Literatur

Die zerknitterte Liebe eines Anti-Bond

In seinem ziegeldicken Roman „Berta Isla“ erweist sich der spanische Nobelpreis-Kandidat Javier Marías als Kenner des Diffusen im Menschen. Eine entschleunigte Liebes- und Agentenstory.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Javier Marías: Berta Isla. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2019
Javier Marías: Berta Isla. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2019 S. Fischer
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Neubrandenburg.

Als Oberschülerin hat sie sich entschieden, nur ihn zu lieben, keinen anderen. Seither scheint‘s kein Zurück für die Madrilenin Berta Isla, Titelfigur im neuen Roman ihres Landsmanns Javier Marías, zu geben. Zumal, es sind die späten 1960er, Scheidungen in Spanien tabu. Später indes, als Berta durch eine bedrohliche Situation für ihr Baby klar (gemacht) wird, dass Ehemann Tomás – halb Spanier, halb Engländer, Sprach-Genie, hochbegabt als Imitator von Dialekten – ein Doppelleben führt und undercover für den britischen Geheimdienst arbeitet, kommen ihr doch Zweifel. Wer eigentlich ist der Typ neben ihr im Bett, der für Monate abtaucht und immer schwermütiger heimkehrt? Sie kennt ihn ja kaum.

Javier Marías (67), dauer-präsent auf der Kandidatenliste für den Nobelpreis, erzählt eine Geschichte aus Spaniens Umbruchphase nach der franquistischen Diktatur. An Konfliktherden und also hehren/schmutzigen Maulwurf-Missionen ist in Europa kein Mangel – Nordirland, Falkland, Ostblock.

Ein fremdbestimmtes Gespenst

Marías‘ Tomás ist ein Anti-Bond. Ein fremdbestimmtes Gespenst, das kommt und geht. Eine oberflächlich aufregende Agenten-Story um ihn herum zu bauen, vermeidet der Romancier erfolgreich. Obgleich jene MI6-Figuren, die Tomás als Oxford-Studenten erpresserisch rekrutieren, seiner literarisch umstrittenen Spionage-Trilogie „Dein Gesicht morgen“ entliehen sind.

Javier Marías konzentriert sich (glücklicherweise) auf die verschattete, seltsam zerknitterte Beziehung zwischen dem zu Verschwiegenheit verdammtem Tomás und der verstörten Ich-Erzählerin Berta. Bertas Verwirrung der Gefühle und Gedanken zur Liebe mit ihren ungeklärten Besitzverhältnissen folgt der Autor bis in die feinste Verästelung. Irgendwann verschwindet Tomás spurlos – für immer? Lohnt das Warten?

Marías weist sich einmal mehr als Kenner des Diffusen und Dilemma im Menschen aus. Verrat, Liebe, Verachtung, Hingabe, Lüge, Loyalität. Bedächtig vollzieht sich eine Fokussierung aus dem Vagen. Ausgewachsene Satz-Schlangen schmiegen sich, kaum merklich, dem Leser an, umschlingen ihn, lassen nicht mehr los. Kompositorische Tücke, Suspense-Elemente, metaphorische und historische Exkursionen machen den ziegeldicken Roman zu einer anspruchsvollen, doch keineswegs elitären Lektüre. Die lohnt!

Javier Marías: Berta Isla. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2019. 656 Seiten, 26 Euro. ISBN: 978 – 3 – 10 – 397396 – 9.