MUSEUM IN PEENEMÜNDE

Ausstellung auf Usedom zerlegt den Mythos vom „guten Nazi“

Albert Speer war Hitlers Architekt und Rüstungsminister. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt er für viele Deutsche als der „gute Nazi“. Der reumütige Zeitzeuge, der von den Konzentrationslagern angeblich nichts wusste.
Die Ausstellung zu Albert Speer in Peenemünde setzt sich mit dem Mythos des „guten Nazis” auseinander.
Die Ausstellung zu Albert Speer in Peenemünde setzt sich mit dem Mythos des „guten Nazis” auseinander. Dajana Richter
„Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit der deutschen Vergangenheit“ ist bis zum 30. August zu sehen.
„Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit der deutschen Vergangenheit“ ist bis zum 30. August zu sehen. Dajana Richter
Mit seinen erfolgreichen Büchern inszenierte Albert Speer geschickt sein Bild in der Öffentlichkeit.
Mit seinen erfolgreichen Büchern inszenierte Albert Speer geschickt sein Bild in der Öffentlichkeit. Dajana Richter
An den sogenannten Historiker-Schreibtische stellen Wissenschaftler Speers historischen Fake News aktuelle Forschungsergebniss
An den sogenannten Historiker-Schreibtische stellen Wissenschaftler Speers historischen Fake News aktuelle Forschungsergebnisse gegenüber. Dajana Richter
Die Ausstellung zu Albert Speer in Peenemünde lädt auch zum genauen Zuhören ein.
Die Ausstellung zu Albert Speer in Peenemünde lädt auch zum genauen Zuhören ein. Dajana Richter
Per Kopfhörer können die Ausstellungsbesucher an etlichen Stationen mehr erfahren.
Per Kopfhörer können die Ausstellungsbesucher an etlichen Stationen mehr erfahren. Dajana Richter
Die Ausstellung in Peenemünde deckt die Lebenslügen des Nationalsozialisten Albert Speer auf.
Die Ausstellung in Peenemünde deckt die Lebenslügen des Nationalsozialisten Albert Speer auf. Dajana Richter
Ausstellung zu Albert Speer in Peenemünde: der Kurator der Ausstellung Alexander Schmidt (links) und der Kurator des Hist
Ausstellung zu Albert Speer in Peenemünde: der Kurator der Ausstellung Alexander Schmidt (links) und der Kurator des Historisch-Technischen Museums Philipp Aumann. Dajana Richter
Peenemünde.

In fünf großen Lettern prangt sein Name neben der Treppe, die hinauf zur Ausstellung führt.
S – P – E – E – R. Albert Speer. Dieser Mann war nicht nur einer der Haupttäter des nationalsozialistischen Regimes, er war auch ein Meister der Selbstinszenierung. Denn obwohl der Architekt und Rüstungsminister einer der engsten Vertrauten Adolf Hitlers war, gelang es ihm mit geschickten Lügen und einem reumütigen Auftreten vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal, der Hinrichtung zu entgehen. Er platzierte erfolgreich die Legende, er habe von den NS-Verbrechen nichts gewusst und sei, von der Aura Hitlers verführt, in Krieg und Judenmord unbeteiligt hineingeraten.

Diese Lebenslüge, die erst nach Speers Ableben von Historikern entlarvt wurde, zeichnet die Ausstellung „Albert Speer in der Bundesrepublik. Vom Umgang mit der deutschen Vergangenheit“ nach. Die Schau, konzipiert vom Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg, ist bis zum 30. August im Historisch-Technischen Museum Peenemünde zu sehen.

2017 ist die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit Magnus Brechtkens, dem stellvertretenden Direktor beim Institut für Zeitgeschichte in München, entstanden. Der Historiker hatte gerade die biografische Studie „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ veröffentlicht. Darin räumt er mit den zahlreichen Legenden auf, die sich um Speers Leben ranken und meist aus Kalkül von dem Architekten selbst in die Welt gesetzt wurden. Auf diese Weise wollte er sich als „guten Nazi“ darstellen, der er nicht war.

Entlastungsbedürfnis der Deutschen bedient

Doch wie gelang ihm das? In der Ausstellung wird unter anderem Speers Medienpolitik beleuchtet. „Er hat es geschafft, seinen Namen zu einer Marke zu machen“, sagt Ausstellungs-Kurator Alexander Schmidt. Speer avancierte nach seiner Haftentlassung 1966 als geläuterter Zeitzeuge zum Medienstar. Zudem sprach er mit seinen erfolgreichen Büchern „Erinnerungen“ (1969) und die „Spandauer Tagebücher“ (1975) das Entlastungsbedürfnis der Deutschen an. Für viele war es durch die Aussagen Albert Speers möglich, die eigene Verantwortung zu relativieren. Wenn schon der Rüstungsminister nichts vom Judenmord wusste, dann musste das auf die meisten Deutschen zutreffen.

Speers Erfolg hängt auch damit zusammen, wie sich die Menschen zu dieser Zeit mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten. Das Interesse galt vor allem der Person Adolf Hitlers. Und über den hatte Speer natürlich jede Menge zu berichten. Damit ist er ein gefragter Gesprächspartner. „Die Gesellschaft war überzeugt, dass man den Nationalsozialismus nur verstehen kann, wenn man Hitler versteht“, erklärt Schmidt. Erst viel später fanden auch die Stimmen der NS-Verfolgten zunehmend Gehör.

Gegen historische Fake News

In der Ausstellung gibt es außerdem sogenannte Historiker-Schreibtische. Dort beantworten Wissenschaftler in Videobeiträgen Fragen zu Speer, zum Beispiel: Beteiligte sich Speer an der Judenverfolgung? Wie wurden Fälschungen Speers aufgedeckt? Welche Rolle spielte Speer beim Einsatz von Zwangsarbeitern? „Und genau das macht diese Ausstellung so aktuell. Denn hier werden historischen Fake News echte Fakten entgegengestellt“, so Schmidt.

So wird bei der Frage „Was hatte Speer mit den Konzentrationslagern zu tun?“ unter anderem ein Protokoll präsentiert, in dem Speer am 15. September 1942 das Ausbauprogramm für Auschwitz mit Kosten von 13,7 Millionen Reichsmark genehmigt. Dabei hatte er stets behauptet, nie direkt von Auschwitz gehört zu haben. Seine Schuld sei lediglich, dass er auf Andeutungen nicht weiter nachgefragt habe. „Das klingt für uns heute nicht sehr glaubhaft, aber er kam damals damit durch“, so Kurator Alexander Schmidt. Erst später konnten Dokumente seine Aussagen widerlegen.

Die Ausstellung ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Peenemünde

Kommende Events in Peenemünde (Anzeige)

zur Homepage

Kommentare (2)

Geschichte darf man nicht vergessen

Richtig - und von Geschichte kann man, muss man, sollte man lernen - sollte sich eine Gesellschaft qualifiziert weiterentwickeln