GNTM-KOLUMNE

Heidi Klum und Thomas Hayo in Versform

Zehn Görls tanzten sich am Donnerstag in die nächste Runde „Germany’s Next Topmodel”. Und Heidi Klum, im Hemd von Tom Kaulitz, stellte sicher, dass das Mobbing unter den Kandidatinnen auch schön systematisch ablief.
Christine Gerhard Christine Gerhard
Ein Hinweis, den Sender zu wechseln? Sieht man mit dem Zweiten vielleicht besser?
Ein Hinweis, den Sender zu wechseln? Sieht man mit dem Zweiten vielleicht besser? Screenshot
Die Mädchen tanzen in LA-Pantoffeln durch die Model-Villa.
Die Mädchen tanzen in LA-Pantoffeln durch die Model-Villa. Screenshot
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Neubrandenburg.

Lederjacke, Sonnenbrille, frisch gekämmte Haare, Jubel: Thomas Hayo ist zurück – oder, wie er von der Switch reloaded-Generation liebevoll genannt wird, Pommes Mayo. Von Heidi hat er sich nach der vergangenen Staffel offenbar so weit erholt, dass er sie schon fast wieder vermisst hat, und auch auf die „Görls” freut er sich.

Die darf er dann auch gleich coachen und zwar diesmal zu tanzenden John Travolta-Doubles. Nur Lena verfehlt die Aufgabenstellung knapp, indem sie stattdessen den „Travolto” gibt, aber das macht nichts, denn als selbsternannter „Körperklaus” lenkt Theresia mit ihrer herrlich bizarren Performance geschickt von dem kleinen Missverständnis ab. Nur Heidi kauft ihr die angebliche Tanzlegasthenie nicht ab und bei dem eloquenten Streitgespräch, das sich daraus entwickelt, fühlt man sich in gute alte Zeiten zurückversetzt, als sich Thomas und Michael Michalsky in der Jury noch regelmäßig anzickten wie zwei Fünfjährige in der Autowerbung.

Der sich entspinnende Dialog sei, um seiner Genialität Genüge zu tun, hier kurz in Dramenform wiedergegeben:

Heidi (sieht aus, als hätte sie in der Eile am Morgen das Hemd von Tom Kaulitz übergezogen und dabei das rechte Armloch nicht gefunden): „Ich glaube, die veräppelt uns.”

Thomas: „Nein, die veräppelt uns nicht.”

Heidi: „Doch, ich glaube, die veräppelt uns.”

Thomas: „Nein, die veräppelt uns nicht.”

Heidi: „Die veräppelt uns.”

...

Und so weiter. Goethe und Shakespeare drehen sich wahrscheinlich gerade im Grab um, weil ihnen das nicht eingefallen ist.

Als hätte man ein schwedisches Stupsnäschen mit einem mediterranen Goldteint überzogen

Aber zurück zu der Tanzeinlage der Görls: Weil offenbar nicht einmal Heidis Vater einen Werbepartner auftreiben konnte (obwohl er mit seiner Modelagentur „one eins Fab” doch immerhin bewiesen hat, dass er auf Englisch bis eins zählen kann), drehen sie kurzerhand einen fiktiven Werbespot daraus. Lenas Freundin, die offenbar morgens mit angeklebten Wimpern aufwacht, wünscht Glück.

Während Lena und die anderen genug Zeit haben, sicherheitshalber auch ein bisschen für die Tanzshow zu üben und sich als Kür noch gepflegt anzuraunzen, sind Vanessa und Cäcilia mal eben zum Casting in Amsterdam. Für alle mit einem ähnlich schlechten Namensgedächtnis wie ich: Cäcilia ist die, die so merkwürdig angemalt aussieht, als hätte man ein schwedisches Stupsnäschen mit einem mediterranen Goldteint überzogen. Sie holt sich dennoch den Job, oder vielleicht deswegen.

Und verpasst beinahe, wie Simone es schafft, sich mit ihrem eifrigen und vielgelobten Tanzsolo bei den Görls noch unbeliebter zu machen. Ein bisschen wie damals in der Schule, wenn Klassenkameraden vor dem Test beschworen, überhaupt nichts gelernt zu haben, nur um dann, ohne den Füller abzusetzen, eine Eins aus dem Ärmel zu schütteln. Verrat! Neid!

Heidi setzt auf systematisches Mobbing

Als gewissenhafte Klassenleiterin sorgt Heidi dafür, dass die allgemeine Verstimmung in Form systematischen Mobbings katalysiert wird. Jedes Mädchen soll die Konkurrentin benennen, die den Titel nach ihrem Ermessen am wenigsten verdient hat. Da sich aber Caro viel Schlimmeres zu Schulden hat kommen lassen, nämlich nicht weniger als ein zurückhaltendes Wesen, geht sie als Siegerin aus diesem Rennen hervor und Simone bleibt Zweite.

Aber es gibt ja noch eine Möglichkeit, sich zu beweisen: Den Entscheidungswalk auf der rotierenden Platte. Leider keine Käseplatte, auch keine der Platte aus der Neubrandenburger Oststadt, sondern die wohl Schlechteste aller möglichen Platten, auf der man so stehen kann (außer man hat Höhenangst, dann ist die Neubrandenburger Platte wohl schlimmer): eine Schallplatte, die nicht einmal Musik spielt. Einiges Gestolper später steht die Top Ten. Und Theresia, der selbsternannte „Körperklaus”, muss sich verabschieden, allerdings nicht ohne vorher das Wort der Staffel geprägt zu haben.

Pinke Gelnägel, unbequeme Jeans, Thilo Sarrazin – es gibt Dinge, die lassen sich mit einem (wenn auch abgeschlossenen) Studium der Geisteswissenschaften nur schwer vereinbaren. Alle Jahre wieder der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel entgegenzufiebern, gehört mit Sicherheit dazu. Da braucht es schon gute Vorwände: Ironische Distanz vielleicht, oder eine Kolumne. Ab jetzt schreibt unsere Autorin Christine Gerhard regelmäßig über die Show. Hier geht es zu allen Beiträgen.

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