GROßE LITERATUR MIT WENIGEN WORTEN

Das Gesamtwerk von Kjell Askildsen

Der Norweger Kjell Askildsen musste 90 werden, um mit seinem bemerkenswerten Werk beim deutschsprachigen Leser anzukommen. Eine Entdeckung!
Kjell Askildsen: Das Gesamtwerk. Luchterhand Literaturverlag, München, 2019.
Kjell Askildsen: Das Gesamtwerk. Luchterhand Literaturverlag, München, 2019. Luchterhand Literaturverlag
Neubrandenburg.

„Ich hätte nichts dagegen, ein bisschen taub zu sein”, sagt einer von Askildsen Trauerklößen. Ein anderer meint: „Man lernt, solange man lebt, wozu auch immer das gut sein soll, so kurz bevor man sterben muss.” Noch einer wünscht sich, wenigstens „eine Hoffnung zu haben, die ich aufgeben kann”.

Ein nächster äußert: „Gräber sind dummes Zeug.” Und ein weiterer charakterisiert seinen Schöpfer gleich mit: „Ich bin ein wortkarger Mann, doch gelegentlich führe ich Selbstgespräche. Dann sage ich Dinge, von denen ich finde, sie müssen gesagt werden.”

Präge-Sätze von Kjell Askildsen, dem lakonischen Norweger. Der gilt in der Heimat als Schriftsteller-Ikone, der „Beckett des Nordens”, und musste 90 Jahre alt werden, um beim deutschsprachigen Leser richtig anzukommen. Nunmehr ist sein Gesamtwerk auch hier zugänglich. Das umfasst lediglich 1000 Seiten, hat es aber in sich. Eine echte Entdeckung!

Odyssee durch Osloer Kneipen

In den wenigen Romanen und vielen Erzählungen sind gern Männer, die ungern reden, auf Odysseen durch Osloer Kneipen. Vergrübelte Außenseiter, Selbstquäler, einsame Schweiger, extrem verletzlich. Innerlich in Aufruhr von Bindungsproblemen, Eifersucht, Sex-Nöten, Angst vor Nähe.

Den Debüt-Band „Jetzt bringe ich dich immer bis nach Hause” (1953) verbrannte Askildsens frommer Vater nach der Lektüre – als „zu porno” geraten empfand er jene Aufmüpfigkeit gegen Sündendenken. Vor allem in den früheren Werken darf es durchaus politisch werden. In den 1970ern nimmt der Autor dezidiert linke Positionen ein. Da finden sich seine nervlich angeknockten Misanthropen auf Demos für Frauen-Emanzipation, gegen Krieg, Neonazis und das, was man für einen Polizeistaat hält, wieder. Wer Askildsen liest, bekommt Zweifel an Wohlfühl-Statistiken: Norwegens hochgelobtes Sozialsystem scheint keine Glücksgarantien zu geben.

Griesgrame auf Sinnsuche

Was lässt die Protagonisten verzagen? In der Erzählung „Carl Lange” (1983) gerät ein Mann zu Unrecht in den Kreis der Verdächtigen einer Vergewaltigung. Das stürzt ihn in eine tiefe Krise: „Wer bin ich?”

Kjell Askildsens psychologische Studien benötigen nicht viele Worte, kaum Kulisse und Requisiten. Manuskript-Text zu streichen mache ihn froh, sagt er. Alles Überflüssige müsse weg. Da bleiben nicht einmal Spurenelemente eines Narzissmus. Auf wenigen Seiten erzeugt dieser Modernist auf vorgeblich kühle Art aufgeladene Atmosphären mit enormer Sogwirkung.

Was Alt-Sein bedeutet, fragt Askildsen (naturgemäß) in jüngeren Arbeiten. Wenig Gutes, antworten seine greisen Griesgrame, die ihre Restzeit mit der Suche nach dem Sinn ihrer Existenzen zubringen. Sterbehilfe ist ein Thema.

Dass es bei all dem selten deprimierend zugeht, bisweilen ein Witz durchsticht, gehört zu dem Speziellen dieser Prosa. Wer von Skandinaviens Autoren, die uns tonnenweise Hirnweichmacher in Krimi-Form herunterschicken, genug hat, dem sei Kjell Askildsen ans Herz gelegt.

Kjell Askildsen: Das Gesamtwerk.
Zwei Bände.
Luchterhand Literaturverlag, München, 2019.
1056 Seiten.
48 Euro.
ISBN 978 – 3 – 630 – 87588 – 0.

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