Literatur-Rezension
Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben

Ausschnitt aus dem Cover des Buchs.
Ausschnitt aus dem Cover des Buchs.
Aufbau Verlag Berlin

Die nicht zur Veröffentlichung bestimmten Tagebücher des berühmten Exil-Schriftstellers Lion Feuchtwanger sind nun unter dem Titel „Ein möglichst intensives Leben“ erschienen. Bei ihm trafen sich die Boheme und die literarische Anti-Hitler-Szene. Der international anerkannte Autor führte aber ebenso akribisch Buch über seine Frauen-Eroberungen und Zockerei.

„Durch eine Maus im Schlaf gestört. Marta bringt sie um.“ – Was wohl aus diesem (und manch anderem) Mann, der sich zum Weltliteraten hochschrieb, ohne maustötende Ehefrau auf der anderen Bettseite geworden wäre? Eine Frage, die sich beim Lesen der überraschend aufgetauchten Tagebücher von dem berühmten Exil-Autor Lion Feuchtwanger (1884-1958) des Öfteren stellt. Seinen intimen Notizen ist zu entnehmen, dass Treue keineswegs zu Feuchtwangers Dankbarkeitsbezeugungen gehörte. Eintrag vom 9. Februar 1932: „Erst mit Eva gevögelt, dann mit Marta gevögelt.“

„Ein möglichst intensives Leben“, unter diesem Titel sind die nicht zur Veröffentlichung entstandenen Aufzeichnungen von 1906 bis 1940 des Großschriftstellers nun im deutschsprachigen Raum erschienen. Sie wurden Anfang der 1990er-Jahre im Nachlass einer Feuchtwanger-Sekretärin entdeckt.

Über ihren Wert lässt sich trefflich streiten. Sie sind karg, fragmentarisch, unliterarisch. Auf der anderen Seite: Grundehrlich, ursprünglich, tabulos. Da ist kein sprachmächtiges Parlieren mit Einsichten von einem, der auf eine Publikation spekuliert. Die Lektüre kann nicht frei von Voyeurismus sein. Indes: Es handelt sich um die höchst rare Möglichkeit, das Leben von einem Protagonisten der Literatur, das die Höhen und das große Dilemma deutscher Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geradezu spiegelt, aus einer privaten Perspektive nachzuvollziehen. Das reizt, mehr zu erfahren und Feuchtwangers Werk zu Aufklärung und Versöhnung (neu) zu lesen.

Auf der Jagd nach Gespielinnen

Klein, zäh, eitel, ungeheuer produktiv. Feuchtwanger, Sohn eines jüdisch-orthodoxen Margarinefabrikanten, war – ob zunächst als mäßiger Dramatiker im heimischen München, in den goldenen 1920ern und frühen 1930ern im quirligen Berlin erfolgreich als Schöpfer historischer Romane oder dann als mutiger Hitler-Gegner und Antifaschist im Exil – parallel ein notorischer Fremdgänger. In seinen Romanen vertrat er ein modernes Frauenbild, in der Realität war er süchtig nach Sex und, wie existenzbedrohlich sich die Umstände auch gestalteten, permanent auf der Jagd nach Gespielinnen.

1906: „Abends kam eine große Geilheit über mich.“ 1910, ein Aufatmen: „Kein Tripper. Aber ein Harnröhrenkatarrh.“ 1915: „Herzhaft, unsentimental und vergnüglich gehurt.“ Und so weiter. Unter der „Hauptfrau“ Marta hielt er eine Hierarchie an Beischlaf-Kandidatinnen permanent in Bewegung. Seine akribischen „Verkehrsnachrichten“ nerven, obgleich hier nur 100 der insgesamt 750 „gevögelt“-Meldungen Aufnahme erhielten. Im höheren Alter findet zunehmend das Prostata-Befinden Erwähnung – im Wetterbericht-Stil.

Die praktisch veranlagte Marta, die Lion Feuchtwanger 1910 kennengelernt und „tüchtig abgeküßt“ hatte, regelte trotz aller Demütigung sein (Über)-Leben und war eine wichtige literarische Ratgeberin. Ihr las er als Erster vor, sie hob oder senkte den Daumen.

Ein begabter Netzwerker

Die Tagebücher geben neben Eigenarten und Schwächen, wozu eine üble Zocker-Leidenschaft zählte, Auskunft darüber, welch begabter Netzwerker Feuchtwanger war. An seinen Lebensorten traf sich die Boheme, die Kulturschickeria, die Szene. Die Manns, Mühsam, der klamme Brecht, Wedekind, Ossietzky, Döblin, Arnold Zweig, Remarque, unzählige Weitere. Das Who‘s who engagierter Literatur kam gern zu ihm, ob in Deutschland oder im Exil. Manch einer wurde in der verborgenen Chronik mit stachligen Bemerkungen bedacht.

Spannend wird’s, wenn politische Ereignisse, die ihn konkret betrafen, weniger als Randnotiz daherkommen. So als Feuchtwanger drei Wochen nach Kriegsbeginn in ein französisches Internierungslager musste. Zweieinhalb Jahre zuvor hatte er eine umstrittene Sowjetunion-Reise unternommen. 8. Januar 1937: „Ich spreche drei Stunden mit Stalin, erst gewundenes Zeug über die Freiheit des Schriftstellers, … dann über den Stalinkult, dann über ,Demokratie‘, dann über den Prozeß.“

Lion Feuchtwanger: Ein möglichst intensives Leben. Tagebücher. Aufbau Verlag, Berlin. 640 Seiten, 26 Euro. ISBN 978 – 3 – 351 – 03726 – 0.