LITERATUR

Vier Arten von Todes-Affinität

Matthias Bormuth porträtiert in seinem Buch „Die Verunglückten“ Ingeborg Bachmann, ihren Schriftsteller-Kollegen Uwe Johnson, den Essayisten Jean Améry und die Terroristin Ulrike Meinhof. Jeder von ihnen war am Ende vollkommen verzweifelt.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Matthias Bormuth: Die Verunglückten. Berenberg Verlag Berlin, 2019
Matthias Bormuth: Die Verunglückten. Berenberg Verlag Berlin, 2019 Berenberg Verlag
Neubrandenburg.

Mit einer Überdosis Schlaftabletten vollzog der Essayist Jean Améry am 17. Oktober 1978 den Suizid. Die begnadete Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, abhängig von Psychopharmaka, war exakt fünf Jahre zuvor den Verbrennungen erlegen, die sie sich in einem narkotischen Zustand zugezogen hatte. Uwe Johnson, der „Dichter beider Deutschland“ mit langer Schreibblockade und einem schweren Alkohol-Problem, starb in der Nacht auf den 24. Februar 1984 an einem Herzversagen. Er hatte gerade die dritte Flasche Wein öffnen wollen, seine Leiche wurde Wochen später gefunden. Ulrike Meinhof, die von einer Galionsfigur des linksliberalen Journalismus zur RAF-Terroristin und Staatsfeindin Nr. 1 mutiert war, erhängte sich im Mai 1976 mit einem Handtuch an einem Zellenfenster im Gefängnis Stuttgart-Stammheim.

Vier Menschen, Intellektuelle, die in der Nachkriegszeit der deutschsprachigen Öffentlichkeit auf höchst unterschiedliche Weise bekannt und an ihrem jeweiligen Ende vollkommen verzweifelt waren. Vier, deren Lebensverläufe für das politisch aufgeladene Klima insbesondere der 1970er-Jahre stehen. In seinem Buch „Die Verunglückten“ geht der Autor und Humanmediziner Matthias Bormuth der Frage nach, ob es Verbindendes zwischen ihnen gibt, suizidale Züge in Werk und Persönlichkeiten, doch ebenso, was strikt trennt.

Widerstand gegen kollektives Vergessen

Lesern, denen einfache Wahrheiten suspekt sind, seien diese geschickt miteinander verwobenen Porträts empfohlen. Bormuth bietet keine skandalösen Enthüllungen. Seine Recherchen meiden Voyeurismus, sie loten Tiefen aus, gehen ins Psychologische. Das ist erhellend, historisches Bewusstsein schärfend. Weil der Lohn nicht ausbleibt, darf die Lektüre bisweilen anstrengen.

Jeder der vier rieb sich an deutscher Geschichte auf, leistete Widerstand gegen kollektives Vergessen der Nazi-Gräuel. – Als Einzige der Porträtierten wählte Ulrike Meinhof den Weg in Radikalität und Extremismus. In revolutionärem Fanatismus legte sie mit der Rote Armee Fraktion (RAF) eine blutige Spur des Terrors in der Bundesrepublik. „Selbstmord ist der letzte Akt der Rebellion“, schrieb sie Monate vor ihrem Tod an den Rand eines Kassibers.

Auschwitz-Nummer auf dem Unterarm

Jean Améry hatte die Auschwitz-Nummer auf seinem Unterarm – ihm machte zu schaffen, das Konzentrationslager überlebt zu haben. Er wollte kein „Berufsopfer“ sein, sondern mit den Tätern versöhnen. In seinem Essay „Hand an sich legen: Diskurs über den Freitod“ plädierte er für ein selbstbestimmtes Sterben. Dem hervorragenden Essayisten blieb die Anerkennung als Romancier versagt. Was ihn verzagen ließ.

Die sprach-sensible Ingeborg Bachmann imaginierte das Schicksal des Verbrennungstods in ihrem Hauptwerk, dem Roman „Malina“. Zwei Jahre nach Veröffentlichung kam sie in Flammen um. Der Lyriker Paul Celan, mit dem sie eine komplizierte Liebe verband, hatte 1970 den Freitod gewählt. Bachmanns Leben war voller Brüche, Ausschweifung, falscher Männer.

Uwe Johnson starb, als er das „Jahrestage“-Epos mit dem vierten Buch endlich abgeschlossen hatte. Verschuldet, vereinsamt. Die Ehe hatte nicht überstanden, dass eine frühe, harmlose Affäre seiner Frau Elisabeth offenbar geworden war. Johnsons Verärgerung ging ins Wahnhafte, Paranoide. Sein jahrelanger Alkoholexzess gleicht einer Selbstzerstörung.

Matthias Bormuth: Die Verunglückten. Berenberg Verlag Berlin, 2019. 248 Seiten. 25 Euro. ISBN 978 – 3 – 946334 – 62 – 0.

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