalpell-scharfen Wunderwaffen coole Namen tragen, hingegen bei Frauen, um die gekämpft wird, bisweilen die Geschlechtsanzeige genügt. Bewusste vier Sagen sind in einer Ausgabe der Insel-Bücherei erschienen. Was zur Ursuppe der Weltliteratur zählt, hat aus der Heute-Perspektive viel mit Action-, Crime-, Comic- und Lovestorys zu tun.

Die Nacherzählung von Gretel und Wolfgang Hecht aus dem Jahr 1969 entschlackt die Originale aus dem deutschen Hoch- und Spätmittelalter – ohne Tonart-Wechsel und Einbuße an Charakter.

Hollywood-Sonderling John Malkovich als Ritter-Heroe

Ein Gewinn sind die neuen Illustrationen von Burkhard Neie. Ein expressiver Mix aus Ritter-Motiven und Jugendstil-Dekor, ebenso üppiger wie verrätselter Symbolik und modernen Brechungen. In diese Seh-Stücke lässt sich gut vertiefen. Wie in „Die schönsten deutschen Volkssagen“ mit Jethro-Tull-Flötist Ian Anderson als Hamelns Rattenfänger wird auch diesmal ein Promi eingeschmuggelt: Hollywood-Sonderling John Malkovich als Ritter-Heroe.

Seinem Schrägblick eignen Nachdenklichkeit, Skepsis, auch Selbstzweifel. Die Text-Recken indes offenbaren selten Individualität und Gefühlszustände. Denen geht’s um Gefolgschaftstreue, ob aus ehernen oder niederen Gründen. Es besteht nachgerade eine Erbötigkeit, sich auslöschen zu lassen. Der Riese Ecke will, ehe er sich ergäbe, „lieber das Leben verlieren, denn was ist ein Leben ohne Ehre und Waffenruhm“. Kurz darauf erledigt ihn Dietrich: Wunsch erfüllt!

Zankbereitschaft und Blitz-Verliebtheit

Nord- und Mitteleuropa wird zum riesigen Fightclub. Zankbereitschaft und Ruhmsucht der Königreiche sind enorm, Friede ist eine Angelegenheit von Blitz-Verliebtheit und Heirat-Konstellationen. Viel Image, wenig Vorbild. Wer als Leser mag, darf eine paradoxe Gegenwärtigkeit ausmachen.

Dass bei dieser Rückkehr zu den literarischen Quellen die Nibelungen, die einst als Kern nationaler Identifikation dienten, später – inhaltlich zerfetzt – für nationalistische Bestrebungen missbraucht wurden, nicht vorkommen, ist kein Verlust. Wird doch so Aufmerksamkeit auf die weniger bekannten Heldensagen gelenkt. Im Übrigen handelt es sich nicht um ein Standardwerk, das Vor-/Nachwort und Apparat benötigte, sondern um ein Büchlein, das schlicht Neugierde wecken soll. Was gelingt.

Deutsche Heldensagen. Nacherzählt von Gretel und Wolfgang Hecht, illustriert von Burkhard Neie. Insel Verlag, Berlin 2018. 200 Seiten, 16 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 20030 – 7.