Bunter Protest am 8. Mai

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Mit Gedichten gegen Nazi-Hass in Demmin

Mit einer Stafetten-Lesung protestierten die Grünen gegen die Umdeutung des Kriegsendes durch die Neonazis.
Mit einer Stafetten-Lesung protestierten die Grünen gegen die Umdeutung des Kriegsendes durch die Neonazis.
Birger Schütz

Viel Polizei, Konfetti-Regen, Gedichte und auch Feuerwerk: Mit großer Beteiligung setzten in Demmin Menschen ein Zeichen gegen die rechtsextreme NPD, die am 8. Mai wieder ihren „Trauerzug“ hielt.

„Seid nicht stolz auf Orden und Geklunker! Seid nicht stolz auf Narben und die Zeit!” Diese Zeilen aus einem bekannten Antikriegsgedicht von Kurt Tucholsky erklangen am Dienstag Stand der Grünen, als der sogenannte Trauermarsch der NPD in Sichtweite des Luisentors ankam.

+++ Live-Ticker aus Demmin zum Nachlesen. +++

Für die Aktion sind etwa 25 Parteimitglieder aus Städten wie Neustrelitz, Schwerin, Torgelow und Greifswald in die Hansestadt gekommen. Die Idee zu der sogenannte Stafetten-Lesung, mit der die Grünen auch für Demokratie werben, stammt von Sonja Suntrup. „Wir wollen den Frieden feiern und den Rechten unsere Texte entgegenschleudern!“ Dies sei wichtig, weil die Teilnehmer des Nazi-Aufmarsches das Kriegsende umdeuten wollten, erklärte die Deutschlehrerin, die auch den Großteil der Texte ausgewählt hatte.

Fehlende Kennzeichnung der Polizei kritisiert

Vorgelesen werden kurze Texte und Gedichte von Autoren wie Bertha von Suttner, Konstantin Wecker oder Astrid Lindgren, die allesamt um das Thema Frieden kreisen. „Wir wollten nicht nur eine klassische Mahnwache mit Transparenten abhalten“, erklärt Veranstaltungsleiter Falk Jagszent. „Und eine Verbindung mit Literatur fanden wir eine kreative Idee.“

Am Tag nach den Demonstrationen lobte die Landesvorsitzende der Grünen, Claudia Schulz, zwar ausdrücklich das besonnene Vorgehen der Polizei. Allerdings habe diese sich nicht durchgängig an die Kennzeichnungspflicht gehalten.

Sie forderte daher den Innenminister auf, nochmal deutlich zu machen, dass die Kennzeichnungspflicht eine obligatorische Maßnahme ist, um eine friedliche und vielfältige Demonstrationskultur beizubehalten. Dies sei gerade für die Einsatzkräfte wichtig, denn Transparenz und Nachvollziehbarkeit seien der beste Schutz für die Polizistinnen und Polizisten.

„Trauer am Arsch. Tag der Befreiung feiern.”

Auch beim Stadtspaziergang, dem sich laut Polizeiangaben etwa 900 Teilnehmer des Friedensfestes angeschlossen hatten, wurde gegen die NPD protestiert. Auf einem der größten Banner, die dabei mitgeführt wurden, stand: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“. Auf einem anderen war zu lesen: „Trauer am Arsch. Tag der Befreiung feiern.”

Bewegende Rede von Lilo Schlösser

An mehreren Stellen der Route, die vom Hafen zum Marienhain über die Treptower auf die Clara-Zetkin-Straße und zurück zum Hafen führte, stoppte der Stadtspaziergang für Redebeiträge. Der bewegendste kam dabei von Lilo Schlösser. Als die Demminer Künstlerin am Marienhain zum Mikrofon des Lautsprecherwagens griff, ertönten von weiter her noch lautstark „Alerta antifascista“-Rufe. Dann folgte einer der stillsten Momente des Spaziergangs. „Ich stehe hier für meinen verstorbenen Mann Karl Schlösser“, sagte sie.

Der habe das Inferno des brennenden Demmins selbst erlebt. Lilo Schlösser fragte, welches Recht die Neonazis hätten für ihren Trauermarsch, waren es doch die Führungskräfte der Nationalsozialisten, die die Brücken sprengten und die Demminer ihrem Schicksal überließen. Dann verlas sie eine Rede ihres Mannes. An anderer Stelle gedachte Herma Ebinger vom „Aktionsbündnis 8. Mai“ Demminer Juden, die in Konzentrationslagern zu Tode kamen.

Bunte Masse gegen den Aufmarsch

Gegen 19.30 Uhr setzte sich am Stadion der Zug der NPD in Bewegung mit nach Schätzung der Polizei etwa 180 Teilnehmern. Eskortiert von Polizeiketten zogen sie Richtung Hafen, ohne Fackeln, die boten sie laut einem Sprecher in diesem Jahr nicht an, und auch ohne als Flüchtlinge verkleidete Teilnehmer.

Immer wieder wurde der Zug empfangen von Gegendemonstranten mit lautstarken Rufen, Seifenblasen, Konfetti-Regen und Feuerwerk. Schon am Beginn der Zetkinstraße musste der Zug eine Sitzblockade umgehen, am Geselliusplatz, am Luisentor, am Markt, in der Heilgeiststraße übertönten Gegendemonstranten lautstark die Trauermusik der NPD.

Zu Zusammenstößen kam es dabei, soweit bisher bekannt, nicht. Die Polizei hatte zuvor Absperrungen aufgebaut und trennte damit beide Seiten. Insgesamt verliefen die verschiedenen Veranstaltungen nach ersten Informationen friedlich. Größere Probleme habe es nicht gegeben, sagte eine Polizeisprecherin.

Weitere Informationen zum 8. Mai 2018 in Demmin:

Die NPD nutzt seit mehreren Jahren jeden 8. Mai für ihre Propaganda und erinnert mit einem Zug durch Demmin an einen Massenselbstmord in der Stadt zum Kriegsende 1945. Demokratische Kräfte wehren sich gegen die Vereinnahmung der tragischen Ereignisse durch die Rechten.

Kommentare (4)

wie dumm kann Ablehnung, inh. falsche Wiedergabe historischer fakten, Missbrauch v. Tatsachenverdrehung sein, kombiniert mit der so genannten ,,Pressefreiheit,, und ,,Mainstream,, - - - - wer hat in D nach der Wiedervereinigung den größeren politischen, wirtschaftlichen wie sozialen Schaden angerichtet? - - - - - - - - - das waren keine Nationalsozialisten

Man entzieht Rechten das Recht auf einen Trauermarsch, der bis jetzt immer von denen friedlich durch geführt wird. Und das sogenannte Friedensfest wird gefeiert. Ich meine, wer das will soll es, jeder wie er/sie es sieht. Auch wenn viele nur wegen dem Fischfilet kamen. Aber das gerade Grüne hier auf Moral machen ist auch ein Hohn. Denn gerade sie unterstützen die Politik bei der Flüchtlinge heute schlecht da stehen. Denn dadurch das man Missbrauch fördert und jeden "Glücksritter" hier rein lässt, der aber nicht wirklich verfolgt wird, erkennt man die, die wirklich aus Not herkommen nicht als diese gesehen werden. Und zu Herrn Tucholsky. Mal sein Zitat, das er gegen seine Widersacher des Pazifismus ebtgegenbrachte: "Möge das Gas in die Spielstuben eurer Kinder schleichen. Mögen sie langsam umsinken, die Püppchen. Ich wünsche der Frau des Kirchenrats und des Chefredakteurs und der Mutter des Bildhauers und der Schwester des Bankiers, daß sie einen bitteren qualvollen Tod finden, alle zusammen." Die Weltbühne vom 26.7.1927

ist im Krieg ein übliches Vorgehen, um den Vormarsch des Gegners zu verlangsamen. Laut der Haager Landkriegsordung ist es nicht verboten. Es rechtfertigt weder Vergewaltigung noch Raub noch das Niederbrennen einer wehrlosen Stadt.

muss die "Nazis" beschützen." Der Regisseur Martin Farkas in seinem Dokumentarfilm "Überleben in Demmin" erklärend gegenüber einer ortsfremden Frau. Treffender kann man es nicht beschreiben.