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Helmut Schmidt wollte nie auf Plünderer schießen lassen

Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt und Oberstleutnant Hans Busch (2.v.l.) verteilen im Dezember Dezember 1962 die Dankmedaille der Freien und Hansestadt Hamburg an 400 Soldaten für deren Einsatz während der Flutkatastrophe.
Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt und Oberstleutnant Hans Busch (2.v.l.) verteilen im Dezember Dezember 1962 die Dankmedaille der Freien und Hansestadt Hamburg an 400 Soldaten für deren Einsatz während der Flutkatastrophe.
Blumenberg/dpa

Hatte der legendäre Altkanzler während der Sturmflut 1962 wirklich einen Schießbefehl gegeben? Eine Schlagzeile legt dies nahe und verbreitet sich im Internet rasant. Ein Faktencheck.

Durfte während der Sturmflut in Hamburg auf Plünderer geschossen werden? Eine Schlagzeile der Bild-Zeitung aus dieser Zeit legt dies nahe. „Auf Plünderer wird geschossen!”, schrieb das Blatt im Februar 1962. Der Befehl dazu kam mutmaßlich aus der Innenbehörde, damals geführt von Helmut Schmidt (SPD).

Sein Krisenmanagement während der Naturkatastrophe gehört bis heute zu den großen Lebensleistungen des späteren Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Doch ging er damals wirklich so weit? Amtliche Dokumente von damals zeigen vielmehr das Gegenteil. Sie stammen aus dem Helmut-Schmidt-Archiv im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn.

Während der Flut hat die Innenbehörde ein „Katastrophen-Tagebuch” geführt, um ihren Ablauf zu dokumentieren. Darin finden sich unter anderem diese Einträge vom 18. Februar 1962:

"17.40 Uhr Das Deutsche Fernsehen verbreitet in einer Fernsehsendung u.a. eine angebliche Anordnung der Polizeibehörde, nach der im Katastrophengebiet auf etwaige Plünderer geschossen werden soll.”

"23.55 Uhr Zu der Fernsehsendung um 17.40 Uhr wird auf Anordnung von Senator Schmidt eine Klarstellung an die Hamburger Morgenpost, die BILD-Zeitung und dpa erteilt, in der festgestellt wird, daß die Anordnung, auf Plünderer zu schießen, nicht gegeben wurde.”

"Gerüchte über Plünderungen sind unzutreffend"

In einem Vermerk zu einer Lagebesprechung beim Innensenator heißt es am 19. Februar:

"Plünderungen: Gerüchte über Plünderungen sind unzutreffend. Bedauerlicherweise haben einige Peterwagen unberechtigt, aber in persönlich gutem Glauben, in Wilhelmsburg über Lautsprecher bekannt gemacht, daß auf Plünderer sofort geschossen würde. Senator hatte eine solche Maßnahme vorher untersagt. Bundeswehr hat ebenfalls keine Plünderungen festgestellt. Lediglich an den Versorgungspunkten außerhalb des K-Gebietes sollen Diebstähle vorgekommen sein. Bisher konnten jedoch keine greifbaren Feststellungen gemacht werden."

Diesen vermeintlichen Schießbefehl hat es also nie gegeben. Seit einigen Tagen wandert das Foto der Bild-Schlagzeile durchs Internet. Während der G20-Krawalle in Hamburg, bei denen Randalierer auch einen Supermarkt geplündert hatten, schrieb die AfD-Abgeordnete Christel Weißig aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern auf Facebook: "Plünderer werden sofort erschossen, warum gilt es bei uns nicht?"

Nachdem der Nordkurier und andere Medien darüber berichteten, postete die AfD-Fraktion die Bild-Schlagzeile. Dies geschah anscheinend, um die Wortwahl ihrer Abgeordneten und die Empörung darüber zu entkräften. Seitdem wurde das Gerücht bereits vielfach von Lesern weiterverbreitet und in den Kommentarspalten verschiedener Zeitungen wiederholt.

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