REZENSION

Schöner Akt und kaputte Landschaft

Klaus Ender gilt als einer der wichtigsten Aktfotografen Deutschlands. In seinem aktuellen Buch „Nackt zwischen Dornen“ schlägt der 80-Jährige allerdings eher bittere Töne an.
Frank Wilhelm Frank Wilhelm
Wenn der Körper mit der Ostsee verschmilzt, entstehen die stärksten Bilder von Klaus Ender.
Wenn der Körper mit der Ostsee verschmilzt, entstehen die stärksten Bilder von Klaus Ender. Klaus Ender
Die Sensibilität der Natur als zweites großes Thema: Eine traurige Taube sieht Ender als Bild für Frieden und
Die Sensibilität der Natur als zweites großes Thema: Eine traurige Taube sieht Ender als Bild für Frieden und die Verständigung. Klaus Ender
Klaus Ender und die Aktfotografie, Fotograf von Rügen wird 80 Jahre alt. Foto: Klaus und Gabriele Ender
Klaus Ender und die Aktfotografie, Fotograf von Rügen wird 80 Jahre alt. Klaus Ender
„Freiheit, Sehnsucht, feminin, Schönheit“ – all dies verbindet Klaus Ender mit dem Bild, das auf dem Le
„Freiheit, Sehnsucht, feminin, Schönheit“ – all dies verbindet Klaus Ender mit dem Bild, das auf dem Leuchtturm Arkona entstanden ist. Der Fotograf hat für diese Seite drei Lieblingsbilder aus dem Band „Nackt zwischen Dornen“ ausgewählt. Fotos: Klaus Ender Klaus Ender
Bergen.

Klaus Ender braucht nicht lange, um seine Lieblingsbilder zu den Themen Natur und Akt aus seinem aktuellen Buch „Nackt zwischen Dornen“ herauszusuchen. Bei den Aktfotos kann er sich nicht so richtig entscheiden und bietet zwei Bilder an. Die Auswahl muss dem Mann zwangsläufig schwerfallen, fotografiert er doch seit fast 60 Jahren insbesondere hüllenlose Frauen.

Der erste Akt, für den sich Ender entscheidet, ist ein klassisches schwarz-weiß Foto. Es zeigt eine liegende Frau, deren Körper von der Ostsee umspült wird. Ein typisches Ender-Bild. Immer schon hat ihn das Zusammenspiel von Körper und Meer fasziniert, das Verschmelzen von Mensch und Natur. Den liegenden Akt habe er mit Langzeitbelichtung fotografiert. Die Schwierigkeit, so Ender: „Das Modell bewegt sich normalerweise auch.“

Der zweite Akt zeigt eine Schönheit auf dem Leuchtturm von Arkona mit dem Blick zum Meer und beweist den saloppen Spruch: „Auch ein schöner Rücken kann entzücken!“ Zu den intensiven Farben hat Ender erst in den vergangenen 20 Jahren gefunden. „Das Rot vom Leuchtturm abgestimmt auf die Umhüllung des Modells“, schreibt er zu dem Foto: „Freiheit, Sehnsucht, feminin, Schönheit – Mensch & Natur“, all das fällt ihm zu dem Foto ein.

1975 die erste Aktausstellung „Akt und Landschaft”

Schließlich das dritte Foto, das beispielhaft für die Naturaufnahmen in dem Band steht: Eine einsame traurige Taube. „Sie steht für Frieden und Briefe (Verständigung). In diesem Fall für Anmut, Nähe und Schönheit“, schreibt Klaus Ender. Für ihn impliziere sie aber auch Freiheit im doppelten Sinne: „Frei wie ein Vogel – und vogelfrei zum Abschuss.“

Die Auswahl der Fotos und ihre Beschreibung fasst die ambivalente Gemütslage von Klaus Ender gut zusammen. In diesem Jahr ist er 80 Jahre alt geworden. Er wohnt in Bergen auf Rügen, auf seiner geliebten Insel, wo er in den 1960er Jahren seine ersten Akte fotografierte. Als Bäckerlehrling ging er tagsüber an den FKK-Strand, sprach junge Frauen an und bekam fast nie einen Korb.

Sein Leben gehörte der Aktfotografie. Wie kaum ein Zweiter hat Ender das Zusammenspiel von Meer und Modell mit der Kamera eingefangen. Zusammen mit Gerd Rattei erfand er 1975 die erste Aktausstellung „Akt und Landschaft“, von der es mehrere Auflagen in der DDR gab und die Hunderttausende Besucher anzog.

Ender verzweifelt an der Zerstörung der Natur

Doch mit zunehmendem Alter wurde das Zusammenspiel von Akt und Landschaft für Ender getrübt. Ender sieht die Natur, unsere Umwelt in einer tiefen Krise. Das erlebt er nicht zuletzt vor der eigenen Haustür, auf der Insel Rügen. So brandmarkt er die massiven Fällungen, insbesondere in den Buchenwäldern im Nationalpark Jasmund. „Seitdem die Motorsägen erfunden wurden, die mit Leichtigkeit eine 200-jährige Buche in wenigen Minuten fällen, ist jede Achtung vor einem Baum verschwunden. Erst wenn der Fortschritt deutlich wird, erkannt man seine Rückschritte“, schreibt er in dem Text „Im Angesicht des Klimawandels“.

Angesichts der Bilder von abgeholzten Buchen unweit der Kreidefelsen erinnert sich Ender an seine Kindheit. Er wuchs in Wittenberge auf und habe als Zwölfjähriger über die Elbe geschrien: „Scheiße – was habt ihr aus diesem Fluss gemacht“, während der Strom an ihm mit „riesigen braunen Schaumkronen, die wie gemalte Eisschollen aussahen“, vorbeifloss. Das Schizophrene: In der Elbe kann man wieder baden. Auf Deutschlands größter Insel wird Raubbau an der Natur begangen, nicht zuletzt mit dem Neubau der „Autobahn“ 96, die eine Schneise durch die Natur schlägt und der 13 Hektar Wald zum Opfer gefallen seien, so Ender. Emotional wird er in dem Gedicht „Insula Rugia“: „Meine Insel stirbt ganz leise wie die Bienen auf dem Feld, jeder stirbt auf seine Weise – und aus allem macht man Geld. Jeder Ort hat einen Hügel und ganz oben weht der Wind, jetzt bekommt der Hügel Flügel, die auch Vogelmörder sind.“

Die umstrittenen Windräder, Abholzungen aber auch die „marktkonforme Demokratie“ und ihre untätigen Politiker, das sind die Themen, die den kritischen Fotografen Ender umtreiben, in Fotos, Texten und Gedichten.

Klaus Ender: Nackt zwischen Dornen. Bergen, 2018. 120 Seiten, 18 Euro. Bestellung über www.klaus-ender.de

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