LITERATUR

Bunin-Storys: Schuld ohne Sühne

Inmitten heißester politischer Umbrüche schrieb der russische Großautor Iwan Bunin einige seiner stärksten Zarenzeit-Geschichten. Zum Beispiel: „Leichter Atem”, Titelstory eines nun aufgelegten Erzählbandes.
Iwan Bunin: Leichter Atem. Dörlemann Verlag, Zürich, 2020
Iwan Bunin: Leichter Atem. Dörlemann Verlag, Zürich, 2020 Dörlemann Verlag
Neubrandenburg.

Es ist ein Paradoxon der Literaturgeschichte: Inmitten heißester politischer Umbrüche schrieb Iwan Bunin (1870-1953) – bekannt als kritischer Intellektueller, ein sich einmischender Autor – einige seiner markantesten Erzählungen, die thematisch den Ersten Weltkrieg, die Oktoberrevolution und den Bürgerkrieg allenfalls diskret streifen. Zarenzeit-Prosa. „Leichter Atem“, der neunte Band einer deutschsprachigen Werkausgabe, vereint die bemerkenswerten Bunin-Texte aus den Jahren 1916 bis 1919. Es handelt sich um die letzten in der Heimat verfassten Geschichten des Russen. Der verfluchte die Bolschewiki, floh ins Paris-Exil, kehrte nie zurück. 1933 erhielt Iwan Bunin als erster russischsprachiger Schriftsteller den Nobelpreis.

Ein literarisches Markenzeichen: Die Titel-Story „Leichter Atem“. Ein Kunstwerk von Melancholie, Beschwingtheit und Tragödie auf knappstem Schreibraum. Protagonistin ist die Gymnasiastin Olga, die als mutwillig, frühreif und provozierend gilt. Sie wird von einem Freund ihres Vaters verführt und in einem dramatischen Finale erschossen. Kein Stück geschwätzig, stilistisch fein nähert sich der Erzähler dem widersprüchlichen Wesen des Mädchens.

Sensibler Seelenkundler

Fatal endet auch die Erzählung „Der Sohn“, in der die Frau eines Kolonialbeamten in Algerien in eine Affäre mit einem schwärmerischen 19-Jährigen schlittert und nur einen Ausweg weiß: Suizid. Bunin erweist sich erneut als sensibler Seelenkundler und darf als solcher durchaus Russlands Klassikern à la Tolstoi und Tschechow zugerechnet werden. Seine Stücke sind raffiniert komponiert, überaus suggestiv.

Und: Gevatter Tod hält sich verhängnisvoll gern in der Nähe auf. In „Der Landmann“ lautet die sarkastische Figurenrede: „Man spannt den Hahn, steckt den Revolver tief in den Mund – und diese Angelegenheiten, Gedanken und Gefühle zerstieben in alle Winde, zum Teufel damit!“

Hund wird zum Alkoholiker

Es ist die große und die stille Tragik seiner Helden, die den manisch reisenden Bunin interessieren. Ob die vorgeblich bessere Gesellschaft in Westeuropa oder in der Heimat die Prostituierten im Papirossa-Nebel von Spelunken, die Herumtreiber in der Überreiztheit ungesund boomender Städte wie Moskau, Sankt Petersburg und Odessa, ob als Chronist letzter Landadel-Atemzüge oder des vermeintlich Nichterzählenswerten bäurischer Existenz – Bunins Wahrnehmung von Schicksalhaftem, innerer Unruhe, (ungesühnter) Schuld und dem Selbstquälerischen kennt keine Klassenschranken. Diese gute Art von Gleichmacherei verschafft intensive Lese-Erlebnisse. Der Autor verdient, wiederentdeckt zu werden.

Zu den herausragenden der 18 Erzählungen des Bandes, von denen acht erstmals auf Deutsch vorliegen, gehört „Changs Träume“. Ein Seemann, von der Liebsten hinters Licht geführt, veranstaltet eine Sinnsuche mit viel Wodka. Das Spezielle: Wie das Herrchen wird auch der Hund des Ex-Kapitäns zum Alkoholiker und Gemütskranken.

Iwan Bunin: Leichter Atem. Dörlemann Verlag, Zürich, 2020. 288 Seiten, 25 Euro, ISBN 978 – 3 – 03820 – 073 – 4.

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