REZENSION

Heimelige Hallig, einsame Hallig, mörderische Hallig

In Greta Hennings Roman „Halligmord” sind es Familien, die uns das Gruseln lehren. Wer das liest, mach nie wieder unbeschwert Urlaub an der Nordsee.
Buchcover Grete Henning „Halligmord”
Buchcover Grete Henning „Halligmord” Ulrike Schubel
Neubrandenburg.

Kleine heile Halligwelt. Am dunklen Winterhimmel kreischen die Möwen, der Blick fällt aufs Meer, wenn es da ist, und aufs Watt, wenn das Wasser einen Rückzieher gemacht hat. Die reetgedeckten, uralten Bauernhäuser verstecken sich hinter den Deichen. Drinnen gibt es Tee mit Sahne und Knerken, das traditionelle Halliggebäck. Nur wenige Menschen leben hier, alle sind sich herzensgut und zugetan, ein bisschen maulfaul, aber sie halten zusammen. So könnte es sein, ist es aber nicht. Denn auch hier gilt: Unter jedem Dach wohnt ein Ach. Und dieses Ach – mal leise klingend, mal lautstark heulend und längst schon auf dem Hof oder der Nachbarhallig wahrnehmbar – spielt auch in „Halligmord” von Greta Henning eine wichtige Rolle. Welche, soll hier an dieser Stelle nicht verraten werden, schließlich würde dies das Lesevergnügen vermiesen.

Ein bisschen Schimmelreiter, Rückblenden und viel Spannung

Und Lesespaß hat man, wenn man die Geschichte liest, die ihren Ausgangspunkt nimmt, als vor dem Haus einer ehrbaren, keineswegs am Hungertuch nagenden Halligfamilie ein etwa 30 Jahre altes Skelett gefunden wird – mit eingeschlagenem Schädel, gut erhaltenen teuren Lederschuhen und einem Ehering. Was sich da unter der Halligwiese und damit auch unter den reetgedeckten Häusern verbirgt, soll nicht nur die neue Kommissarin Minke van Hoorn, einst Meeresbiobologin und nun Polizistin, in ihrem ersten Fall klären. Auch die anderen, die sich in dieser heimelig anmutenden, nordfriesischen Halligwelt eingerichtet haben, müssen sich im Laufe der Geschichte der Vergangenheit stellen. Klingt ein bisschen nach Krimi-Klischee, ist es aber nicht. Keineswegs. Nun, und oben drauf packt die Autorin noch die Entführung des Deichgrafensohns, ein bisschen Schimmelreiter, Rückblenden und richtig viel Spannung.

Auch dieses Idyll trügt

Hübsch in dieser Geschichte sind die Details am Rande: die heruntergekommene Polizeistation ohne funktionierenden Computer, aber dafür mit einem Kollegen, der vor allem an seine bevorstehende Pensionierung und die damit verbundene Feier denkt, die kleine verstaubte Bankfiliale, der Möwengeschrei-Klingelton der neuen Kommissarin, das Knerken-Rezept hinter dem Buchklappentext, der kleine Tante-Emma-Laden, die geruhsame Praxis von Minkes Mutter. Denn die Neue in der Polizeistation ist gar nicht so neu in dieser kleinen Halligwelt, sie ist hier aufgewachsen, ihr ist das Halligleben gar nicht fremd. Und der Autorin auch nicht, die unter einem Pseudonym schreibt, Wattwanderungen und wie ihre Heldin Krabbenbrötchen liebt. „Die kleine Küstenstadt Jüstering war im Sommer ein beliebter Urlaubsort. Nicht nur, weil Jüstering am Meer lag und einen weißen, feinen Sandstrand mit Dünen, langem Strandgras und bunt gestreiften Strandkörben besaß, sondern auch, weil die Stadt genau so aussah, wie man es von Nordfriesland erwartete”, erzählt die Autorin. Aber auch dieses Idyll kann mörderisch sein.

 

Greta Henning: Halligmord. Ein Nordseekrimi, Ullstein Buchverlage GmbH, München, 2020, 271 Seiten, 12,99 Euro

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