LITERATUR

Die Hackordnung im Frauen-Knast

Die Frauen in dem Roman „Ich bin ein Schicksal“ von der unbequemen US-Autorin Rachel Kushner sind auf Scheitern programmiert. Achtung, Gefangennahme des Lesers nicht auszuschließen!
Roland Gutsch Roland Gutsch
Rachel Kushner: Ich bin ein Schicksal. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019
Rachel Kushner: Ich bin ein Schicksal. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019 Rowohlt Verlag
Neubrandenburg.

Für immer im Knast. Um genau zu sein: Zwei Mal lebenslänglich. Für Romy wird nie ein Entlassungsschein ausgeschrieben. Sie hat einen knie-kaputten Vietnam-Veteran mit einem Reifenheber totgeschlagen. Effektiver lässt sich die US-Justiz nicht gegen sich aufbringen. Die Geschworenen zeigen mehr Interesse am Modell des Tatwerkzeugs als am Motiv der Täterin. Die Stripperin – für Dollar zu Sex-Handwerk bereit („Hauptsache, es widerte mich nicht an“) und Mutter eines kleinen Sohns – war von dem Mann übel bedrängt und gestalkt worden. Nun sitzt sie in der Stanville Women’s Correctional Facility. Für zwei Leben weggesperrt.

Schonungslos und doch mit Gefühl für feinste Nuancen lässt die amerikanische Autorin Rachel Kushner in ihrem neuen Roman „Ich bin ein Schicksal“ das „Ich“ Romy Hall die eigene Geschichte und von den traumatisierenden Zuständen im Frauengefängnis erzählen. In den überbelegten Zellen herrscht eine knallharte Hackordnung. Gewaltverbrecherinnen, Babymörderinnen, Cracksüchtige, Diebinnen, die „Kampflesben vom Hof C, unsere Version von Männern“ – sie alle sollen miteinander klarkommen. Vollzugsbeamte sind rücksichtslos und/oder korrupt. Die zum Tod Verurteilten gelten als Promis unter den Insassinnen. Bisweilen ploppt grundböser Rassismus auf. Die meisten Frauen sind als „nicht resozialisierbar“ abgeschrieben. Was sie verbindet: Das Gefühl, die „Arschkarte gezogen“ zu haben. „Von Geburt an gelackmeiert.“

Institutionelles Versagen

Rachel Kushner verfolgt parallel weitere Lebensläufe bis in die Anstaltsgegenwart – ihre ernüchternde Erkenntnis: Der Ami-Anspruch, jede Tellerwäscherin sei zur Millionärin geboren, ist längst eine Mär. Die Frauen, ob weiß oder schwarz, Indianerin oder Latina, kommen aus in x-ter Generation verrohten und regelbrechenden Familien. Von der Gesellschaft und den Institutionen sich selbst überlassen, auf Scheitern programmiert. Dass da ein Sozialpädagoge mit Idealen und Anteilnahme auftaucht, gibt Romy Hoffnung. Auch der verschwindet.

Der Knast-Kosmos spiegelt zugleich den Entzug der vielbeschworenen „Großen Freiheit“ in den Staaten. Kushners Kunst und Kritik vermag den Blick über die Hochsicherheitszäune. Hier ist keine Dampfplauderin mit geschmeidigen Satz-Schlangen für den Gutbürger am Werk. Diese Sprache steht zu ihrem Thema. Ungefilterter Realismus: Krass bis fäkal, karg, bildarm, unsentimental, treffsicher. Auf den Punkt. Der Roman ist dabei, ohne damit zu protzen, geschickt komponiert und nimmt seinen Leser gefangen. Nach den Erfolgen mit „Flammenwerfer“ und „Telex aus Kuba“ erweist sich Rachel Kushner, Jahrgang 1968, einmal mehr als unikale, da erfreulich unbequeme Erscheinung in der US-Literatur.

Rachel Kushner: Ich bin ein Schicksal. Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019. 400 Seiten. 24 Euro. ISBN 978 – 3 – 498 – 03580 – 8.

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