LITERATUR

Die Ehe und die Eisbären

In der auf wenige Seiten komprimierten Erzählung „Eisbären“ von Büchner-Preisträgerin Marie Luise Kaschnitz steckt ein ganzer Roman über Liebe und Lüge. Karen Mindens wunderlich/wunderbare Bleistift-Illustrationen machen die Neuausgabe zu einer Sehenswürdigkeit.
Roland Gutsch Roland Gutsch
Marie Luise Kaschnitz: Eisbären. Mit Illustrationen von Karen Minden. Kunstanstifter Verlag, Mannheim, 2019.
Marie Luise Kaschnitz: Eisbären. Mit Illustrationen von Karen Minden. Kunstanstifter Verlag, Mannheim, 2019. Kunstanstifter Verlag
Neubrandenburg.

Eine Viertelstunde, vielleicht 20 Minuten. Mehr an netto Lesezeit erfordert Marie Luise Kaschnitz‘ Erzählung „Eisbären“ nicht. Die anschließende Grübelphase währt länger: Büchner-Preisträgerin Kaschnitz (1901-1974) wird ihrem Ruf als Meisterin nachhaltiger Kürzestprosa gerecht. Die gerade erschienene „Eisbären“-Neuausgabe lässt einen gar nicht mehr los, das liegt an den wunderlich/wunderbaren Bleistift-Illustrationen von Karen Minden. Das schmale Buch will immer wieder in die Hand genommen, durchblättert, angeschaut werden.

„Ich habe Walter gern gehabt, aber ich habe ihn nicht aus Liebe geheiratet, sondern weil ich nicht allein bleiben wollte“, beichtet eine Frau in Kaschnitz‘ Short Story aus den 1960er-Jahren. Die Protagonistin lernte ihren Mann am Eisbären-Gehege eines Zoos kennen. Ein Zufall, denn eigentlich wartete sie auf einen anderen. Der kam nicht. Dem Lückenbüßer verschwieg sie die Umstände ihres ersten Zusammentreffens, zumal allmählich eine Liebe zu ihm wuchs. Doch Walter wusste Bescheid – ihm war klar, dass nicht er ersehnt wurde, wenn seine Frau in der Anfangszeit der Ehe den Kopf im Eisbären-Stil nach rechts und nach links wendete, um Ausschau nach jenem zu halten, dem ihr Herz gehörte.

Expertin für kalte Kriege in Paar-Beziehungen

Liebe und Lüge, kalte Kriege und Dreh-Momente in Paar-Beziehungen: Bei diesen Themen offenbarte Marie Luise Kaschnitz ihr ganzes literarisches Expertentum. Mit hoher Begabung für Andeutung und Auslassung wird in einer ruhigen, unverschnörkelten Sprache menschlichen Leidenschaften und Verwicklungen eine Bühne gebaut. Im Hintergrund dieser wenigen Seiten läuft eine komplette Roman-Handlung.

Karen Minden (30) setzt mit Augen und Hirn reizenden Illustrationen psychologische Akzente. Ihre dramatisch-expressiven Zeichnungen unterstützen die Atmosphäre der Geschichte und transportieren den „Eisbären“-Text in die Gegenwart. Da findet ein kreatives Spiel der Schablonen und Abstraktionen statt. Auf ihre merkwürdige bis verschrobene Weise poiniert Minden die poetische Eigenart des Textes. Hochmodern, virtuos und fein ist, was die junge Künstlerin dem alten (und vermeintlich simplen) Bleistift-Gerät entlockt. Sie macht den Leser zum Betrachter und zieht ihn noch tiefer in die „Eisbären“-Erzählung hinein.

Marie Luise Kaschnitz: Eisbären. Mit Illustrationen von Karen Minden. Kunstanstifter Verlag, Mannheim, 2019. 64 Seiten, 22 Euro. ISBN 978 – 3 – 942795 – 82 – 1.

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