REZENSION

Klassiker der Katzen-Literatur

Die Neuausgabe des Tiermärchens „Spiegel, das Kätzchen“ von Meister-Novellist Gottfried Keller macht Spaß – nicht allein Miez-Freunden.
Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen. Insel Verlag, Berlin, 2020.
Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen. Insel Verlag, Berlin, 2020. Insel Verlag Berlin
Neubrandenburg.

Herrliche Mäuse, mit Weizenmehl gemästet, fachmännisch ausgeweidet, mit zarten Speckriemchen gespickt und gebraten, in einer Mauseloch-Imitation griffbereit. – Mjammi-miau! Lecker! Da läuft einem doch das Wasser im Mäulchen zusammen, sofern man ein Katzen-Wesen ist. Dumm nur, wenn der Schmaus an einen Deal gebunden ist, demzufolge sich mit jedem Bissen der Tod nähert. – In dem Tiermärchen „Spiegel, das Kätzchen“ von Gottfried Keller (1819-1890), nun erstmals als illustrierte Ausgabe in der Insel-Bücherei erschienen, kann das Übel gerade noch abgewendet werden.

Der Schweizer Meister-Erzähler zieht in dem Fabel-Stück, das zur Novellen-Sammlung „Die Leute von Seldwyla“ zählt, ein unterhaltsames (Aufklärungs)-Spiel auf: Verachtung für den Aberglauben, Spott über Magie und Zauber. Ohne zu nerven, moralisiert er dauergültig: Lass dich nicht mit den falschen Leuten ein! Lies auch das Kleingedruckte im Vertrag!

Ehe mit einem hässlichen Ex-Engel

Zunächst lässt Keller seinen Kater namens Spiegel ins Dilemma schlittern. Der städtische Hexenmeister Pineiß, der für seinen Hokuspokus den Schmer, also das Fett, von Katzen benötigt, verspricht, den unverschuldet in Ernährungsnot geratenen Spiegel herauszufüttern. Als Gegenleistung muss der sich schlachten lassen, sobald er ausreichend rund ist. Aber der clevere Katz-Mann windet sich heraus. Spiegel hält sich – trotz Gourmet-Bespeisung – durch „die süße Gewalt der Leidenschaft“ für eine weißpelzige Dame fit und in Form, inklusive Schlägereien mit Nebenbuhlern. Und als Pineiß ihm kontraktwidrige Schlankheit vorhält, muss diesem eine Lügengeschichte von einem Goldstücke-Schatz aufgetischt werden. Am Ende ist der Hexer der Angeschmierte: Kein Gramm Katzenfett, dafür eine Ehe mit einem hässlichen Ex-Engel.

Kater Murr und Reineke Fuchs lassen grüßen

Gottfried Kellers Klassiker der gehobenen Katzen-Literatur macht auch heute noch Spaß – nicht allein Miez-Freunden. Schon wegen des Reichtums an Anspielungen: Sein Spiegel trägt Züge des sprechenden, denkenden und gebildeten Promi-Katers Murr von Romantik-Dichter E.T.A. Hoffmann. Faustus-Motiv und Hänsel/Gretel-Thrill scheinen durch. Schwindel-Fuchs Reineke lässt grüßen. Zudem ironisiert der Autor das Verhältnis zu seinem Verleger.

Und: Wer es drauf anlegt, wird Parallelen zu Comic-Kater Garfield finden (zwar nicht „fett, faul“, doch „frech, filosofisch“). Diesen nachgeborenen Stubentiger konnte Keller freilich gar nicht kennen. Eine Brücke zu den gegenwärtigen Lesern, vor allem den jüngeren, bauen zudem die Illustrationen von Joëlle Tourlonias. Ihre Bilder sind warm und liebenswert, sehr gelungen.

Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen. Illustriert von Joëlle Tourlonias. Insel Verlag, Berlin, 2020. 72 Seiten, 16 Euro. ISBN 978 – 3 – 458 – 20039 – 0.

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