KURIOSER NEUBAU

Autobahn geht fast durchs Wohnzimmer

In Deutschland stören sich Bürger an einem Kilometer Abstand zu Windrädern. In der ägyptischen Hauptstadt Kairo sind es nur ein paar Zentimeter bis zur Autobahn.
Einige Balkone sind ein paar Meter von der Autobahn entfernt.
Einige Balkone sind ein paar Meter von der Autobahn entfernt. Hassan Mohamed
Andere wiederum nur wenige Zentimeter.
Andere wiederum nur wenige Zentimeter. Hassan Mohamed
Kairo.

Ein Autobahn-Neubau in Giseh nahe der ägyptischen Hauptstadt Kairo sorgt weltweit für Aufsehen. Die Fahrbahn reicht in einem Abschnitt nämlich bis auf wenige Zentimeter an mehrere angrenzende Wohngebäude heran – so nah sogar, dass Einwohner von ihren Balkons im dritten Stock auf die neue Schnellstraße, die „Teraet Al-Zomor Bridge” heißen soll, klettern könnten. Wenn die Brücke im Laufe des Jahres fertiggestellt ist, wird sie zwölf Kilometer lang und bis zu 65 Metern breit sein.

In sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter spotten Nutzer bereits über die offenbar miserable Planung der zuständigen Baufirma. Es machen Witze die Runde über Berufspendler, die Busfahrer bitten, sie an ihrem Balkon abzusetzen. Andere scherzen, dass sie nun direkt im Wohnzimmer parken oder Maut vom Balkon aus erheben könnten. Die Kommentatoren werden dabei durchaus kreativ: Eine Fotomontage zeigt die neue Brücke und dazu zwei Ermittler vor einer Leiche. Einer der Ermittler sagt, der Getötete sei im Schlaf von einem Auto erfasst worden.

Wohnhäuser sollen abgerissen werden

Nach offiziellen Angaben liegen nur 50 Zentimeter zwischen den Fassaden und der Brücke, über die schon im Laufe dieses Jahres der ägyptische Großstadtverkehr brausen soll. Die Straßen in Kairo und Giseh sind meist hoffnungslos verstopft. Nach Angaben der malaysischen Tageszeitung „New Straits Times” sollen täglich 750.000 Fahrzeuge die Brücke passieren.

Doch wer glaubt, dass die Anwohner damit schon genug leiden müssten, hat sich geirrt. Denn das ägyptische Wohnungsbau-Ministerium will nun einige Gebäude, die sehr nah an der Hochstraße liegen, abreißen lassen. Wie die saudische Tageszeitung „Arab News” berichtet, sind nach Ansicht der Behörde einige Häuser illegal erbaut worden. In Ägypten blüht das Geschäft mit illegalen Bauprojekten, weil Behörden die nötigen Genehmigungen oft nur sehr langsam oder nach hohen Schmiergeldzahlungen vergeben. Vier Objekte sind laut Arab News betroffen, eine Anordnung zum Abriss sei bereits ausgestellt worden.

Gebäude laut Anwohnern legal erbaut

Aufatmen können dagegen die Anwohner der offiziell lizensierten Bauten. Der Vorsitzende der ägyptischen Baubehörde, Mahmud Nassar, kündigte eine Zählung aller brücken-nahen Gebäude an. Es stehe ein Betrag von umgerechnet 14,6 Millionen Euro zur Verfügung, um deren Bewohner zu entschädigen. Das gelte allerdings nur für Bewohner von legal gebauten Wohnhäusern.

Anwohner beteuerten im Interview mit einem örtlichen TV-Sender, ihre Häuser seien legal gebaut worden. Und durch die bevorstehende vier- bis sechsspurige Schnellstraße drohten jetzt Lärm, starke Abgase und sogar Autounfälle vor dem eigenen Balkon. Auch die Wasser- und Stromversorgung werde seit Baubeginn immer wieder unterbrochen. Ein Anwohner sagte: „Wenn ein Auto an mir vorbei fährt, kann der Fahrer auf dem Balkon mit mir Tee trinken.”

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