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Mit Behinderung auf Kreuzfahrt - Was ist zu beachten?

Mit dem Rollstuhl aufs Schiff: Immer mehr Menschen mit Behinderung unternehmen eine Kreuzfahrt (Archivbild).
Mit dem Rollstuhl aufs Schiff: Immer mehr Menschen mit Behinderung unternehmen eine Kreuzfahrt (Archivbild).
Andrea Warnecke

Für immer mehr Menschen mit Behinderung sind Kreuzfahrten reizvoll. Die Reedereien stellen sich verstärkt auf Bedürfnisse von Rollstuhlfahrern oder Menschen mit Sehbehinderung ein. Ein Überblick.

Nur eine Anreise, nur einmal den Koffer auspacken und trotzdem viele Orte zu sehen bekommen: Das große Plus von Kreuzfahrten wissen auch immer mehr Menschen mit Behinderung zu schätzen. „Dieser Markt wächst sehr stark”, sagt Karl Bock, Geschäftsführer von Runa Reisen. Der Veranstalter ist auf Urlaub für Menschen mit Behinderung spezialisiert – und die werden mobiler. „Es gehört einfach dazu, dass sie reisen”, ergänzt Helge Grammerstorf, Direktor des Kreuzfahrtverbandes Clia Deutschland. Und so machen die Reedereien mehr entsprechende Angebote. Das muss man wissen:

Welche Schiffe sind besonders geeignet für Menschen mit Behinderung?

„Amerikanische Reedereien sind in Sachen Barrierefreiheit besonders weit”, sagt Canan Brocks, die sich bei Runa Reisen vor allem um den Bereich Kreuzfahrt kümmert. „Da gibt es zum Beispiel absenkbare Roulettetische oder Lifte an den Pools.”

Doch auch bei anderen Reedereien tut sich viel. Nicht zuletzt aufgrund von EU-Vorgaben, wie Grammerstorf erläutert. Grundsätzlich sind meist neuere und größere Schiffe behindertengerechter, einfach weil es meist mehr Platz gibt. „Ich habe aber auch schon auf kleinen Expeditionsschiffen Menschen im Rollstuhl getroffen.” Runa Reisen bietet vor allem Seereisen von Aida Cruises, Tui Cruises, Norwegian Cruise Line, Hurtigruten, Royal Caribbean und Cunard an, daneben Mini-Kreuzfahrten mit Color Line.

Was ist in Sachen Kabinenauswahl zu beachten?

Auf größeren Schiffen gibt es meist deutlich mehr behindertengerechte Kabinen – die „Norwegian Getaway” zum Beispiel hat 42. Weniger sind es auf kleinen Schiffen, 2 zum Beispiel auf der „Europa 2” von Hapag-Lloyd Cruises.

In der Regel gibt es die speziellen Kabinen auch in unterschiedlichen Kategorien: von der Innen- über die Außen- bis hin zur Balkonkabine oder Suite. „Der größte Unterschied zu einer normalen Kabine ist der Platz”, sagt Lucille Seno, die sich als sogenannte Access Managerin auf der „Norwegian Getaway” um Passagiere mit Behinderung kümmert.

Daneben gibt es jedoch zahlreiche Details, die für Menschen mit Behinderung wichtig sind. Dazu gehören spezielle tiefere oder verstellbare Betten, Rampen zwischen Kabine und Balkon sowie mitunter automatisch öffnende Türen. In den Kleiderschränken sind oftmals herunterklappbare Kleiderhaken. Auch die Bäder sind anders: Duschen mit ebenem Einstieg, Toiletten mit Griff, spezielle Waschbecken.

Wie sieht es in den öffentlichen Bereichen aus?

„Es gibt keine Barrieren an Bord, keine Bereiche, die nicht zugänglich wären”, sagt Frank Neumann, Hotel Manager auf der „Europa 2”. Behindertengerechte WCs sind ohnehin längst Standard, egal ob auf „Europa 2”, „Norwegian Getaway” oder anderen Kreuzfahrtschiffen. Meist gibt es auch in den Restaurants reservierte Tische und im Theater freie Plätze für Rollstühle.

Da es nicht nur um Rollstuhlfahrer geht, sondern zum Beispiel auch um Menschen mit Sehbehinderungen: Wie reagieren die Reedereien hier?

Blindenschrift an den Griffen in den Gängen oder an den Kabinen ist mittlerweile eigentlich fast überall Standard. Auf der „Norwegian Getaway” gibt es sogar einen eigenen Braille-Drucker an Bord, um zum Beispiel das Tagesprogramm in Blindenschrift zu drucken. „Manche Passagiere rufen auch jeden Tag bei uns an, und wir lesen ihnen dann das Tagesprogramm vor”, berichtet Seno.

Welche Fahrtgebiete sind besonders beliebt?

Ein besonders beliebtes Fahrtgebiet ist bei Runa Reisen die Ostsee, alle Kreuzfahrten mit Abfahrthafen in Deutschland sind gefragt. Obwohl der Veranstalter auch Flüge organisiert, ist die Anreise hier für viele auch bequem mit Bahn oder eigenem Auto möglich.

Was sollten Menschen mit Behinderung bei der Planung einer Kreuzfahrt beachten?

Einen Tipp geben alle Experten: Frühzeitige Information ist ganz wichtig. „Auf jeden Fall vorher bei Reederei oder Reisebüro über die Gegebenheiten an Bord informieren”, rät Grammerstorf. Und dann auch eine Mitteilung an die Reederei, damit diese sich vorbereiten kann. „Manchmal haben wir Passagiere mit Rollstuhl an Bord und wir stehen da und sagen „Oh, das wussten wir gar nicht”», sagt Seno.

Was ist im Notfall zu beachten, zum Beispiel bei Seenot?

Bei Hapag-Lloyd Cruises steht für den Ernstfall, also zum Beispiel für eine etwaige Evakuierung des Schiffs, ein Handicap-Support-Team bereit. Einige Crew-Mitglieder sind zum Beispiel dafür eingeteilt, Gäste mit Gehbehinderung zu unterstützen, wenn die Fahrstühle nicht mehr in Betrieb sind.

Bei Norwegian Cruise Line gibt es ein ähnliches Team, das bei einem Notfall auch alle behindertengerechten Kabinen absucht. Diese sind zudem mit speziellen Alarmsystemen ausgestattet: Vibrationsalarm im Bett, Warnleuchten und natürlich Tonsignale.

Was ist bei Ausflügen zu beachten?

An Bord gibt es mittlerweile kaum noch größere Schwierigkeiten für Menschen mit Behinderung. Anders bei den Landausflügen. „Da hakt es noch an einigen Stellen”, sagt Bock. Viele Reedereien setzen bei ihren Ausflügen Standardbusse ein, die für Rollstuhlfahrer nur schwer benutzbar sind.

Und auch an vielen Sehenswürdigkeiten gibt es Hindernisse: So sei zum Beispiel der Katharinenpalast in St. Petersburg für Rollstuhlfahrer nicht über den regulären Besucherpfad zugänglich. Deshalb bietet Runa Reisen seinen Gästen in etlichen Destinationen eigene Ausflüge an.

Norwegian Cruise Line liefert Hinweise, welche Ausflüge für Rollstuhlfahrer geeignet sind und welche nicht. Bei den Bussen lassen sich laut Seno meist Lösungen finden. Bei einigen Sehenswürdigkeiten gibt es aber ihrer Erfahrung nach Einschränkungen, etwa wenn Hauptsehenswürdigkeiten nicht zugänglich sind.

Mitunter kann es bei Ausflügen auch etwas komplizierter sein, überhaupt an Land zu kommen. „Je nach Wasserstand ist die Gangway unter Umständen sehr steil”, sagt Neumann. In diesem Fall helfen Besatzungsmitglieder.

Schwierig wird es jedoch beim Tendern, sprich wenn das Schiff nicht am Kai festmacht, sondern die Passagiere mit kleinen Booten an Land gebracht werden. „Bei extrem starkem Wellengang könnte es sein, dass wir jemanden nicht ins Tenderboot bringen können”, sagt Seno. Das sei bislang aber noch nie vorgekommen. „Wir finden grundsätzlich immer Wege.”