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Warum sich die Bundesliga auf Konsolen-Zocker einschießt

Man kann die Augen vor der Digitalisierung nicht verschließen, warnt Robin Dutt. Der Ex-Bundesligatrainer hat zwar noch immer eine große Leidenschaft für den klassischen Fußball. Doch Dutt ist der Meinung, dass auch E-Sport große Chancen für die Branche bietet.

Robin Dutt arbeitete als Trainer beim SC Freiburg, bei Bayer Leverkusen und Werder Bremen und war DFB-Sportdirektor. Zuletzt war der 52-Jährige Vorstand des VfB Stuttgart.
Peter Steffen Robin Dutt arbeitete als Trainer beim SC Freiburg, bei Bayer Leverkusen und Werder Bremen und war DFB-Sportdirektor. Zuletzt war der 52-Jährige Vorstand des VfB Stuttgart.

Jahrelang war Robin Dutt als Bundesligatrainer aktiv, nun engagierte er sich in der virtuellen Fußballwelt. Seit einiger Zeit ist Dutt Berater der Agentur „eSports-Reputation”. Im Interview erklärt der 52-Jährige, welche Möglichkeiten E-Sport bietet, warum Deutschland noch aufholen kann und weshalb er dennoch nicht in einer komplett digitalisierten Sportwelt leben möchte.

Warum sehen Sie so ein großes Potenzial im E-Sport?

Der reale Fußball muss sich insbesondere mit den 14- bis 30-Jährigen auseinandersetzen, dass die jungen Leute auch in Zukunft noch ins Stadion gehen. E-Sport bietet eine Möglichkeit, diese Zielgruppe zu erreichen und über das Gaming an den Verein heranzuführen. Die Fußballvereine versuchen, alle möglichen Märkte, vor allem die asiatischen, zu erobern. Mit prominenten E-Sportlern unter Vertrag könnte man online weitaus öfter auf diesen Märkten präsent sein, als nur einmal im Jahr die Bundesligamannschaft nach Asien zu schicken. Auch viele Werbepartner könnten ihr Sponsoring künftig von E-Sport-Engagement des Vereins abhängig machen.

Schmerzt Ihnen als leidenschaftlicher Vollblut-Fußballer nicht das Herz, wenn die Sportstars der Zukunft vor der Konsole sitzen?

Ich hoffe, dass die Balance zwischen klassischem und virtuellem Sport ausgewogen bleibt. Aber wir leben in einer digitalisierten Welt. Wir lernen in der Schule nicht mehr an der Schiefertafel, Laptops und iPads sind völlig normal. Wir haben alles digitalisiert, da kann man nicht daran festhalten, dass nur beim Fußball alles so bleibt, wie es immer war.

Es hilft ja nichts, die Augen zu verschließen, und wenn wir sie öffnen, sind statt 80 000 Zuschauern nur noch 8000 im Stadion. Die Welten werden sich vermischen, und es ist mein Anliegen, dass beide Welten überleben, dass wir nicht irgendwann nur noch in einer komplett digitalisierten Sportwelt leben.

Wo steht Deutschland in Sachen E-Sport im internationalen Vergleich?

Deutschland hinkt noch etwas hinterher. Wir haben beispielsweise keinen Top-E-Sportler unter den ersten 20 der Welt, was die Preisgelder betrifft. Und schauen Sie in die Niederlande oder nach Frankreich – dort sind inzwischen alle Fußball-Erstliga-Vereine verpflichtet, eine E-Sport-Abteilung einzurichten. Da ist noch Luft nach oben.

E-Sport ist längst zu einer ernstzunehmenden Branche, zu einem lukrativen Geschäft geworden - große Stars, Millionen Fans und riesige Turniere mit hohen Gagen inklusive. Das haben auch die ersten Bundesligavereine erkannt, die sich zunehmend in diesem Bereich engagieren. Den Anfang machte 2015 der VfL Wolfsburg, später folgten der FC Schalke 04 und zuletzt der VfB Stuttgart, der Mitte Juli eine E-Sport-Abteilung gründete und zwei Profis für das Computerspiel FIFA 17 unter Vertrag nahm.

Beim E-Sport werden Computerspiele wie „League Of Legends“, „Dota 2“, „Counterstrike“ oder eben die Fußball-Simulation FIFA auf Wettbewerbsebene ausgefochten. Längst haben sich, wie im normalen Sport auch, Ligen etabliert, in denen die Profis gegeneinander antreten. Und bei den Asienspielen 2022 ist E-Sport bereits Teil des offiziellen Programms.

Am kommenden Wochenende organisiert der Fußball-Weltverband FIFA in London den ersten „Interactive Club World Cup“, bei dem die Gamer verschiedener Clubs gegeneinander antreten. Neben Schalke und Wolfsburg haben sich beispielsweise Manchester City, Paris Saint-Germain oder die PSV Eindhoven qualifiziert.

Wie es aussieht, wenn die Elektrosportler zusammenkommen, um gegeneinander anzutreten, zeigt Sony in einem Clip auf Twitter:

 

 

Aber handelt es sich überhaupt um eine richtige Sportart? Für viele ist die Vorstellung sicher gewöhnungsbedürftig. Ingo Froböse hat sich lange mit der Frage auseinandergesetzt. Für den Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln ist E-Sport ein Sport, weil er kompetitiv ist und viele biologische und körperliche Reaktionen zeige, die man auch im klassischen Sport finde - beispielsweise erhöhte Herzfrequenzen, Stressreaktionen, hormonelle Veränderungen.

Außerdem brauche es kognitive Fähigkeiten, ein technisches und taktisches Verständnis und eine schnelle Reaktionsfähigkeit. Professionelle Gamer sollten nicht nur an der Konsole, sondern auch ihren Körper trainieren und auf die Ernährung achten.

Froböse sieht aber auch Probleme: „Doping wird immer mehr ein Thema.“ Kontrollen seien bei Online-Spielen schwer durchführbar, und in der Szene fehlten die Strukturen des klassischen Sports. Positiv hervor hebt der Wissenschaftler die hohe integrative Wirkung des E-Sports. „Die Spieler sind international unterwegs, das ist wie eine große globale Familie, da gibt es keine interkulturellen Hemmnisse.“