ASTRID LINDGREN

Pippi Langstrumpf feiert ihren 75. Geburtstag

Das stärkste Mädchen der Welt: Vor 75 Jahren kam das erste Werk über Pippi Langstrumpf heraus. Das ZDF zeigt eine Filmbiografie von Astrid Lindgren mit Netflix-Star Alba August.
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Inger Nilsson in einem Film von 1968 als „Pippi Langstrumpf”.
Inger Nilsson in einem Film von 1968 als „Pippi Langstrumpf”. dpa
Das ZDF zeigt den Film „Astrid” über Astrid Lindgren am 21. Mai 2020.
Das ZDF zeigt den Film „Astrid” über Astrid Lindgren am 21. Mai 2020. Eric Molberg-Hansen
Stockholm.

Die wohl größte Erfolgsgeschichte der Weltliteratur für Kinder begann am Bett eines siebenjährigen schwedischen Mädchens. „Pippi Langstrumpf wurde in dem Moment geboren, als ich zu meiner Mutter sagte: Bitte erzähl' mir mehr Geschichten”, erinnert sich Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman. Sie habe damals krank im Bett gelegen und gewollt, dass ihre Mutter sie weiter unterhalte. Fast schon verzweifelt habe Lindgren darauf gefragt, was sie ihr denn noch erzählen könne, sagt Nyman. „Und da habe ich gesagt: Hmm, erzähl' mir von Pippi Langstrumpf! Es war bloß ein Name, der mir in den Sinn gekommen ist.”

Aus dieser juxen Idee ist eine der bekanntesten Kinderbuchfiguren des Planeten geworden. Astrid Lindgrens Bücher über die Abenteuer des stärksten Mädchens der Welt sind in 77 Sprachen übersetzt worden, knapp 66 Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft, darunter rund 8,6 Millionen allein in Deutschland. Millionen von Kindern haben sich von Pippis wilden Geschichten begeistern lassen, sei es in Lindgrens Werken oder den ebenso berühmt gewordenen Pippi-Filmen mit Inger Nilsson in der Hauptrolle. Ganz besonders in Deutschland hat Pippi Langstrumpf Generationen von Kindern geprägt wie kaum eine zweite. Und Pippi ist bis heute Vorbild für Heranwachsende in aller Welt, hat aber auch den Feminismus und den Respekt vor Kindern herangebracht.

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All das war am zehnten Geburtstag von Karin Nyman noch undenkbar. Damals, am 21. Mai 1944, erhielt sie von ihrer Mutter ein ganz besonderes Geschenk. „Ich habe das Manuskript von Pippi Langstrumpf bekommen, als ich zehn Jahre alt geworden bin”, sagt Nyman. Ein Jahr später, im Jahr 1945, kam „Pippi Långstrump” in der schwedischen Erstausgabe in den Handel – das ist der Grund, warum in diesem Jahr offiziell der 75-jährige Geburtstag von Pippi Langstrumpf gefeiert wird.

Veranstaltungen wegen Corona verschoben

Wobei der Großteil der Jubiläumsveranstaltungen, die rund um Karin Nymans Geburtstag an diesem Donnerstag (21. Mai) stattfinden sollten, wegen der Corona-Pandemie ausfallen muss oder auf Eis liegt: Ein zentrales Fest im Stockholmer Freilichtmuseum Skansen wurde abgesagt, bei vielen in Deutschland geplanten Pippi-Veranstaltungen wie Theaterstücken und Lesungen hofft man auf ein Nachholen in der zweiten Jahreshälfte. In der Astrid-Lindgren-Welt in Lindgrens Heimatprovinz Småland, in der die Villa Kunterbunt extra für dieses Jahr vergrößert wurde, wurde die Saisoneröffnung aufgeschoben. Und auch Abba-Ikone Björn Ulvaeus hat sein geplantes Zirkusmusical „Pippi im Zirkus” in Stockholm um ein Jahr auf den Juni 2021 geschoben.

Bis all das nachgeholt werden kann, bleibt den Fans von Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf immerhin das Schwelgen in alten Geschichten – und natürlich das Schmökern in den alten Büchern.

Schon im ersten Buch, das im Herbst 1949 für 2,80 Mark in den deutschen Handel kam, lernt der Leser eine bis dahin völlig untypische und bis heute unerreichte Kinderbuchfigur kennen: Die rothaarige und sommersprossige Pippi Langstrumpf lebt am Rande einer namenlosen Kleinstadt in einem großen Haus, der Villa Kunterbunt, die sie sich mit ihrem Äffchen Herr Nilsson und einem Schimmel auf der Veranda teilt. Die Nachbarschaftskinder Tommy und Annika werden schnell zu ihren Freunden, die Pippi mit ihren verrückten Einfällen und ihrem losen Mundwerk auf unglaubliche Abenteuer mitnimmt – ebenso wie in den kommenden Jahrzehnten Millionen Kinder weltweit.

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Unzählige kreative Einfälle

Das wohl erste Kind, das Pippi Langstrumpf auf Deutsch lesen durfte, war Silke Weitendorf. Ihr Stiefvater, der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger, hatte Pippi Langstrumpf einst nach einem Besuch bei Astrid Lindgren in Stockholm nach Deutschland geholt, ihre Mutter ihr schließlich das Manuskript mit nach Hause gebracht. Besonders die unzähligen kreativen Einfälle von Pippi Langstrumpf gefallen ihr bis heute, wie die 79-Jährige im Gespräch sagt – sei es der Versuch, beim Spielen mit Tommy und Annika nicht den Boden zu berühren oder die unter die Füße geschnallten Bürsten beim Saubermachen in der Villa Kunterbunt.

„Dieses freiheitliche Denken der Pippi Langstrumpf, die Schlagfertigkeit, der Witz – der doppelbödige Witz oftmals – all das wurde damals zum ersten Mal in einem Kinderbuch beschrieben”, erinnert sich Weitendorf. „Das habe ich in keinem anderen Buch gesehen, nicht einmal in Astrids anderen Werken.” Damit hänge auch der große Erfolg der Pippi-Geschichten zusammen, sagt Weitendorf. „Pippi verkörpert all das, was Kinder an Sehnsüchten und Wünschen und Träumen haben. Das manifestiert sich bei ihr mit sehr viel Spaß – und mit so vielen Einfällen, dass es geradezu wahnsinnig ist.”

Kampagne „Pippi of Today”

Der Verlag Friedrich Oetinger, der damals bereits die deutsche Erstausgabe veröffentlicht hatte, hat nun pünktlich zu Pippis 75. Geburtstag eine Reihe von Jubiläumsprodukten und Neuerscheinungen in den Buchhandel gebracht. Zudem haben Lindgrens Nachfahren gemeinsam mit Save the Children in diesem Jahr die Kampagne „Pippi of Today” (Pippi von heute) ins Leben gerufen, um mit Pippis Hilfe auf die prekäre Lage von Mädchen auf der Flucht aufmerksam zu machen.

Auch ohne Festveranstaltungen gerät Pippi Langstrumpf somit auch nach 75 Jahren nicht in Vergessenheit. Und für die Schweden gehört sie nach wie vor zum Nationalstolz: Selbst die schwedisch-amerikanische Astronautin Jessica Meir las auf der Internationalen Raumstation ISS vor ihrer Rückkehr auf die Erde in einem Pippi-Buch. „Wenn eine Schwedin im Weltall gewesen sein sollte, dann ist das Pippi!”, sagte sie dazu strahlend dem schwedischen Sender SVT.

Im Astrid-Lindgren-Kosmos auf der Erde hofft man derweil darauf, Pippi trotz Corona-Krise einigermaßen hochleben lassen zu können. Wie hätte das Mädchen mit den abstehenden roten Zöpfen in dieser Situation wohl reagiert? „Pippi macht die Dinge immer auf die umgekehrte Weise”, sagt Olle Nyman, der nicht nur Lindgrens Enkel, sondern auch der Chef das Familienunternehmens ist. „Vielleicht machen wir das auch so und feiern einfach nächstes Jahr.”

Filmbiografie über die Wendejahre einer Ausnahmeautorin

Astrid Lindgrens Geschichten prägten die Kindheit von Millionen Menschen. Die Schwedin gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen der Welt. Dagegen war ihre eigene Kindheit ziemlich schnell vorbei. Mit „Astrid” zeigt das ZDF an diesem Donnerstag um 20.15 Uhr einen Ausschnitt aus den jungen Jahren der Ausnahmeautorin (1907-2002).

Es sind die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts: Mit 18 wird die junge Astrid ungewollt schwanger. Der Vater des Kindes: Redakteur Reinhold Blomberg, bei dem sie sich zur Journalistin ausbilden lässt. Schnell hatte sich eine Affäre zwischen den beiden entwickelt.

Das Kind will sie jenseits ihrer kleinen südschwedischen Provinz Småland auf die Welt bringen. Sie lässt sich während der Schwangerschaft in Stockholm zur Sekretärin ausbilden – weit weg von ihrer Familie und den Menschen, die sie kennt. Ihren Sohn Lasse (1926-1986) muss sie nach der Geburt bei einer Pflegemutter abgeben, will ihn aber unbedingt bei sich haben.

Astrid hat ihren eigenen Kopf

Astrid wird gespielt von Newcomerin Alba August (26), die man bisher vor allem aus der Netflix-Produktion „The Rain” kennt. Die Schauspielerin verkörpert auf eine subtile Art eine selbstbewusste junge Frau, die keine Angst hat, sich jenseits der gesellschaftlichen Konventionen zu bewegen und ihrer Zeit voraus ist. Gleichzeitig kämpft sie um Anerkennung für ihr Kind.

Astrid hat ihren eigenen Kopf. Sie erfindet gern Geschichten, um ihre Geschwister zu unterhalten. Die Familie zeigt sich religiös, der Glaube spielt eine sehr große Rolle. Mutter und Vater betreiben einen Pfarrhof. Astrid, ihre kleinen Schwestern und der große Bruder helfen mit.

Das abrupte Ende ihrer unbekümmerten Jahre inszeniert die dänische Regisseurin Pernille Fischer Christensen mit sehr viel Liebe zum Detail. Sie zeichnet den Weg der Autorin mit vielen Facetten nach. Die Filmbiografie dreht sich nicht nur um die Affäre mit einem viel älteren Mann, sie wirft auch ein Schlaglicht auf die Beziehung zu Astrids Familie und auf die Normen der damaligen Gesellschaft.

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