GNTM-Kolumne
50 Models im Lichtkreis von Heidis Weisheit

Als Gastjurorin war diesmal Lena Gercke dabei.
Als Gastjurorin war diesmal Lena Gercke dabei.
Pro Sieben

Wer wird Germany's Next Topmodel? Zum Auftakt gab es ein Festmahl, Kleider wie Suppendosen und tiefgründige Weisheiten der großen Heidi Klum. War mit viel ironischer Distanz dabei: Unsere Kolumne.

Wenn ich an Germany's Next Topmodel denke, denke ich an als Fotoshootings getarnte Nahtoderfahrungen, an Heidi Klums teuflisches „Sei doch mal fröhlich”, während „ihre Mädchen” von einem dreißigstöckigen Wohnhaus hängen (unmöglich aber auch, wie kann man sich nur so hängen lassen?). Ich denke an Aschenputtelschuhe, die nie passen, so als warteten sie im angeblichen „Märchen tausender Mädchen” vergeblich auf das wahre nächste Topmodel. Ich denke an Zickenkrieg in der Jury, mobbende Fotografen, Bauchmuskeltraining – kurzum: an einen Albtraum.

Trotzdem haben sich auch für die vierzehnte Staffel wieder genug junge, hübsche Mädchen und Frauen beworben, um 16 Folgen „Hunger Games” zu füllen. Sie sind mit Germany's Next Topmodel aufgewachsen und trotzdem zieht sie der Traum vom Modeln in ihren Bann. Warum? Was reizt diese Mädchen am Modelleben? Wonach suchen sie, wenn nicht nach passenden Pumps? Das herauszufinden reicht mir als Ausrede, die Show auch in diesem Jahr wieder genüsslich zu verfolgen.

Für viele der Mädchen und alle begeisterten Anhänger des GNTM-Bingos ist es ein erfolgreicher Abend: Das Minderheitenquartett, oder „Diversity”, wie Anglizismen-Heidi es nennt, ist schon nach der zweiten Werbepause abgehakt. Und zwar mit Achselhaaren, Transgendern, einem lesbischen Paar und natürlich vielen lustigen Akzenten (diesmal sogar einem schwedischen, der enttäuschend wenig wie in der Ikea-Werbung klingt).

Das Beste aus 13 Jahren Germany's Next Topmodel und noch mehr: Eine Inderin, noch dazu gläubige Hinduistin, das ist neu im Repertoire, verkündet Heidi stolz. Nachdem die rockige, bisexuelle Bayerin sich weigert, im Dirndl aufzutreten, sorgt die mit ihrem Sari dafür, neben dem Exotik- auch das Folklorebarometer oben zu halten. Weil die Asiatin fehlt, erscheint Heidi vorsichtshalber dann noch im Kimono zum Abendessen.

Ein Festmahl? Das muss die erste Challenge sein!

Ein Festmahl ist wohl auch nicht das Erste, was man mit dem Modelberuf in Verbindung bringt und so wittern die Mädchen beim Anblick des Banketts, „da wo” sie mit Heidi schlemmen sollen, berechtigterweise eine Falle. „Ob wir das echt essen sollen? Oder ob das nur Deko ist?” Eine Kandidatin glaubt, den Braten zu riechen: „Das ist bestimmt die erste Challenge! Wer was anfasst fliegt raus!”

Weit gefehlt, in der modernen Modewelt darf man heute offenbar nicht nur tätowiert, kurvig und schief gebaut sein, sondern auch essen. Oder jedenfalls wollen uns das Heidi und der Sender gerne glauben machen.

Nach ein wenig Plauderei und Esserei werden die Topmodelanwärterinnen am Tisch dann aber durch Schaufensterpuppen ersetzt (wie symbolisch) und das leckere Bankett wird, um im Slang zu bleiben, downgegradet zu einem Catwalk. Darauf servieren, äh präsentieren, sich die 50 Mädchen vor Heidi. Eigentlich ein gefundenes Fressen, aber in der ersten Sendung ist Heidi Klum noch zahm, aber gleichwohl anspruchsvoll.

Kleidung wie unetikettierte Suppendosen

Denn die Möglichkeit, in den Modeolymp aufzusteigen, ist natürlich nicht gratis: Jetzt fordert Heidi von den Kandidatinnen „Aussehen und Personality”, Doppelbelastung im Modealltag also. Und das alles bitte noch mit „echter Natürlichkeit”, die Modelmatriarchin und Meisterin des Pleonasmus ist da streng. Gut möglich, dass manch eine sich beworben hat, um in den Lichtkreis von Heidis Weisheit einzutreten: „Jeder Moment ist einzigartig”, philosophiert sie. „Es gibt keine Wiederholungen.”

Weitere mögliche Gründe: Germany's Next Topmodel verspricht im harten Konkurrenzkampf unserer Zeit schnelle und einfache Selbstoptimierung: „Wenn wir noch ein bisschen am Ausdruck und am Gesicht arbeiten, dann kann sie ein echt tolles Mädchen werden”, so der Plan der Gastjurorin Lena mit einem Schützling. Bei Sophia ist die Baustelle weniger das Gesicht als vielmehr die Lage ihrer Schultern. Wenn das wirklich die „großen Probleme” eines Models sind, dann erklären sich die Bewerbungen ja von selbst.

Echte Designerkleider zu tragen, das scheint darüber hinaus für viele bei der ersten Modenschau in einer Berliner U-Bahn-Station der Ansporn. Und so stehen sie schließlich vor Heidi, in unetikettierte Suppendosen mit einem Rock aus all dem Lametta, das früher mehr war, und der an den Stellen offen ist, die zu bedecken er erfunden worden ist.

In dieser GNTM-Staffen gibt es übrigens auch eine Teilnehmerin aus Malchow: Celine Hamann. Leider kam sie zumindest in der Auftaktepisode nur als Statistin vor.

Pinke Gelnägel, unbequeme Jeans, Thilo Sarrazin – es gibt Dinge, die lassen sich mit einem (wenn auch abgeschlossenen) Studium der Geisteswissenschaften nur schwer vereinbaren. Alle Jahre wieder der neuen Staffel von Germany's Next Topmodel entgegenzufiebern, gehört mit Sicherheit dazu. Da braucht es schon gute Vorwände: Ironische Distanz vielleicht, oder eine Kolumne. Ab jetzt schreibt unsere Autorin Christine Gerhard regelmäßig über die Show. Hier geht es zu allen Beiträgen.