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Zehntausende Notrufe sind keine Hilferufe

Die Polizei hat viel Arbeit mit unerwünschten Notrufen (Symbolbild).
Die Polizei hat viel Arbeit mit unerwünschten Notrufen (Symbolbild).
Sophia Weimer

Manche Anrufer erlauben sich einen Streich, andere melden Lappalien oder wollen einfach nur reden. Die Einsatzleitstellen von Polizei und Feuerwehr in Brandenburg haben Tag für Tag mit Notrufen zu tun, die gar keine sind.

In Zehntausenden Anrufen, die jährlich in den Notrufzentralen von Feuerwehr und Polizei in Brandenburg eingehen, geht es gar nicht um Notfälle. Das ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Nach Auskunft des Potsdamer Polizeipräsidiums sind bis zu 20 Prozent der rund 400.000 pro Jahr in der Einsatzleitstelle in Potsdam eingehenden Notrufe keine echten Hilferufe in Notsituationen.

„Einige Leute geben uns unter Alkoholeinfluss auch irgendwelche Schwachsinnsbeschreibungen”, sagte Präsidiumssprecher Mario Heinemann. Seitdem es nicht mehr möglich ist, Notrufe über Mobiltelefone ohne Sim-Karte zu tätigen, wird die Rettungshotline aber bedeutend weniger missbraucht.

Strafanzeige droht

„Die Situationen sind vielfältig bis skurril”, berichtet Heinemann. So habe einmal eine ältere Dame den Notruf gewählt, nur um den Beamten mitzuteilen, dass sie ihre Katze nicht finden könne. Ein anderer Anrufer habe um eine Wegbeschreibung gebeten. Bei Anrufen, die keinen Notrufcharakter haben, würden die Anrufer höflich aber bestimmt belehrt. Bei gravierenden Handlungen werde von Amts wegen eine Strafanzeige wegen Notrufmissbrauchs erstattet – allerdings bestehe hier die Schwierigkeit, dem Anrufer einen Vorsatz nachzuweisen.

„Wer Notrufe oder Notzeichen missbraucht oder vortäuscht, dass wegen eines Unglücksfalls oder wegen gemeiner Gefahr oder Not die Hilfe anderer erforderlich sei, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft”, zitiert der Sprecher des Landesfeuerwehrverbands, Sebastian Kalabis, aus dem Strafgesetzbuch. Vorsätzlicher Missbrauch könne übrigens nicht durch das Unterdrücken der Anzeige der eigenen Telefonnummer vertuscht werden. „Die Leitstellen sehen die Nummer des Anrufenden immer, in jedem Fall”, betont er.

Streiche von Kindern

Vom Mobiltelefon aus war es bis vor acht Jahren noch möglich, Notrufe ohne Sim-Karte, also auch ohne Nummer, auszusenden. Um dem Missbrauch der Rettungshotline entgegenzuwirken, war diese Möglichkeit 2009 durch eine Änderung der Notrufverordnung des Telekommunikationsgesetzes versperrt worden. „Seitdem sind die falschen Notrufe spürbar zurückgegangen”, berichtet Lutz Freudenberg, Lagedienstführer der Feuerwehr-Leitstelle Lausitz in Cottbus – einer von insgesamt fünf Leitstellen der Feuerwehr in Brandenburg. „Früher hatten uns die Anrufer noch extrem verarscht”, sagt er. Heute erlaubten sich allenfalls noch einige Kinder in den Ferien solche Streiche.

Doch egal ob die Anrufer den Rettungskräften bereits für ihre zweifelhafte Seriosität bekannt sind – wenn wichtige Begriffe wie „Feuer”, „Verletzte” oder „Gefahr” fallen, müssen sie ausrücken. Aber nicht immer gleich in voller Manschaftsstärke, sagt der Lagedienstführer. Denn so ein Einsatz ohne Notfall könne den Steuerzahler schnell mal bis zu 700 Euro kosten.

Irrtümer nicht ausgeschlossen

Es gibt auch Notrufe, die im besten Glauben getätigt wurden, aber auf einem Irrtum oder einer falschen Einschätzung beruhen. Das müssen die Helfer akzeptieren. „Lieber einmal zuviel von Rauchentwicklung berichten, als dass wir zu spät kommen”, empfiehlt Lutz Freudenberg.

Manchmal würden sich die Beamten am Notruftelefon an ruhigen Tagen auch Zeit für ein Gespräch mit Anrufern nehmen, die „einfach nur reden wollen”, wie Mario Heinemann berichtet. „Mit guter Kommunikation kann man viel erreichen und möglicherweise sogar Unheil vorbeugen”, sagt der Präsidiumssprecher.