CORONA-PANDEMIE

Mysteriöse Kinderkrankheit ist in Deutschland angekommen

Seit Wochen hält eine schwere Kindererkrankung die Welt in Atem. Sie trat vermehrt in den USA und Großbritannien auf. Mittlerweile gibt es auch in Deutschland erste Fälle.
In den USA, Italien und England kam es zuletzt vermehrt zu einer schweren Erkrankung von Kindern, die wohl im Zusammenhang mit
In den USA, Italien und England kam es zuletzt vermehrt zu einer schweren Erkrankung von Kindern, die wohl im Zusammenhang mit Corona steht. Nun gibt es die ersten Fälle in Deutschland. Foto: Felix Kästle Felix Kästle
Berlin.

Die Kinderkrankheit, die in den vergangenen Wochen vor allem in den USA, Großbritannien, Italien und Spanien auftauchte, ist nun wohl auch in Deutschland angekommen. Dies geht aus Daten eines neu eingeführten Melderegisters der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) zu stationär behandelten Kindern Jugendlichen mit Corona-Infektionen hervor.

Insgesamt 128 Kinder und Jugendliche erkrankt – Dunkelziffer wohl höher

Laut einer Stellungnahme der Fachgesellschaft zeigten bisher zwei Kinder in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung Symptome des sogenannten Kawasaki-Syndroms, einer fieberhaften Entzündung der Blutgefäße.

Insgesamt wurden bislang 128 Kinder und Jugendliche mit schweren Erkrankungsverläufen gemeldet, 17 davon mussten intensivmedizinisch betreut werden. Da es sich um ein freiwilliges Melderegister handelt, das erst vor Kurzem eingeführt wurde, dürfte die Dunkelziffer höher liegen.

Es gibt keine Labortests für Kawasaki

„Es gibt wahrscheinlich einzelne Fälle in Deutschland, aber es gibt keine offensichtliche Häufung von Fällen, wie sie zum Beispiel aus Italien und England berichtet werden”, sagte der DGPI-Vorstandsvorsitzende Johannes Hübner dem Nordkurier. Zwar sei noch nicht viel über die neue Kinderkrankheit bekannt, aber es könnte sich um eine Verlaufsform des Kawasaki-Syndroms handeln. „Diese Krankheit tritt häufiger in asiatischen Ländern auf, aber auch bei uns gibt es jährlich zwischen 300 und 500 Fälle”, so der Münchner Infektiologe.

Sie werde vermutlich durch Bakterien oder eine Virusinfektion ausgelöst, Folge der Erkrankung sei unter anderem eine Überreaktion des Immunsystems. Es komme zu Gefäßentzündungen im ganzen Körper. Da es keine Labortests für Kawasaki gibt und die Krankheit anhand verschiedener Symptome diagnostiziert wird, tappen Ärzte seit Jahren im Dunkeln: „Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob diese neue Erkrankung etwas mit dem Kawasaki-Syndrom zu tun hat”, sagte Hübner. Es bestehe aber die Möglichkeit, dass auch Covid-19 die Krankheit auslösen könne. In den vergangenen Wochen haben klinische Studien gezeigt, dass ähnliche Entzündungsreaktionen auch bei schweren Covid-19-Verläufen in Erwachsenen vorkommen.

30-fache Zunahme der Krankheit in Italien

Amerikanische Ärzte hatten zuletzt betont, dass sie nicht davon ausgehen, dass es sich bei der Kinderkrankheit um das Kawasaki-Syndrom handelt. Zwar würden beide Erkrankungen „zu Entzündungen im Körper führen und das Herz angreifen”, sagte Steven Kernie, Chef der Kinder-Intensivstation am Krankenhaus der Columbia University in New York City, der New York Times. Doch das neue Syndrom führe bei vielen betroffenen Kindern zu einem toxischen Schock, in dem das Blut nicht mehr genug Sauerstoff und Nährstoffe in die Organe transportieren könne. Kernie geht davon aus, dass die Erkrankung eine Folge von Covid-19 sein könnte, die in Kindern auftrete, da deren Immunsystem noch nicht voll ausgebildet sei.

Auch italienische Ärzte heben die Unterschiede zwischen dem Kawasaki-Syndrom und der neuen Kinderkrankheit hervor. In Italien gab es zuletzt eine deutliche Häufung an Fällen der mysteriösen Erkrankung. Eine Untersuchung, die im medizinischen Fachblatt „The Lancet” veröffentlicht wurde, zeigte in einem Krankenhaus eine laut den Autoren 30-fache Zunahme der Kindererkrankungen mit Kawasaki-ähnlichen Symptomen. Die Klinik in Bergamo, dem Epizentrum der italienischen Corona-Krise, zählte in den vergangenen fünf Jahren 19 Kinder mit diesen Symptomen.

Keine „mysteriöse Krankheit”

Alleine zwischen Februar und April 2020 kamen zehn weitere hinzu. Acht davon wurden positiv auf das Coronavirus getestet. Gleichzeitig zeigten alle zehn Kinder schwerwiegendere Symptome als die, die in den fünf Jahren zuvor eingeliefert wurden: sechs Mal kam es zu Herzkomplikationen, fünf Kinder hatten Anzeichen eines toxischen Schocksyndroms. Zudem waren die Kinder, die jüngst mit Kawasaki-ähnlichen Symptomen ins Krankenhaus kamen, im Durchschnitt älter als die 19 Kinder aus den Vorjahren.

Sven Armbrust, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg, widerspricht: „Es handelt sich mitnichten um eine unbekannte oder mysteriöse Kinderkrankheit, sondern um das Kawasaki-Syndrom”. Allerdings seien hier die Verläufe „atypisch, dahingehend, dass die neuen Fälle auch jenseits des 5. Lebensjahres auftreten und im Verlauf schwerer sind”.

Eltern sollen sich keine Sorgen machen

Laut Armbrust gibt es bundesweit derzeit zehn Fälle der Kinderkrankheit. Dabei seien viele Fragen ungeklärt, zudem sei nicht bestätigt, ob es überhaupt einen direkten Zusammenhang zum Coronavirus gibt. Dennoch sollten Eltern sich nicht sorgen, denn diese Krankheit beträfe nur einen Bruchteil der Kinder auf, die sich mit dem Coronavirus ansteckten.

Auch der Kinder-Infektiologe Johannes Hübner ruft Eltern trotz der unklaren Lage zu Besonnenheit auf. „Es gibt keinen Grund zur Beunruhigung. Kinder sind sehr selten von Covid-19 betroffen, und wenn, dann meistens sehr mild”, so Hübner. Selbst innerhalb der kleinen Gruppe von schwerer betroffenen Kindern sei die Zahl derer, die Kawasaki-ähnliche Symptome zeigten, wiederum sehr klein. „Kinderkliniken und Ärzte kennen die Erkrankung. Wenn ein Kind Symptome zeigt, sollten Eltern einen Kinderarzt oder eine Kinderklinik aufsuchen”.

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