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Milchspenden fremder Mütter helfen Frühchen

Erst 2007 begann das Klinikum in Neubrandenburg wieder, überschüssige Milch stillender Mütter zu sammeln und für Frühchen in Not aufzubereiten. 2014 zog die Uniklinik Greifswald nach.
Erst 2007 begann das Klinikum in Neubrandenburg wieder, überschüssige Milch stillender Mütter zu sammeln und für Frühchen in Not aufzubereiten. 2014 zog die Uniklinik Greifswald nach.
Stefan Sauer

Wenn eine Frau ihr zu früh geborenes Baby nicht oder noch nicht stillen kann, ist die Milch fremder Frauen besser als jede künstliche Nahrung. Manche Frau spendet daher ihre überschüssige Milch.

Die kleine Johanna schmatzt, dann fallen ihr beim Trinken an Mamas Brust die Augen zu. Das drei Monate alte Baby wächst prächtig, obwohl es noch Muttermilch übrig lässt. Die pumpt ihre Mama ab und spendet sie dem Klinikum Neubrandenburg.

Vor allem Frühchen brauchen Muttermilch, die aus Sicht von Ärzten viel mehr ist als nur Nahrung. Wenn die eigene Mutter keine oder noch keine Milch hat, ist Milch von fremden Müttern die zweitbeste Option. Sie liefert neben menschlichen Eiweißen, Fetten und Kohlehydraten auch Immunstoffe, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente. „Bei Frühgeborenen besteht ein hohes Risiko für eine tödliche Darminfektion”, sagt die Greifswalder Medizinerin Anja Lange. Mit Frauenmilch aufgezogene Frühchen erkrankten kaum daran.

16 Kliniken in Mecklenburg-Vorpommern mit Geburtshilfestation

Auch die Langzeitprognosen dieser Babys seien günstiger: Sie haben seltener Übergewicht und Allergien, das Gehirn entwickelt sich besser. Wenn eine Mutter nicht oder noch nicht stillen kann, ergebe sich die Notwendigkeit von Frauenmilchspenden, schlussfolgert Lange.

Anfang der 1990er Jahre wurden in Ostdeutschland wie schon zuvor im Westen die Frauenmilchsammelstellen an Krankenhäusern geschlossen. „Das war das erste, was nach der Wende wegfiel”, sagt eine Schwester der Geburtsklinik am Hanse-Klinikum Stralsund. In Stralsund wurde Frauenmilch auch aus anderen Krankenhäusern gesammelt und aufbereitet, wie etwa dem in Bergen auf Rügen, das dafür keine eigenen Kapazitäten hatte.

Heute haben in Mecklenburg-Vorpommern von 16 Kliniken mit Geburtshilfestationen nur zwei eine Frauenmilchbank – in Greifswald und Neubrandenburg. In den anderen Kliniken sagen die Mitarbeiterinnen: Das gibt es schon lange nicht mehr. Schwerin hat zwar noch eine Milchküche, sie wird aber nur im Einzelfall genutzt. Das Gesundheitssystem finanziert Frauenmilchbanken nicht. Die Kosten dafür trügen die Kliniken selbst, sagt Lange. Eine Kostenanalyse für Greifswald soll jetzt im Rahmen einer Doktorarbeit gemacht werden.

Kindern helfen, die keinen guten Start ins Leben hatten

Auch in Neubrandenburg und Greifswald war die Tradition der Frauenmilchspende nach 1990 unterbrochen. Greifswald begann 2014 wieder damit, Neubrandenburg schon 2007. „Das Know-how war noch da”, erinnert sich Schwester Daniela Thees. Anfangs größer geplant, soll die Frauenmilchsammelstelle heute nur den Eigenbedarf der Neubrandenburger Klinik decken. Planbar ist der nicht. „Wenn ein Überschuss da ist, wird er auch zum Verkauf angeboten”, sagt Thees.

In den Vorjahren hatte die Klinik meist vier bis fünf Spenderinnen, derzeit gibt es nur eine. Die 34-Jährige hat im Mai ihr zweites Kind bekommen. Ihre Hebamme habe ihr gesagt, dass sie gut zwei Babys ernähren könnte, berichtet sie. „Der Aufwand für das Abpumpen ist relativ gering, wenn man weiß, dass man damit Kindern helfen kann, die keinen so guten Start ins Leben hatten.”