Literatur
Großes Misstrauen bei den Billers

Maxim Biller: Sechs Koffer. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2018. 207 Seiten. 19 Euro.
Maxim Biller: Sechs Koffer. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2018. 207 Seiten. 19 Euro.
Maxim Biller: Sechs Koffer. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2018. 207 Seiten. 19 Euro.

Keine Schlappschwanz-Literatur: Maxim Biller erzählt in dem famosen Werk „Sechs Koffer” (s)eine mit den Diktatur-Dramen des 20. Jahrhunderts verquickte Familien-Geschichte. Es sind Schlüsselroman-Debatten zu erwarten.

War es der einfältige Dima, der alles über die krummen Geschäfte des Vaters verraten hatte, um seinen Hintern zu retten, nachdem er bei der Flucht aus der Tschechoslowakei hops gegangen war? Oder Wladimir? Oder Lev? Hatten die skrupelfreien Älteren, beide früh in den Westen vorausverschwunden, noch Deals mit den Jugend-Kumpanen von der „Sicherheit“ laufen und also gesungen? Übersetzer Semjon, der vierte Sohn, wusste zwar Diverses, scheint aber zur Denunziation unfähig gewesen. Bei seiner kapriziösen Ex Natalia, später kapriziöse Ex von Bruder Dima, kann man sich nicht sicher sein. War sie’s?

Wer trägt Schuld an der Hinrichtung von Schmil? Schmil war das Oberhaupt der Biller-Mischpoke, als Einziger im Sowjet-Kommunismus zurückgeblieben, politisch schwer erziehbar, ein Meister in Sachen Im- und Export unterm Radar. Aufgeknüpft um 1960, während der Chruschtschow-Ära. „Aber jeder erzählt mir etwas anderes – oder gar nichts“, klagt der Ich-Berichterstatter in Maxim Billers neuem Roman „Sechs Koffer“, der von Berlins Gegenwart aus das alte Trauma der „gierigen, brutalen, sentimentalen, paranoiden Schtetlfamilie“ (Lev) aufzudröseln versucht und sich dabei immer wieder verheddert.

Parallelen zwischen den fiktiven und den realen Billers

Jener Ich ist Semjons Spross, Schmils Enkel und das Alter Ego des Autors. In vielerlei Hinsicht existieren Parallelen zwischen den fiktiven und den realen Billers. Nix Neues bei diesem Schriftsteller. Diesmal wird freilich eine nächste Dimension erreicht: Namen, russisch-jüdischer Hintergrund, Westflucht, biografische Eckdaten – identisch. Es ist absehbar, dass in der „Koffer“-Rezeption Schlüsselroman-Debatten geführt werden.

Biller legt ein famoses Stück Literatur vor. Seine Story – clever gebaut, unterhaltsam, stilistisch fein – verdient weite Wahrnehmung. Die Geschichte über das familiäre Misstrauen, all die Verdächtigungen und Kain-und-Abel-Konstellationen, über auswendig gelernte Geständnisse, verschobene Singer-Nähmaschinen, Eifersuchtsanfälle, wahre Lügen und geschwindelte Wahrheiten ist engmaschig verstrickt mit den Diktatur-Dramen des 20. Jahrhunderts und erklärt sogar ein bisschen das Durch-/Miteinander im Jetzt. Emigration, nein das sei kein Vergnügen: Überall diese „Antisemitenblicke“ und „die Sprache der Nazis“.

Das Ganze geschieht auf nur 200 Seiten. Das Biller-Ich mimt den Ahnungslosen, der sich im Rückblick sechs Protagonisten widmet und anheischig macht, eins und eins zusammenzuzählen. Unterm Strich steht nicht die Zwei. Es geht hin und her zwischen Moskau, Prag, Zürich, Hamburg, Berlin, zwischen Trauer, Witz, Krimi, Politik, Sex und Jahrzehnten.

Kein Einknicken vor dem hehren Feuilleton

Dass Maxim Biller ein an Worten, Zoten und Biestigkeit reduziertes Ermittler-Selbst am Start hat, darf nicht als Einknicken vor dem hehren Feuilleton missverstanden werden. Diese Geschichte verlangt Dichte. Das hochliterarische Deutschland hatte Billers vorangegangenen Roman, das durchgeknallte 900-Seiten-Monster „Biografie“, (zu Unrecht!) verrissen. Kraftmeierei, hieß es, Klischee, Slapstick, Papierverschwendung. Da wurden offenbar frühere Rechnungen mitbeglichen.

Der Autor verfügt über ein spezielles Talent, sich unbeliebt zu machen. So warf er vor einigen Jahren der nachrückenden Schreiber-Generation „Schlappschwanz-Literatur“ vor. Man darf gespannt sein, wie der neue Roman am 10. August beim „Literarischen Quartett“ ankommt (ZDF/22.55 Uhr). Zu dessen Kritikern zählte Maxim Biller kurzzeitig selbst. Seine Rolle: Chefzyniker. Wie auch immer das TV-Urteil ausfällt: Die Lektüre von „Sechs Koffer“ ist absolut empfehlenswert, das Biller-Buch zählt zu den Höhepunkten der Saison.

Maxim Biller: Sechs Koffer. Verlag Kiepenheuer & Witsch Köln, 2018. 207 Seiten. 19 Euro. ISBN 978 – 3 – 462 – 05086 – 8.