LITERATUR

Grandioses Roman-Monster aus dem alten England

George Eliots „Middlemarch” über zwei missratene Ehen in der englischen Provinz des 19. Jahrhunderts kommt erstaunlich modern daher. Spezialisten wählten das Werk zum bedeutendsten britischen Roman.
Roland Gutsch Roland Gutsch
George Eliot: Middlemarch. Rowohlt Verlag, Hamburg
George Eliot: Middlemarch. Rowohlt Verlag, Hamburg Rowohlt Verlag
Neubrandenburg.

Glücklicherweise war jene Mary Ann Evans (1819-1880) alles andere als eine klassische Schönheit. Sie war nicht gewinnbringend nach oben zu verheiraten und hatte also, statt sich vertraglich als Accessoire eines Gatten zu versklaven, die Gelegenheit, ihre enorme Wissbegierde zu stillen, eine Universalbildung anzuhamstern und – um wahrgenommen zu werden, unter dem männlichen Pseudonym George Eliot – zu einer erfolgreichen englischen Roman-Autorin im viktorianischen Zeitalter zu werden. Eine Schriftstellerin in Hosen, die später in wilder Ehe lebte: Diese Biografie schreit nach einer Hollywood-Verfilmung! In der Heimat wird Evans alias Eliot heute in einem Atemzug mit Dickens, Thackeray und den Brontë-Sisters genannt. – In deutschen Lese-Landen ungerechterweise nicht.

Es ist zu wünschen, dass sich daran mit Melanie Walz' eleganter Neuübersetzung von George Eliots Hauptwerk „Middlemarch“, ein Roman-Monster von gut 1200 Seiten über zwei missratene Ehen in der englischen Provinz um 1830, etwas ändert. Ein famoses Stück Weltliteratur, das in seiner Weitsicht und Komplexität eher ein Fall für die aktuelle (Google)-Generation zu sein scheint. Von Eliots Zeitgenossen fühlten sich nicht wenige überfordert.

Im Mief der fiktiven Kleinstadt

Erzählt wird die Geschichte zweier Idealisten, die im Mief der fiktiven Kleinstadt Middlemarch an ihren keck gesteckten Zielen, vor allem am Sozialgefüge ihrer Gegenwart und dem Hierarchien-System scheitern. Miss Dorothea Brooke nahm den Antrag des staubtrockenen Gelehrten Edward Casaubon an, um an seinem Wissen teilhaben zu können und geistig an ihm zu wachsen. Doch der hatte ein unterwürfiges, unkritisches Heimchen im Sinn. In Herren-Kreisen hieß es: „Von Frauen erwartet man keine ausgeprägten Ansichten.“ Und: „An einer Frau sollte ein bisschen Schnickschnack sein.“

Letztgenannte Voraussetzung brachte die reizende Bürgermeister-Tochter Rosamond mit, darum ehelichte sie der Landarztes Tertius Lydgate. Das engelsgleiche Wesen feilte freilich emsig an gesellschaftlichem Aufstieg, was ins finanzielle Desaster führte. Der Mediziner musste seine ehrgeizigen beruflichen Pläne sausen lassen.

Von Geizhälsen und gierigen Erben

Die ernüchternden Ehe-Storys sind stark bevölkert: Ob Geizhälse, gierige Erben, korrupte Kleinstadt-Politiker, coole Pfarrer, Mütter aller Betuddelungsgrade, alteingesessene Fabrikanten, Männer, nicht halb so verliebt in Frauen wie in sich selbst – es gibt reichlich Personal, das sich Eliots kluge Biestigkeit verdient. Ihr analytischer Blick zerlegt Mechanismen, die Klassen schichtet. Geldbesitz und Geldnot regeln Tun und Handeln. Eine Qualität dieser Prosa ist ihr Humor, herrlich dauer-präsent eine unterschwellige Ironie, die nicht nur Fans der Krimi-Serie „Inspector Barnaby“ schmecken dürfte. Typisch (skurril) englisch.

„Middlemarch“ bietet keine Lektüre zur Entspannung und belanglosen Unterhaltung für ein paar Tage: Der Roman beansprucht hellwache Leser einige Wochen lang. Zumal sich George Eliot Ausritte in Psychologie und Naturwissenschaften gönnt. Ausgiebig werden Nebenschauplätzen begutachtet. All das in spielerischer Art, auch in moralisierenden und gelehrsamen Phasen. Das ist ein erstaunlich modernes Erzählen. 2015 wurde das bibeldicke Werk von 82 internationalen Literaturkritikern und -wissenschaftlern zum bedeutendsten britischen Roman gewählt.

George Eliot: Middlemarch. Rowohlt Verlag, Hamburg. 1264 Seiten. 45 Euro. ISBN 978 – 3 – 498 – 04537 – 1.

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